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Von der Gaming-Sucht zum Präventions-Experten, mit Florian Buschmann

S2 E2 · Aktiv gegen Mediensucht: Der Podcast
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143 Plays4 months ago

Mit 14 Jahren rutschte Florian Buschmann in die Computerspielsucht - heute ist er Gründer von Offline-Helden und eine der bekanntesten Stimmen in der Mediensuchtprävention in Deutschland.  Weil er beide Seiten kennt, erklärt niemand besser, warum Gaming so fesselt: welche Mechanismen dahinterstecken, warum besonders Multiplayer-Games so schwer loszulassen sind und wann aus normalem Spielen ein Verhalten wird, das das eigene Leben bestimmt.  Eine ehrliche Folge ohne erhobenem Zeigefinger.

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Transcript
00:00:01
Tobia Martinez
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, willkommen zu einer neuen Folge von Aktiv gegen Mediensucht, dem Podcast, der sich mit Prävention, Selbsthilfe und Lösungsansätzen bei problematischer Mediennutzung auseinandersetzt.
00:00:13
Tobia Martinez
Heute habe ich einen ganz besonderen Gast, Florian Buschmann, Gründer der Offline-Helden und eine der beeindruckendsten Stimmen im Bereich Mediensuchtprävention in Deutschland.
00:00:23
Tobia Martinez
Was Florians Geschichte so außergewöhnlich macht, ist, dass er beide Seiten kennt.
00:00:27
Tobia Martinez
Mit 14 Jahren rutschte er selbst in die Computerspielsucht ab.
00:00:30
Tobia Martinez
Aber er schaffte den Ausstieg, studierte Psychologie und machte seine persönliche Erfahrung zur Mission.
00:00:37
Tobia Martinez
Mit den Offline-Helden führte sein Team im vergangenen Jahr 500 Veranstaltungen durch und erreichte über 13.000 Teilnehmer.
00:00:45
Tobia Martinez
Die Evaluationen zeigen, die durchschnittlich gewünschte Bildschirmzeit sinkt nach den Workshops um eine halbe Stunde.
00:00:51
Tobia Martinez
Florian, herzlich willkommen!
00:00:54
Florian
Ja, schön, dass ich bei euch sein kann.
00:00:57
Tobia Martinez
Danke, dass du da bist.
00:00:58
Tobia Martinez
Wenn du jetzt mal ein bisschen zurückschaust auf deine Geschichte, wann genau hast du gemerkt, dass aus normalem Gaming etwas wurde, das dich gefangen genommen hat?
00:01:09
Florian
Ich würde sogar noch ein Stück früher einsetzen.
00:01:13
Florian
Denn tatsächlich, was mir gerade in den Kopf kommt, und das ist auch unfassbar interessant, wann habe ich denn überhaupt so diesen Drang gehabt, mich das erste Mal wirklich in diese virtuelle Welt zu flüchten, mich dorthin zurückzuziehen?
00:01:26
Florian
Damals, als meine Eltern sich gestritten haben, wo ich ganz klein war, da war ich vielleicht sieben, acht Jahre alt, ich hatte so ein kleines Radio, das war Silbern, da hast du alle Sender gehören, könntest du dort eben hören.
00:01:39
Florian
Und immer wenn meine Eltern sich gestritten haben, habe ich Musik gehört, habe ich Radio gehört und das unter meinem Kopfkissen.
00:01:43
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:01:46
Florian
Das war schon so der erste Moment, wo ich mich in diese digitale Welt zurückgezogen habe.
00:01:52
Florian
Irgendwann mal bin ich dann draufgekommen, okay Mensch, da gibt es noch viel mehr, da gibt es Computerspiele.
00:01:56
Florian
Ich war super begeistert davon und habe damit begonnen.
00:01:58
Florian
Ja, FIFA, ich habe mal hier einen Trick gehabt, mal dort die Passwörter rausgefunden.
00:02:02
Florian
Das war alles noch im Rahmen.
00:02:04
Florian
Bis zu dem Zeitpunkt...
00:02:07
Florian
wo alles gekippt ist.
00:02:08
Florian
Da hat sich in meinem Leben alles vom einen auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt und mir wurde wie so der Fußboden unter den Füßen weggezogen.
00:02:16
Florian
Ich habe auf einmal keinen Halt mehr gehabt.
00:02:19
Florian
Meine Eltern haben sich getrennt, mein Opa ist gestorben, ich habe Missbraucher erlebt, Panikattacken bekommen und einen sehr, sehr schweren Unfall gehabt, wo niemand wusste, ob ich überhaupt lebend aus der Klinik wieder rauskomme.
00:02:29
Florian
Das alles in einem halben Jahr, wo ich überhaupt nicht wusste, wohin mit mir.
00:02:33
Florian
Das hat mir so den Boden weggerissen, dass diese virtuelle Welt eine willkommene Antwort war und ich mich dorthin zurückziehen konnte.
00:02:40
Florian
Ich erinnere mich an eine Situation, nachdem mein Opa gestorben war, saß ich am Computer und mir ging es überhaupt nicht gut.
00:02:48
Florian
Ich hatte das im Hinterkopf und in dem Moment habe ich das erste Mal in Schuss auf einem Ego-Shooter getätigt.
00:02:53
Florian
Und ich dachte mir so, boah, ist das krass.
00:02:57
Florian
Damit kann ich mir alles aus dem Kopf ballern.
00:02:59
Florian
Und in dem Moment habe ich mich ganz bewusst entschieden, in diese virtuelle Welt abzutauchen.
00:03:05
Tobia Martinez
Hast du dich in diesen Momenten ähnlich gefühlt wie damals als kleines Kind mit dem Radio?
00:03:10
Tobia Martinez
Wie kannst du das denn so beschreiben?
00:03:13
Florian
Tatsächlich, ja, da ist so ein Muster, was sich auch weiter gesponnen hat und halt immer wieder aufgetreten ist, weil ich einfach mit diesen Emotionen, mit dieser emotionalen Last einfach gar nicht umgehen konnte.
00:03:26
Tobia Martinez
Welche Spiele haben dich denn so am stärksten gefesselt?
00:03:28
Tobia Martinez
Was war daran so interessant?
00:03:31
Florian
Also ich habe tatsächlich am Anfang FIFA gespielt, dann die Stämme, das ist so ein Multiplayer-Online-Game, wo du dir ein kleines Dorf aufbaust.
00:03:39
Florian
Und das hat mir das erste Mal so richtig eine Identität gegeben, weil dort war ich mit einem befreundet, das war einer der Weltbesten und der hat wahnsinnig viel erreicht, ja, der hatte auch
00:03:51
Florian
sehr viele Stunden und wenn du von einem an die Hand genommen wirst, der einer der Besten ist, dann bist du auch plötzlich jemand.
00:03:57
Florian
Dann hast du auch irgendwas erreicht, dann unterstützt er dich, dann supportet er dich.
00:04:01
Florian
Und das war wie so eine Online-Freundschaft, die in dem Moment entstanden ist, bis hin dazu, dass dann, ja, natürlich schaffst du dann mal die Welt nicht, natürlich musst du dann mal wieder neu anfangen und den Antrieb hatte ich dann nicht und in dem Moment bin ich dann rüber zu Ego-Shootern, was dann einfach ein wesentlich stärkerer Reiz war.
00:04:19
Tobia Martinez
In welchem Alter befinden wir uns jetzt hier in der Geschichte?
00:04:25
Florian
Mit 13,14.
00:04:25
Florian
Genau.
00:04:29
Tobia Martinez
Du beschreibst dich ja auch als Gefangener dieser virtuellen Realität.
00:04:33
Tobia Martinez
Kannst du uns ein bisschen so zeigen, wie dein Alltag als 13-, 14-Jähriger aussehen würde?
00:04:40
Florian
Also als 13-, 14-Jähriger habe ich natürlich damals, wo ich noch dieses Online-Game gespielt habe, habe ich mir einen Wecker mitten in der Nacht gestellt, weil mir klar war, okay, dann und dann kommen meine Truppen aus dem Dorf zurück, dann und dann ist das fertig gebaut, dann kann ich die Bauarbeiter von X nach Y schicken.
00:04:55
Florian
Ich kann also wieder agieren, ich kann wieder handlungsfähig sein.
00:05:01
Florian
Ja, dann bin ich natürlich wieder schlafen gegangen, habe so meine Aufgaben halt absolviert.
00:05:08
Florian
Später, wo ich die Ego-Shooter dann für mich entdeckt hatte, habe ich mir natürlich auch mitten in der Nacht einen Wecker gestellt oder habe sowieso gar nicht geschlafen und habe dann Mitternacht gespielt.
00:05:20
Florian
Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht, ich war super müde, ich hatte keine Lust aufzustehen, ich hatte keine Lust rauszugehen, ich hatte auf überhaupt nichts Lust.
00:05:26
Florian
Das Erste, was mich wachgehalten hat, war mein Handy, was neben mir lag, was ich mir genommen habe, drauf geschaut habe.
00:05:33
Florian
Und man dachte so, ja, warum soll ich überhaupt aufstehen?
00:05:38
Florian
Mein Vater war dann auf Arbeit gegangen, ich habe mich an den Rechner gesetzt und habe begonnen zu spielen.
00:05:43
Florian
Irgendwann habe ich auf die Uhr geschaut und festgestellt, oh shit, jetzt ist es Zeit.
00:05:43
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:05:47
Florian
Ich musste eigentlich schon lange in der Schule sein, ich hatte einen Schulweg von über einer Stunde.
00:05:52
Florian
Das heißt, ich musste umsteigen oder ich musste 35 Minuten mit dem Fahrrad fahren.
00:05:56
Florian
Ich habe mir gesagt, ach komm, das kannst du dir jetzt eigentlich auch noch sparen.
00:06:00
Florian
Warum willst du jetzt in die Schule gehen?
00:06:01
Florian
Du kannst doch hier bleiben.
00:06:02
Florian
Du wirst ja sowieso auch Profi in dem werden, was du wirst.
00:06:06
Florian
Also was soll die Schule überhaupt in dem Moment?
00:06:09
Florian
Und was wichtig ist, bevor wir dort weiter abgleiten oder ausholen, meinen Eltern mache ich überhaupt keinen Vorwurf.
00:06:17
Florian
Natürlich hätten sie das eine oder andere besser machen können oder anders machen können.
00:06:22
Florian
Sie wussten es aber einfach in vielen Momenten nicht besser.
00:06:25
Florian
Und das ist mir immer ganz, ganz wichtig.
00:06:27
Florian
Meine Eltern sind, ich werde ganz oft gefragt, ob ich eine gute Beziehung zu meinen Eltern habe.
00:06:30
Florian
Ich liebe meine Eltern.
00:06:32
Florian
Das sind ganz, ganz tolle Menschen.
00:06:34
Florian
Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder.
00:06:36
Florian
Ich mag die Menschen alle unfassbar sehr.
00:06:39
Florian
Und ich habe diese Beziehungen für mich halt so ein Stück weit bereinigt.
00:06:42
Florian
Natürlich hätte man sich das eine oder andere wünschen können.
00:06:45
Florian
Aber im Grunde genommen ist es mir auch wichtig, in so einer Situation die Eltern ein Stück weit zu entlasten.
00:06:51
Florian
Weil ganz oft weiß man es einfach nicht besser.
00:06:52
Florian
Ganz oft hat man selbst traumatische Erlebnisse, mit denen man nicht klarkommt und dementsprechend gar nicht wirklich agieren kann.
00:06:58
Florian
Und das ist einfach so ein multifunktionales Geflecht, was es unfassbar schwer macht, dort einfach so zu sagen, okay, ich verändere jetzt einfach was.
00:07:07
Tobia Martinez
Denkst du, damals hat das Bewusstsein vielleicht noch nicht so existiert für diese Problematiken oder hattest du einfach sehr viel Vertrauen genossen, das so, das kenne ich selber persönlich gut, dass ja, der weiß schon, der kann das schon, die Noten sind okay und ja.
00:07:15
Florian
Ja.
00:07:38
Florian
Ich habe damals Shorts auf YouTube hochgeladen gehabt, wo eine regelreichte Hassterade war.
00:07:44
Florian
Was willst du und nimm dem Kind einfach alles weg und ist doch alles nicht so schlimm.
00:07:48
Florian
Inzwischen merke ich, dass das, was wir tun, auf eine viel, viel größere Akzeptanz stößt.
00:07:54
Florian
Ich will dem gar nicht von weggreifen, weil wir befinden uns auf einem Weg, wo Bewusstsein wächst und das finde ich unglaublich wertvoll.
00:08:03
Tobia Martinez
Wenn man so deinen sozialen Kreis damals betrachtet, hattest du noch Offline-Freunde oder hat sich schon alles online begeben?
00:08:12
Florian
Also mit den Offline-Freunden, ja, da hatte ich noch den ein oder anderen.
00:08:14
Florian
Age of Empires kennt natürlich auch jeder.
00:08:16
Florian
Und das war auch so eine Zeit, wo ich gelernt habe, dass die Regeln, die meine Eltern gemacht haben, überhaupt keine Relevanz haben, weil der, mit dem ich gezockt habe, der hatte keine Regeln.
00:08:26
Florian
Also war ich bestimmt drei, vier Mal die Woche bei ihm und habe dann halt sechs Stunden gespielt.
00:08:30
Florian
Und
00:08:31
Florian
Das war so ein sozialer Kontakt, wo ich Anknüpfungspunkte hatte, wo ich begeistert war, wo ich aber auch gelernt habe, das, was meine Eltern für Regeln vorgeben, das hat überhaupt keine Wertigkeit.
00:08:42
Florian
Im Weiteren hatte ich natürlich Freunde aus der Schule, aus dem realen Leben, mit denen ich gemeinsam online gezockt habe, aber gleichzeitig eben auch ganz, ganz viele Online-Freundschaften oder Kontakte,
00:08:57
Florian
Können wir vielleicht später nochmal zu ausholen, wo ich dann irgendwann mal realisiert habe, das sind gar nicht die Menschen, von denen ich immer geglaubt habe, dass sie das sind.
00:09:06
Tobia Martinez
Jetzt, wenn du da nachts um Mitternacht ein, zwei Uhr morgens gespielt hast, hast du dir gedacht so, ja, okay, das ist geil, das ist ein tolles Leben?
00:09:15
Tobia Martinez
Oder war es auch schon dieser Hintergedanke von, vielleicht sollte ich das hier gerade gar nicht tun?
00:09:21
Florian
Interessanterweise, das ist cool, dass du das fragst, dieser Gedanke, ob ich das tun sollte oder nicht, der kam dann
00:09:28
Florian
Boah, der kam so neunte Klasse, mit 15 kam der so in etwa dazu.
00:09:32
Florian
Können wir auch nochmal über die triggernden Erlebnisse sprechen, das ist bestimmt spannend, aber vorher fand ich mich mega geil.
00:09:37
Tobia Martinez
Mhm.
00:09:38
Florian
Ich dachte, ich bin der Champion, ich bin der Held.
00:09:42
Florian
Das wird ja natürlich auch so schön von dem Spiel suggeriert.
00:09:45
Florian
Du bist der Held, du schaffst was.
00:09:47
Florian
Interessant ist auch immer zu schauen, welchen Charakter spielt man eigentlich.
00:09:51
Florian
Wenn ich mich retrospektiver anschaue, ich war eigentlich immer der Sanitäter.
00:09:55
Florian
Warum?
00:09:55
Florian
Warum?
00:09:56
Florian
weil der Sanitäter eine supportive, also eine unterstützende Funktion im Team hat und dadurch habe ich mich wertvoll gefühlt.
00:10:04
Florian
Ich war Teil einer Community, ich konnte was Wertvolles zu beitragen und habe dort so meine Aufgabe im Leben halt entdeckt, die mir halt in der Realität einfach ein Stück weit gefehlt hat.
00:10:16
Tobia Martinez
Was denkst du, warum das so kam?
00:10:19
Tobia Martinez
Als du 15 warst du so, vielleicht sollte ich das nicht tun.
00:10:23
Florian
Warum das so kam, dass ich dann diesen Gedanken gehabt habe, ich habe so ein Gespräch mit meiner Klassenlehrerin gehabt, die hat mir offenbart, okay Florian, deine Noten sind so abgrundtief, wenn du so weitermachst, dann wird das alles nichts mehr.
00:10:34
Florian
Trotzdem hat man mir gesagt, wir wollen dich gern motivieren und wir lassen dich auf einen Schüleraustausch nach Rumänien.
00:10:42
Florian
Das heißt, für eine Woche bin ich nach Rumänien gefahren, ohne große digitale Geräte und das war eine wahnsinnig tolle und mega Erfahrung.
00:10:51
Florian
Dort habe ich auf einmal geschaut,
00:10:52
Florian
mit coolen Freunden aus der Schule was gemacht.
00:10:55
Florian
Wir saßen am Lagerfeuer, wir sind mit Hunden um die Wette gerannt.
00:10:59
Florian
Und wir sind auch auf Pferdekuscheln einfach hinten draufgesprungen und sind einfach mitgefahren.
00:11:04
Florian
Und das hat so ein bisschen den Lebensgeist in mir geweckt.
00:11:07
Florian
Das war wie so ein Lichtblick, wo ich mir dachte so, wow, das ist das Leben.
00:11:12
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:11:13
Florian
Am Abend, ich war bei meinem harten Kind, habe dort übernachtet,
00:11:18
Florian
ist er an den Laptop gegangen und war auf Facebook.
00:11:20
Florian
Und ich dachte mir so, hä, warum gehst du jetzt auf Facebook?
00:11:23
Florian
Ist doch total sinnlos.
00:11:24
Florian
Lass doch irgendwas hier machen.
00:11:25
Florian
Lass doch hier was rocken.
00:11:26
Florian
Dachte mir so, eigentlich ist das schon traurig, dass wir so viel online machen.
00:11:31
Florian
Irgendwann saß ich dann zurück im Zug und ich bin so richtig in mir zusammengesunken.
00:11:35
Florian
Ich wusste gar nicht, warum.
00:11:37
Florian
Ja, klar, weil ich wieder in den Alltag reingefallen bin, den ich früher immer hatte.
00:11:40
Florian
In dem Moment kam ein Kumpel zu mir und meinte, du Florian, weißt du was, ich habe aufgehört zu zocken.
00:11:46
Florian
Und ich so...
00:11:48
Florian
Wirklich?
00:11:49
Florian
Boah, cool, mega, ich feiere dich dafür.
00:11:51
Florian
Warum wirst du das machen?
00:11:52
Florian
Habe ich dann gefragt.
00:11:53
Florian
Und er meinte, ja, ich will rausgehen, ich will Drohnen bauen, ich will klettern gehen.
00:11:55
Florian
Und ich so, mega, mach das.
00:11:57
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:11:58
Florian
Aber in mir wusste ich, ich kriege das nicht hin.
00:12:00
Florian
Ich habe ihn gefeiert, ich habe ihn wirklich bewundert.
00:12:04
Florian
Und als ich wieder zu Hause war, war alles wieder so wie bisher.
00:12:09
Florian
mit dem Unterschied, dass ich auf einmal mich so ein bisschen von außen beobachten konnte.
00:12:13
Florian
Ich hatte das Gefühl, ich kann das nicht mehr steuern.
00:12:16
Florian
Ich kriege das einfach nicht mehr hin.
00:12:18
Florian
Ich bin einfach ein Gefangener dieser virtuellen Welt.
00:12:22
Tobia Martinez
Ich finde deinen Gedanken sehr interessant von, ja, ich schaffe das nicht.
00:12:26
Tobia Martinez
Warum hast du das gedacht?
00:12:27
Tobia Martinez
Weil du etwas in dieser virtuellen Welt kriegst, die du sonst nicht kriegst?
00:12:32
Tobia Martinez
Und du weißt auch, du brauchst das noch?
00:12:34
Tobia Martinez
Oder...
00:12:35
Florian
Ich habe mich gefragt, warum ich mich überhaupt an den Computer setze.
00:12:39
Florian
Immer wieder darauf steuere.
00:12:40
Florian
Es war wirklich wie, als hätte ich mich von außen beobachtet und hätte ich sagen können, warum mache ich das eigentlich gerade?
00:12:46
Florian
Warum sitze ich eigentlich gerade am Computer?
00:12:49
Florian
Warum?
00:12:51
Florian
Ich kann nicht mehr entscheiden, was ich tue und was ich mache.
00:12:55
Florian
Ich bin wirklich fremdgesteuert gewesen.
00:12:58
Florian
Und dann gab es interessanterweise Streitsituationen mit meinem Vater, also wo wir uns wirklich richtig angegangen sind.
00:13:04
Florian
Wir sind uns wirklich verbal an die Gurgel gegangen, um das so zu formulieren.
00:13:10
Florian
Wo er dann meinte, ich nehme dir alles weg.
00:13:12
Florian
Ich nehme dir alles weg und ich nach außen, mach doch, ist mir doch egal.
00:13:16
Florian
Was soll das?
00:13:17
Florian
Du verstehst es sowieso nicht.
00:13:19
Florian
Interessanterweise habe ich mir innerlich gewünscht, dass er es macht.
00:13:23
Florian
weil ich wusste, dass es falsch ist.
00:13:24
Florian
Und das ist ja so ein ganz klassisches Bild.
00:13:26
Florian
Jeder, der ein Problem hat, der weiß, dass es nicht gut ist.
00:13:29
Florian
Aber nach außen hin ist man natürlich noch der Coole, erhält ein gutes Selbstbild aufrecht, um natürlich nicht sich einzugestehen, dass man was falsch gemacht hat.
00:13:38
Florian
Und dort eine Klarheit von außen, das hat mir in dem Moment noch gefehlt.
00:13:45
Tobia Martinez
Was waren dann die nächsten Schritte, wo du dann gemerkt hast, ja, vielleicht schaffst du es schon?
00:13:50
Florian
Ich bin ein Mensch gewesen, ich wollte schon als Jugendlicher eigentlich gerne selbstbewusst sein.
00:13:55
Florian
Also habe ich auf YouTube so verschiedene YouTube-Channel abonniert gehabt, wo es um Selbstbewusstsein ging.
00:14:01
Florian
Und ich habe ab und zu mein Newsletter bekommen.
00:14:04
Florian
An diesem einen sagenumwirkenden Tag, also für mich in meinem Leben hat sich ja da alles geändert.
00:14:10
Florian
war ich in meinem E-Mail-Postfach und habe gesehen, boah, ja, Selbstbewusstsein aufbauen in 30 Tagen und ich, boah, mega, das mache ich, das muss ich mir jetzt anschauen.
00:14:19
Florian
Wurde ich eingeladen zu einem Webinar, wo gar nicht darüber gesprochen wurde, wie man selbstbewusst wird, sondern wie man unabhängig wird.
00:14:28
Florian
Und die grundlegende Aussage war, man mag von Coaches, Trainern, was auch immer, halten, was man will in dem Moment.
00:14:35
Florian
Es war aber ein Impuls, der mein Leben wirklich verändert hat.
00:14:38
Florian
Und der lautete,
00:14:40
Florian
hast du die Freiheit, Nein zu sagen.
00:14:43
Florian
Und in dem Moment ist alles in mir zusammengebrochen.
00:14:47
Florian
Alles.
00:14:48
Florian
Weil du mir bewusst geworden bist, ich bin nicht besser als ein Drogenjunkie, ich bin nicht besser als jemand, der Alkohol trinkt, ich bin nicht besser als jemand, der Zigaretten raucht.
00:14:56
Florian
Ich habe die Freiheit, Nein zu sagen, verloren.
00:14:59
Florian
Und wenn ich diese Freiheit nicht mehr habe, dann bin ich ein Gefangener dieser virtuellen Welt.
00:15:03
Florian
Das heißt, ich bin wie so ein Sklave.
00:15:06
Florian
Ich bin nicht über das alte Rom vom Entwicklungsstadium rausgekommen.
00:15:10
Florian
Ich bin ein Sklave, ich kann nicht entscheiden, was ich mache.
00:15:13
Florian
Das hat mir so einen Schmerz zugesetzt, dass ich gesagt habe, ich habe eine Chance, ich habe eine einzigste Chance.
00:15:19
Florian
Entweder ich feinde jetzt etwas oder es wird nie wieder was.
00:15:24
Florian
Ich habe in dem Moment auch realisiert, was ich damals alles aufgegeben hatte.
00:15:28
Florian
Ich hatte eine ehrenamtliche Tätigkeit.
00:15:30
Florian
Ich habe Kinder im Alter zwischen drei und acht Jahren, mit denen habe ich freies Sport und Spiel gemacht.
00:15:35
Florian
Das heißt, ich bin mit 20 Kiddies durch die Turnhalle gerannt.
00:15:38
Florian
Irgendwann haben dann 4, 5, 6, 7 Kiddies auf mir draufgehangen, wollten mit mehr Pferdchen spielen oder mich durchkitzeln.
00:15:43
Florian
Ich habe das ehrenamtlich geleitet und da ist mein gesamtes Herzblut reingeflossen.
00:15:49
Florian
Mir ist dann aber auch klar geworden, selbst das hatte ich aufgegeben.
00:15:52
Florian
Selbst das war mir egal geworden, weil ich lieber zocken wollte.
00:15:53
Tobia Martinez
Amen.
00:15:59
Florian
Und ich habe gesagt, an dem Punkt, wo ich gerade stehe, da werde ich nie wieder in meinem Leben stehen.
00:16:04
Florian
Ich habe so geschaut in zehn Jahren, wie sehe ich dann aus wie so ein Gamer, der hat vielleicht massiv zugenommen.
00:16:09
Florian
Vielleicht habe ich auf einer Pizzaschachtel da stehen, ein Gaming Headset auf, eine leuchtende Tastatur, aber mehr ist mein Leben halt nicht.
00:16:17
Florian
Ich habe gesagt, das will ich nicht.
00:16:19
Florian
Und habe dann gleichzeitig überlegt, was mir sonst so wichtig ist und habe dann gesagt, ich muss jetzt meinen Weg beginnen, weil wenn ich jetzt mich dagegen entscheide, dann werde ich mich immer dagegen entscheiden.
00:16:29
Florian
Habe dann vom einen auf den anderen Tag alle Spiele deinstalliert
00:16:33
Florian
Also wirklich ganz radikaler Schritt.
00:16:36
Florian
Und hab begonnen, hab mir so eine Challenge gesetzt und hab gesagt, 30 Tage zieh ich das jetzt mal durch, keine Spiele zu spielen.
00:16:42
Florian
Weil wenn ich das nicht schaffe, dann bin ich richtig, dann bin ich richtig, richtig krank.
00:16:47
Florian
Und das hab ich gemacht.
00:16:50
Tobia Martinez
Bist du auf andere Medien ausgewichen?
00:16:52
Tobia Martinez
So Social Media oder was stattdessen?
00:16:53
Tobia Martinez
Oder wirklich Cold Turkey?
00:16:55
Florian
Tatsächlich in der Zeit gar nicht.
00:16:56
Florian
Viel, viel später ja.
00:16:59
Florian
In der Zeit aber radikal gar nicht.
00:17:00
Florian
Weil ich wirklich, haben mir wirklich gesagt, ich bin krank, wenn ich das nicht kann.
00:17:05
Florian
Ich bin, da gab es noch gar nicht dieses Bewusstsein, dass Mediensucht überhaupt eine Krankheit war.
00:17:09
Florian
Mir war gar nicht bewusst, dass es eine Mediensucht geben kann.
00:17:12
Florian
Mir war dieser Begriff gar nicht geläufig.
00:17:14
Florian
Mir war einfach klar, das, was ich hier tue, ist viel zu viel.
00:17:18
Florian
Ich bin ja teilweise nicht mal mehr in die Schule gegangen.
00:17:20
Florian
Ich habe ja alles Mögliche verweigert und blockiert.
00:17:23
Florian
Also es ist nicht so, dass es so harmlos war, sondern es war wirklich, es hat mich halt gänzlich eingenommen.
00:17:31
Tobia Martinez
Ja, vielen Menschen mit Mediensucht oder auch mit stoffbezogenen Süchten, sogar wenn sie in der Abstinenz sind, fehlt ja oft die Substanz, die dann auf der anderen Seite ist.
00:17:43
Tobia Martinez
Okay, ich habe jetzt all diese Zeit, ich spiele nicht mehr die Spiele, ich bin nicht mehr auf Social Media, was mache ich jetzt mit der Zeit?
00:17:50
Tobia Martinez
Ich weiß gar nicht, was ich jetzt mit meinem Leben anfange.
00:17:53
Tobia Martinez
Wie hast du so diese Problematik behoben?
00:17:56
Florian
Ich habe mir gesagt, 30 Tage überhaupt nicht mehr spielen, dafür aber Sport.
00:18:02
Tobia Martinez
Mhm.
00:18:02
Florian
Und habe dann angefangen, sehr viel Sport zu machen.
00:18:03
Florian
Also man kann schon so in dem Sinne davon reden, okay, vielleicht gab es eine kleine Verlagerung auf Sport.
00:18:09
Florian
Es war aber nie in einem Bereich, wo ich persönlich sagen würde, das war jetzt krankhaft.
00:18:13
Florian
Also es war, ja, ich habe viel Sport gemacht, ich bin ja noch Fahrrad in die Schule gefahren, die 10 Kilometer, dann wieder zurück 10 Kilometer, dann noch dort leicht Athletiktraining, dann zu Hause noch ein bisschen Krafttraining.
00:18:23
Florian
Es war schon sehr viel.
00:18:25
Florian
Aber es war nie an einem Punkt, wo ich gesagt habe, es dominiert mein Leben so zentral, dass ich keine Handhabe mehr darüber hatte.
00:18:34
Florian
Es war eher etwas, was mich unterstützt hat.
00:18:38
Florian
Genau.
00:18:39
Tobia Martinez
Hast du dich da noch fragil gefühlt oder war das auf dem Weg jetzt von, okay, ich glaube, das ist haltbar?
00:18:46
Florian
Boah, also ich habe mich schon noch so... Also dadurch, dass ich eine hundertprozentige Entscheidung für mich getroffen hatte, gab es da keine Diskussion mehr.
00:18:55
Florian
Dass ich aber trotzdem, dass die ganzen emotionalen Traumata aus meiner Kindheit aufgebrochen sind, mit denen ich mich auseinandersetzen musste und das ging nicht in einem halben Jahr oder einem Jahr, sondern über Jahre hinweg, das war schon eine gewisse Fragilität, wo ich instabil war.
00:19:16
Tobia Martinez
Jetzt sagen wir so, du bist ein bisschen so aus dieser Welt rausgekommen, hast dich auch selber sehr reflektieren können und von außen beobachten können.
00:19:24
Tobia Martinez
Wann kam dir die Idee, okay, ich möchte anderen Leuten auch helfen?
00:19:29
Florian
Das ist eine spannende Frage.
00:19:31
Florian
Ich weiß, dass das um das Einzornen, das kam wirklich sehr, sehr zeitnah danach.
00:19:38
Florian
Ich habe ziemlich zeitnah danach festgestellt, meine Eltern, die waren komplett, also da war ich so 16, 17, mir ist relativ schnell klar geworden, meine Eltern waren komplett hilflos.
00:19:48
Florian
Die wussten es nicht besser.
00:19:51
Florian
Die konnten das nicht besser.
00:19:52
Florian
In dem Moment, wo ich aufgetaucht bin, wurde ich von beiden Eltern verabschiedet.
00:19:55
Florian
von meinen Eltern, mit offenen Armen empfangen.
00:19:57
Florian
Und die waren so happy, die waren so glücklich, die waren so krass zugewandt.
00:20:02
Florian
Das war wie so auf einen Schlag, war das was anderes.
00:20:05
Florian
Weil ich auf einmal wieder offen war für diese Beziehung zu meinen Eltern und das nicht mehr sukzessiv abgelehnt habe.
00:20:12
Florian
Und mir ist klar geworden, die wussten es einfach nicht besser.
00:20:15
Florian
Und dann habe ich gesagt, ich würde gerne einfach anderen Menschen helfen, ich würde andere Menschen gerne schützen, dass die nicht dieses Leid erleben müssen.
00:20:23
Florian
Ich saß dann mit 17 Jahren bei uns in der IHK in Dresden und habe erzählt, wir müssen Präventions- wirkschafts in Schulen durchführen, um Kinder vor Mediensucht zu schützen.
00:20:33
Florian
Wir müssen Persönlichkeitsentwicklung in die Schulen bringen.
00:20:36
Florian
Wir rasen hier auf dem Abgrund zu.
00:20:37
Florian
Und das war noch weit vor Corona.
00:20:40
Tobia Martinez
Mhm.
00:20:40
Florian
So, und dann kam Corona und das war natürlich der Schlag.
00:20:42
Florian
Der damalige Berater in der IHK meinte, okay, lauf einfach mal los, mach los.
00:20:48
Florian
Dann habe ich für mich entschieden, was mache ich denn?
00:20:49
Florian
Okay, vielleicht setze ich mich erst mal damit auseinander und schreibe vielleicht ein Buch.
00:20:53
Florian
Und mir ging es dabei nicht darum, in keinster Weise darum, meine eigene Geschichte zu replizieren.
00:20:59
Florian
In dem Buch, was ich geschrieben habe, geht es nicht um mich.
00:21:02
Florian
Sondern es geht wirklich um die kompletten Hintergründe, das, was ich gelernt habe, dass die Eltern das besser machen können und wie sie eben ihre Kinder schützen können.
00:21:10
Florian
Das war natürlich ein Prozess, das zu schreiben.
00:21:13
Florian
Ich habe 2021 oder 2020 veröffentlicht.
00:21:17
Florian
Und damals wurde ich dann eingeladen, also von Bekannten, die meinten einfach, boah, das ist cool, was du machst, wir wollen dich gerne mal bei uns in der Schule haben, wir wollen, dass du hier mal gerne einen Vortrag hältst.
00:21:21
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:21:26
Florian
Und so bin ich dann das erste Mal in die Schule gekommen und habe gemerkt, hey, mit dem, wer ich bin, mit der Persönlichkeit, die ich mitbringe, mit dem, was ich gelernt habe, kann ich anderen Menschen helfen.
00:21:36
Florian
Ich habe dann gemerkt, das kommt richtig gut an.
00:21:41
Florian
Und der Rest ist relativ simpel Geschichte, ne?
00:21:44
Florian
Du hast es gesagt, wir sind bei 13.000 Teilnehmern.
00:21:47
Florian
Das hätte ich mir damals nie geträumt, aber alles hat begonnen mit einer Entscheidung für mich, mein eigenes Leben zu verbessern.
00:21:55
Tobia Martinez
In deinem Team arbeiten ja auch mehrere ehemalig Betroffene, Fachkräfte und auch generell Engagierte.
00:22:01
Tobia Martinez
Wie wichtig ist es dir, dass Menschen im Team ihre eigene Geschichte mit reinbringen, so wie du es auch tust?
00:22:07
Florian
Wenn ich jetzt komme in der Schule und mit Kindern rede und so sage, boah, guck mal hier, das darfst du alles nicht machen, das ist so schlimm.
00:22:15
Florian
Die haben doch gar keinen Bock.
00:22:16
Florian
Die haben doch gar keine Lust.
00:22:18
Florian
Wenn ich aber niederschwellig komme und ich ehrlich und authentisch bin und sage, okay, selbst mir geht das so.
00:22:25
Florian
Mir ging das so.
00:22:26
Florian
Ich war voll gefangen davon.
00:22:29
Florian
Dann ist das eigentlich der Türöffner zu den Herzen der Kinder.
00:22:33
Florian
Weil mit Fakten kann ich gar nichts erreichen.
00:22:35
Florian
Ich kann nur durch emotionale Zugänglichkeit, durch emotionale Geschichten Kinder abholen und erreichen.
00:22:43
Tobia Martinez
Wie sieht so ein Workshop aus?
00:22:44
Florian
Das ist mir sehr wichtig.
00:22:44
Florian
Kurz zusammengefasst.
00:22:49
Tobia Martinez
Wie sieht denn so ein Workshop aus, wenn du da reinkommst?
00:22:53
Tobia Martinez
20, 30 Kinder sind da, die hören dir alle zu.
00:22:55
Tobia Martinez
Erstmal wahrscheinlich schon mal sehr skeptisch am Anfang, kann ich mir vorstellen, weil das ist ja so ein Kerl, der über Medien Sachen redet oder sind die da schon aufgeschlossen sofort?
00:23:05
Florian
Ganz unterschiedlich.
00:23:06
Florian
Manchmal komme ich in Schulen und die wissen schon Bescheid, was wir machen.
00:23:09
Florian
Und dann geht es los für Fortnite und Brawl Stars und Roblox.
00:23:14
Florian
Ich hatte mein Kind in der ersten Klasse, das kam zu mir, meinte, du bist doch derjenige, der mit uns über Medien redet.
00:23:20
Florian
Ich so, ja.
00:23:21
Florian
Ich habe auf Roblox über 100 Freunde.
00:23:24
Florian
Und ich so, ach du Scheiße.
00:23:28
Florian
Kennst du die denn?
00:23:29
Florian
Und er so, ja, ich habe die alle im Spiel kennengelernt.
00:23:34
Florian
Das ist dann schon so, wo ich manchmal durchatme, aber ich freue mich immer auf die Kids.
00:23:37
Florian
Und wenn ich natürlich mit einer Offenheit reingehe und mich freue, dann kriege ich das natürlich auch gespiegelt.
00:23:42
Florian
So natürlich habe ich einzelne Kids dabei, die nicht wollen.
00:23:48
Florian
Niemand will sehen, lass mal über das Thema Mediensucht sprechen.
00:23:51
Florian
Die freuen sich natürlich jetzt nicht in dem Sinne.
00:23:55
Florian
Und das ist das ganz Wichtige.
00:23:56
Florian
Das, was wir tun, da geht es nicht nur um Mediensucht, sondern wir sehen das sehr, sehr psychologisch.
00:24:02
Florian
Der Mensch braucht ein Fundament im realen Leben und darum geht es auch.
00:24:06
Florian
Wie kann ich mich im echten Leben verankern, dass es mir dort gut geht?
00:24:10
Florian
Ich brauche einen Boden unter den Füßen, ich brauche Hilfsmechanismen, ich muss wissen, wer ich bin.
00:24:15
Florian
Das heißt, wir setzen prinzipiell anders an, als wenn wir jetzt sagen, okay, wir kommen jetzt medienpädagogisch und erklären nur die Plattform oder so.
00:24:21
Florian
Ja, das steht auch dahinter.
00:24:23
Florian
Es ist aber eine Vielfalt aus Dingen, die wir dort eben einfach tun.
00:24:27
Florian
Und am Ende...
00:24:28
Florian
kommen Kids ganz, ganz oft zu uns und sagen, das war der beste Workshop unseres Lebens.
00:24:32
Florian
Wir haben schon viele Medienworkshops gehabt, aber hier habe ich mal wirklich was gelernt.
00:24:37
Florian
Ich habe ein Beispiel.
00:24:39
Florian
Ich bin seit mehreren Jahren an einer Schule in NRW.
00:24:42
Florian
Das war eine meiner allerersten Schulen.
00:24:44
Florian
Ich glaube, jetzt sind wir dort im fünften Jahr sogar.
00:24:47
Florian
Dann kam ein Kind.
00:24:48
Florian
Ich war im Café, saß dort, habe ein Käffchen getrunken.
00:24:54
Florian
okay, was habe ich da getrunken?
00:24:55
Florian
Ich denke mal einen Tee oder eine heiße Schokolade, keine Ahnung.
00:24:58
Florian
Und dann kamen welche vorbei und meinten, boah, du warst doch vor Jahren bei uns in der Klasse.
00:25:03
Florian
Und ich so, ja, gut möglich, ich kann mich leider an dein Gesicht nicht erinnern.
00:25:07
Florian
Und er so, ja, ja, ich mich aber an deins.
00:25:09
Florian
Und ich so, hat es denn was gebracht?
00:25:10
Florian
Und er so, ja, ich habe seitdem TikTok gelöscht.
00:25:14
Florian
Und das fand ich so cool.
00:25:15
Florian
Das fand ich wirklich cool.
00:25:19
Florian
wo ich dann einfach den Eindruck hatte, hey, die Kids nehmen was mit.
00:25:23
Florian
Natürlich ist es in vielen Fällen ein Impuls, den wir mitgeben.
00:25:27
Florian
Die Frage ist, wie offen ist die Person?
00:25:30
Florian
Wie nährbar ist der Boden, auf das das Saatgut fällt?
00:25:32
Florian
Ganz einfach.
00:25:36
Florian
Im Grunde genommen muss es aber natürlich nachgearbeitet werden.
00:25:40
Florian
Uns ist es am liebsten.
00:25:40
Florian
Wir haben ein Drei-Säulen-Modell mit Lehrern, Eltern und Schülern und können eben alle Parteien abholen,
00:25:46
Florian
dass sie dort eben nachhaltig dranbleiben.
00:25:48
Florian
Am liebsten ist es uns natürlich, wir kommen öfters in eine Klasse und dort einfach besser zu reflektieren, neu aufgekommene Themen wieder aufzugreifen und zu schauen, wie hat sich das denn eigentlich entwickelt.
00:26:01
Tobia Martinez
Ja, lustig.
00:26:01
Tobia Martinez
Es hört sich an, als wärst du vom virtuellen Sanitäter ein bisschen zum Real-World-Sanitäter geworden.
00:26:08
Tobia Martinez
Mhm.
00:26:08
Florian
Ich würde sagen, ich habe so ein Helfer-Syndrom.
00:26:12
Florian
Ich würde sagen, ich habe sicherlich so ein Helfer-Syndrom, helfe gern anderen Menschen.
00:26:17
Florian
Wo ich dann aber auch für mich jetzt so in den letzten Jahren gelernt habe, boah, das ist dann, das zieht schon Kraft.
00:26:23
Florian
Und auch in den letzten Monaten habe ich da wieder sehr, sehr viel über mich einfach gelernt, mich ein Stück weit rauszunehmen und zu sagen, okay, ich achte auf mich und meine Bedürfnisse.
00:26:33
Florian
Und das ist natürlich auch ein Weg.
00:26:35
Florian
Dadurch, dass man natürlich so exzessiv spielt, hat man ja gar keine Verbindung zum eigenen Körper.
00:26:39
Florian
Man ist ja nur noch mit den Gedanken in dieser virtuellen Welt, mit allem, was man tut, man verkörpert ja die Person, die man dort ist.
00:26:47
Florian
Ich habe also gar keinen Bezug mehr dazu gehabt, wer bin ich eigentlich, was tut mir und meinem Körper gut, brauche ich eine Ruhepause oder nicht.
00:26:54
Florian
Und das dazu in Bezug aufzubauen, das ist natürlich ein Prozess.
00:26:59
Tobia Martinez
Das finde ich sehr interessant.
00:27:02
Tobia Martinez
Bezüglich Identitätsbildung und Identitätsfindung haben wir schon in den letzten Episoden hier auf dem Podcast einiges gesprochen.
00:27:09
Tobia Martinez
Dein Buch heißt ja Ade Avatar.
00:27:11
Tobia Martinez
Das geht ja ein bisschen so in diese Richtung.
00:27:14
Tobia Martinez
Hattest du, findest du Probleme, deine Identität zu finden, als du dann der virtuellen Welt deinen Rücken gedreht hast?
00:27:23
Florian
Na klar weißt du erstmal nicht, wer du bist.
00:27:25
Florian
Wenn du 16 Stunden am Tag gespielt hast und plötzlich machst du das nicht mehr, fühlst du dich plötzlich innerlich komplett leer.
00:27:30
Florian
Du weißt nicht, wer du bist, warum du am Morgen aufstehst, die ganzen Traumata kommen, wer bin ich eigentlich?
00:27:35
Florian
Und eine Identitätssuche, ich würde sagen, auch die Leute, die jetzt nicht gespielt haben, auch für die ist das ein Prozess.
00:27:44
Florian
Also das ist jetzt nicht so verstärkt,
00:27:49
Tobia Martinez
Es ist
00:27:50
Florian
Natürlich durch diese Online-Welt und durch diese exzessive Nutzung.
00:27:52
Florian
Ich glaube aber, das ist ein Prozess, wo einfach jeder auf einem Weg ist.
00:27:58
Florian
Und jeden Menschen wird das auch bis zum Ende seines Lebens ein Stück weit begleiten.
00:28:01
Florian
Wer bin ich eigentlich?
00:28:02
Florian
Was mache ich eigentlich?
00:28:03
Florian
Warum lebe ich überhaupt?
00:28:04
Florian
Und gar nicht in der Essenz, wer bin ich eigentlich, sondern nochmal tiefer zu schauen.
00:28:11
Florian
Und das ist ein Weg,
00:28:15
Florian
Und sich auszuprobieren in dem Moment.
00:28:17
Florian
Verschiedene Perspektiven zu probieren.
00:28:19
Florian
Wer bin ich denn?
00:28:20
Florian
Sport zu machen, dann das zu machen.
00:28:21
Florian
Es gibt so viele Dinge, die man machen kann.
00:28:23
Florian
Reisen zu gehen, dort Erfahrungen einfach zu sammeln.
00:28:27
Florian
Und dadurch, ich glaube, eine Identität, beziehungsweise in meiner persönlichen Welt ist eine Identität ja sowieso nie fertig.
00:28:39
Tobia Martinez
wenn wir zurück zu den Workshops gehen.
00:28:41
Tobia Martinez
Du beschreibst jede Veranstaltung als ein kleines Fest.
00:28:46
Tobia Martinez
Wie kann man sich das vorstellen?
00:28:47
Tobia Martinez
Wir sind alle nicht mehr in der Schule, von daher können wir wahrscheinlich leider nicht an deinen Workshops persönlich teilnehmen.
00:28:53
Tobia Martinez
Aber wenn du da reinläufst, wie beginnt es?
00:28:56
Tobia Martinez
Über was spricht dir?
00:28:57
Tobia Martinez
Gibt es da Spiele?
00:28:59
Tobia Martinez
Wie unterscheidet es sich von Grundschule zu weiterführenden Schulen?
00:29:04
Tobia Martinez
Bring uns da mal durch den Tag durch.
00:29:07
Florian
Also erstmal, was bedeutet fest für mich in dem Kontext?
00:29:10
Florian
Für mich bedeutet, die Kinder brauchen ein anderes Erlebnis.
00:29:14
Florian
Ich wollte nie Lehrer werden, weil ich für mich persönlich gesagt habe, okay, in dem System, ich möchte dort nicht arbeiten.
00:29:21
Florian
Interessanterweise bin ich dann doch sowas geworden und dadurch, dass wir unser Konzept immer weiter optimieren können, können wir natürlich dafür sorgen, dass es immer besser wird, dass es immer mehr Spaß macht, dass es auch Freude bringt, dass wir unterschiedlichsteigend sind.
00:29:37
Florian
Und das bedeutet natürlich, dass auch Spiele mit dabei sind.
00:29:39
Florian
Das bedeutet, dass Kinder sich mitteilen können.
00:29:41
Florian
Dass Kinder zu uns kommen können und erzählen können, was liegt ihnen eigentlich gerade auf dem Herzen.
00:29:46
Florian
Weil die wirkliche Entwicklung, die entsteht nicht nur während dem Workshop, sondern vor allem dann, wenn im Nachgang oder in den Pausen Kids zu uns kommen und erzählen, mir geht es gerade so und so.
00:29:56
Florian
Mir ist das und das passiert.
00:29:58
Florian
Ich fühle mich total schlecht, ich ziehe mich dorthin zurück.
00:30:02
Florian
Und ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll.
00:30:04
Florian
Beispiel in der Grundschule, wenn sich Kids melden und dann erzählen, ja, ich habe das und das Schlimmes gesehen, ich komme damit überhaupt nicht mehr klar, ich kann nicht mehr gut schlafen.
00:30:12
Florian
Dann ist es für mich...
00:30:14
Florian
dann freue ich mich total, weil ich weiß, ich kann dort jetzt ansetzen.
00:30:17
Florian
Ein halbes Jahr später habe ich das Kind wieder gesehen und sie meinte, ja seitdem, ich habe überhaupt keine Angst mehr.
00:30:24
Florian
Mir geht es total gut.
00:30:25
Florian
Jetzt habe ich in der Weiterführenden Schule, habe ich das Kind wieder im Workshop.
00:30:28
Florian
Die meinte, das ist immer noch komplett weg und ich wende die Symptome, die du mir beigebracht hast, wende ich an.
00:30:34
Florian
Und das ist einfach mega schön, das zu sehen, dass Kinder ein Stück mehr dadurch strahlen können.
00:30:41
Florian
Ja, vielleicht ist es nicht für jeden ein Fest.
00:30:44
Florian
Vielleicht ist es für manche auch eine harte Realisation, gerade in der weiterführenden Schule.
00:30:48
Florian
In Gymnasien haben wir eine durchschnittliche Nutzungszeit von vier bis sechs Stunden und in Oberschulen und Realschulen von sechs bis acht Stunden pro Tag, pro Kind.
00:30:57
Florian
Teilweise kommen die Kids während dem Workshop zu uns nach vorne und zeigen uns ihre Bildschirmzeit und sagen, ich komme da selbst gar nicht drauf klar.
00:31:05
Florian
Das sind zwölf, dreizehn Stunden.
00:31:07
Florian
Und das heißt nicht, dass wir nur Befürworter haben oder Menschen, nur Leute haben, die uns mögen.
00:31:12
Florian
Aber im Grunde genommen geht es uns darum, den Kindern eine stillweite Perspektive mitzugeben.
00:31:21
Tobia Martinez
Wie bewertest du eine Veranstaltung als einen Erfolg?
00:31:21
Florian
Und zu zeigen, hey, das Leben hat einfach mehr zu bieten als diese virtuelle Welt.
00:31:29
Tobia Martinez
Wann ist das so?
00:31:30
Tobia Martinez
Ja, okay, da bin ich froh, wie das gelaufen ist.
00:31:34
Florian
Grundsätzlich versuche ich mich von Bewertungen loszulösen.
00:31:38
Florian
ich kann dich immer beeinflussen, wie eine Veranstaltung gelaufen ist.
00:31:42
Florian
Und außerdem bin ich so der Mensch, der sich dann hinstellt und sagt, das war jetzt supergeil und ich lobe mich dann selbst und das ist gar nicht so meine Art, sondern ich bin eigentlich jemand, ich agiere ganz oft lieber im Hintergrund.
00:31:53
Florian
Ich sorge lieber für gute Sachen und ich muss das jetzt nicht so groß irgendwo benennen oder raustragen.
00:32:02
Florian
Im Grunde genommen ist es aber das, wenn ein Kind sagt, hey, ich habe mich emotional gesehen gefühlt.
00:32:09
Florian
sagt hey ich habe wirklich was mitgenommen das war ein cooler workshop wenn kinder noch mal nachgang zu uns kommen und fragen stellen oder so ein reines symbol wir haben zum beispiel so verschiedene karten an der tafel wo wir dinge zeigen symbole icons bilder und wenn die kids nach vorne kommen und die helfen das abzunehmen dann heißt das handy hast du irgendwo reicht
00:32:34
Florian
Wenn sie Fragen stellen, in einer anonymen Fragerunde beispielsweise, und sich emotional öffnen und fragen, hey, okay, ich habe oft den Drang, mich selbst zu verletzen, was tue ich denn?
00:32:43
Florian
Dann habe ich die emotional erreicht und das ist wichtig.
00:32:48
Tobia Martinez
sehr interessant was du vorhin angesprochen hast mit der ängstlichkeit von den kleinen kindern bei bestimmten inhalten
00:32:55
Tobia Martinez
Wir haben jetzt hauptsächlich nur Bildschirmzeit und Mediensucht selber thematisiert, also die Unfähigkeit rauszugehen aus der virtuellen Welt.
00:33:05
Tobia Martinez
Aber es gibt ja auch andere Themen, die du thematisierst, wie zum Beispiel Cybermobbing, Cybergrooming, generell andere mentale Gesundheitsthemen.
00:33:14
Tobia Martinez
Wie hängt das alles für dich zusammen?
00:33:16
Tobia Martinez
Findest du, da gibt es die Mediensucht schon das größte Thema, das angegangen werden sollte?
00:33:22
Tobia Martinez
Oder bei den anderen gibt es auch große Baustellen?
00:33:25
Florian
Die Mediensucht ist meistens ein Symptom dafür, dass irgendwas in der echten Welt nicht mehr stimmt.
00:33:30
Florian
Das heißt, ich muss an der Basis ansetzen.
00:33:31
Florian
Ich muss dafür sorgen, dass es Menschen gut geht.
00:33:35
Florian
Das sieht man an meiner Geschichte zumindest sehr, sehr gut.
00:33:38
Florian
Dass es Menschen gut geht, natürlich ist nicht immer ein emotionales Traumata verantwortlich dafür.
00:33:44
Florian
Oder auch eine Sucht kann natürlich entstehen, wenn ich nur in dieser virtuellen Welt bin, ohne viele andere Einflüsse.
00:33:50
Florian
Kann natürlich auch entstehen, einfach weil die Sachen natürlich suchtmachend gebaut sind.
00:33:57
Florian
Im Grunde genommen ist mir aber persönlich sehr, sehr wichtig, den Menschen dahinter zu sehen.
00:34:00
Florian
In unserer Welt sehen wir viel zu sehr nur das Verhalten und vergessen den Menschen dahinter.
00:34:05
Florian
Wir thematisieren, der ist ja viel am Bildschirm, der macht ja viel da dran.
00:34:09
Florian
Aber wir sehen nicht mehr, dass dieser Mensch eigentlich unglaublich kämpft.
00:34:13
Florian
Weil eine Sucht ist eigentlich etwas, was zutage tritt und sagt, hey, da will eigentlich gerade was rausbrechen, da will gerade was verarbeitet werden.
00:34:23
Florian
Wenn Sucht ist immer ein Verhalten, was uns irgendwo drauf aufmerksam macht, da stimmt gerade was nicht mehr.
00:34:29
Tobia Martinez
Wo würdest du diese Linie setzen zwischen, ja, okay, ich bin jemand, der authentisch einfach acht Stunden gerne online ist, so, ich bin nicht züchtig, ich kann jederzeit aufhören, so dieses Typische, und jemand, der halt wirklich nicht aufhören kann, so für dich selber.
00:34:44
Tobia Martinez
Viele, wie du ja schon, als du etwa 14 warst, hast du ja auch gedacht, so, du bist der Champion, obwohl das jetzt vielleicht nicht so das Gesündeste war.
00:34:54
Florian
Ich finde das immer so beeindruckend.
00:34:58
Florian
Viele Betroffene sagen dann, ja, ich könnte ja, wenn ich wollte, könnte ich ja aufhören.
00:35:02
Florian
Aber ich will halt nicht.
00:35:03
Florian
Ja, ich könnte.
00:35:05
Florian
Und dann wird daraus nie.
00:35:07
Florian
Solche Aussagen sind für mich immer, da darf man aufpassen.
00:35:13
Florian
Wenn Personen, die sehr exzessiv spielen, emotional unglaublich involviert sind in den Thematiken,
00:35:23
Florian
schnell aggressiv werden beispielsweise, sich sehr schnell emotional absolut isolieren und zurückziehen, dann ist das schon so ein Warnsignal, was über das normale Halt hinausgeht.
00:35:36
Tobia Martinez
Du betonst ja immer wieder so, dass Selbstregulation der Kern ist.
00:35:41
Tobia Martinez
Und in deinem Buch Adi Avatar und auf deiner Website sprichst du auch von den Schritten aus der Suchtmethode und bietest einen kostenlosen Leitfaden für den Weg aus der Sucht an.
00:35:51
Tobia Martinez
Das klingt sehr konkret und sehr praxisorientiert.
00:35:54
Tobia Martinez
Jetzt, du persönlich, was genau verstehst du unter Selbstregulation im Kontext von Mediennutzung?
00:35:59
Tobia Martinez
Das kann ja alles Mögliche sein.
00:36:02
Florian
Ich finde das cool, dass du das so klar benennst.
00:36:04
Florian
Also erstmal, es gibt keine Plug-and-Play-Lösung.
00:36:06
Florian
Es ist nicht so, dass ich sagen kann, das ist der Weg und den musst du gehen.
00:36:10
Florian
Aber an der Basis von jedem Weg steht eine Beziehung zum Betroffenen.
00:36:15
Florian
Steht Vertrauen, steht Beziehungsarbeit, Beziehungsaufbau.
00:36:18
Florian
Wenn ich mir jetzt eine klassische Familie anschaue, wo das Kind...
00:36:21
Florian
zwölf Stunden spielt am Tag oder sechs Stunden, dann findet nicht mehr viel Kommunikation statt.
00:36:25
Florian
Wie soll ich dem Kind denn sagen, das, was du tust, ist vielleicht problematisch?
00:36:28
Florian
Das hört mir ja sowieso nicht mehr zu.
00:36:30
Florian
Vor allem ich oder die Elternteile wurden dann eben auch so ein Stück abgelehnt.
00:36:35
Florian
Du verstehst das sowieso nicht.
00:36:37
Florian
Und erst mal dort wieder eine Ebene zu schaffen, wo man gemeinsam miteinander klarkommt, wo man gemeinsam sich austauscht, ist an sich eins der Schlüsselelemente.
00:36:46
Florian
Du hast gefragt, was Selbstregulation für mich bedeutet.
00:36:50
Florian
Ich würde sogar noch einen Schritt früher ansetzen.
00:36:55
Florian
Die Fähigkeit zur Selbstregulation, wenn entwickelt die sich denn?
00:36:59
Florian
Wenn ich mir jetzt die exekutiven Funktionen anschaue, die ich brauche, um Medien adäquat zu steuern, mit Prioritäten setzen, Selbstreflexion, Impulssteuerung, etc.
00:37:07
Florian
pp.
00:37:08
Florian
Diese Fähigkeiten entwickeln sich mit 12, sind diese schon ganz gut, mit 16 sind die weiterhin sehr, sehr gut ausgeprägt, wo man sagen könnte, ab da, hey, da könnte das gut laufen.
00:37:17
Florian
Diese Funktionen sind aber erst bei einem Erwachsenen zwischen 20 und 25 Jahren abschließend ausgebildet.
00:37:24
Florian
Das bedeutet also, wenn ich einem 12-, 13-, 14-Jährigen sage, hey, in einer halben Stunde, schalt mal ab,
00:37:29
Florian
dann ist das gar nicht möglich.
00:37:31
Florian
Und dann fordern wir alle, die Kinder müssen das besser machen oder da muss eine bessere Selbstregulierung vorhanden sein.
00:37:38
Florian
Ich bin persönlich der Meinung, das ist per se eine komplette Überforderung.
00:37:42
Florian
Das schaffen ja schon wir Erwachsenen nicht.
00:37:45
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:37:46
Florian
Das schaffen schon wir Erwachsenen nicht.
00:37:48
Florian
Und wie sollen wir dann von Kindern erwarten, dass sie das selbst steuern können?
00:37:52
Florian
Die Aufgabe von Erwachsenen ist immer, eine gewisse Struktur vorzugeben, in der sich eben Kinder und Jugendliche bewegen können.
00:38:00
Florian
Und diese Struktur muss begleitet werden.
00:38:01
Florian
Das heißt, ich begleite zum Beispiel das Abschalten.
00:38:04
Florian
Ich begleite mit reflexiven Gesprächen, damit dann auch dadurch intrinsisch heraus der Weg entstehen kann, wie kann ich das selbst steuern.
00:38:13
Florian
Weil wenn ich das nicht von extern steuere und mit unterstütze, dann können diese Funktionen sich gar nicht wirklich entwickeln.
00:38:21
Tobia Martinez
Ja, wo ist da die Linie zwischen dem Fördern der Entwicklung der Selbstregulation, ohne allzu sehr die Kontrolle ergreifen zu wollen des eigenen Kindes, aber dann trotzdem, wie du sagst, ja, in einer halben Stunde ist Schluss, das geht ja eh gar nicht, dann muss ich trotzdem noch die Kontrolle erlangen.
00:38:42
Tobia Martinez
Wo ist da der praktische Ratgeber für Eltern, die vielleicht in dieser, in diesem Niemandszone gefangen sind?
00:38:51
Florian
Es gibt da kein Schwarz oder Weiß.
00:38:53
Florian
Jedes Kind ist unterschiedlich.
00:38:55
Florian
Ich kenne auch Kinder, die es schaffen, nach zwei Stunden auszuschalten oder nach einer Stunde.
00:38:59
Florian
Ich kenne aber auch Kinder, die können das halt nicht.
00:39:02
Florian
Und dementsprechend muss ich mir erst mal anschauen, wie sieht es bei meinem Kind aus?
00:39:06
Florian
Was macht der eigentlich gerade?
00:39:07
Florian
Wenn der jetzt beispielsweise Fortnite spielt, nebenbei gesagt, ich bin kein Freund von dem Spiel, und der spiele ich gerade im Rundenmodus, Multiplayer-Game,
00:39:18
Florian
Und ich sage dann, in zehn Minuten musst du ausmachen, der ist aber noch in der Runde, ist doch klar, dass er wütend wird.
00:39:24
Florian
Mich daneben zu setzen und zu sagen, okay, schau mir das mal mit an, bis du an dem Punkt bist, wo du ausschalten kannst, um das zu begleiten.
00:39:30
Florian
Das ist ein ganz wichtiger Impuls, den eben die Eltern dort setzen können.
00:39:36
Tobia Martinez
Jetzt, wenn wir uns diese Schritte aus der Suchtmethode spezifisch ansehen, kannst du das so in aller Kürze skizzieren?
00:39:42
Tobia Martinez
Was sind die Kernelemente?
00:39:45
Florian
Punkt Nummer eins ist der Beziehungsaufbau.
00:39:48
Florian
Punkt Nummer zwei ist die Sensibilisierung und die Reflektierung.
00:39:51
Florian
Und Punkt Nummer drei ist die Rückfallprävention.
00:39:54
Florian
Beziehungsweise nochmal einfach die Stabilisierung in der realen Welt.
00:40:02
Florian
Wenn in der Situation Eltern beispielsweise das Wort Medien, Medienkonsum oder Sucht in den Mund nehmen und das Kind fährt direkt hoch, dann ist das nicht nur ein Medienproblem, sondern vor allem ein Kommunikationsproblem.
00:40:18
Florian
Das heißt, ich darf erstmal wieder in den Beziehungsaufbau zu dem Kind gehen, mit dem Kind gemeinsam Zeit verbringen, ohne dass wir eben an den Medien sind.
00:40:25
Florian
Also ich gebe immer gern den Tipp, 20 Minuten Offline-Zeit am Tag ganz bewusst einplanen, wo keine Erziehungsthemen besprochen werden, wo es nicht um Konflikte geht, sondern wo wirklich nur die Gemeinschaft und die Zeit gemeinsam eben einfach im Mittelpunkt steht.
00:40:38
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:40:41
Florian
Als zweites dann die Sensibilisierung und Reflektierung.
00:40:44
Florian
Und das passiert nicht einfach so.
00:40:47
Florian
So ein Bewusstsein, das im Verhalten kritisch ist, das passiert nicht von heute auf morgen, sondern das ist ein Prozess.
00:40:53
Florian
Ich sehe das ganz gerne so, das Gleichnis vom Seemann aus der Bibel.
00:40:56
Florian
Kennst du sicherlich, ob man christlich ist oder nicht.
00:40:58
Florian
Ich finde es einfach an sich ein spannendes Bild.
00:41:01
Florian
Der Seemann greift in den Sack rein, hat ganz viel Saatgut, wirft das aus,
00:41:06
Florian
Und nicht jedes Samenkorn geht auf.
00:41:08
Florian
Das erste fällt auf den Stein, das zweite, das schlägt Wurzeln, da kommt ein starker Sturm, reißt es aus, das dritte, da verbrennt die Sonne die Keimblätter, erst das vierte und das fünfte geht auf.
00:41:18
Florian
Und genauso ist der Weg aus einer Abhängigkeit bzw.
00:41:21
Florian
die Erkenntnis, dass dieses Verhalten kritisch
00:41:24
Florian
ist immer eine Summe, eine Aufsummierung von verschiedenen Impulsen.
00:41:31
Florian
Ganz oft haben Eltern das Gefühl, ja, ich sag dem das ja und ich bin ja dort dran und ich geb mir so eine Mühe und es passiert nichts.
00:41:39
Florian
Ja klar, der will das natürlich nicht wahrhaben.
00:41:42
Florian
Das heißt, dem Ganzen Zeit zu geben, einen Nährboden zu schaffen, dieses kleine zarte Pflänzchen zu gießen,
00:41:50
Florian
Und nicht radikal zu sagen, boah, ich nehme dir jetzt alles weg, du bist so schlimm und so krass, dann reiße ich das aus, dann mache ich es kaputt.
00:41:57
Florian
Und dort den richtigen Mittelgrad zu finden, das ist gar nicht so leicht.
00:42:02
Florian
Ich habe viele Eltern, die zu mir kommen in die Beratung und dann sagen, boah, ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll, es ist alles so schlimm und es ist so gefährlich, es ist so komplex.
00:42:16
Florian
da ist ein komplexes Thema.
00:42:18
Florian
Es ist eigentlich ein ganz, ganz einfaches Thema mit einfachen Strukturen.
00:42:22
Florian
Sicherlich nicht leicht in der Umsetzung, Dinge zu verändern und zu lösen.
00:42:25
Florian
Das kann natürlich sehr herausfordernd sein, gar keine Frage.
00:42:31
Florian
Aber im Grunde genommen ist es keine komplexe Thematik.
00:42:36
Tobia Martinez
Wenn wir uns die dritte Säule deiner Methode ansehen, die Rückfallprävention, wie sieht das aus?
00:42:42
Florian
Rückfallprävention bedeutet an sich, ich muss Dinge in der realen Welt finden, die mich dort halten.
00:42:47
Florian
Wenn ich keine Dinge habe, die mich in der realen Welt begeistern, die ich gerne mache, Freunde habe, ein soziales Auffangnetz, wenn irgendwo mal was passiert, wenn es mir nicht gut geht, dann ist das was, wo ich was tun muss.
00:42:58
Florian
Rückfallprävention bedeutet aber auch, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, zu schauen, warum bin ich da überhaupt reingerutscht?
00:43:04
Florian
Wie kann ich mit Emotionen umgehen?
00:43:06
Florian
Wie kann sowas nicht nochmal passieren?
00:43:07
Florian
Und das heißt nicht, dass man danach perfekt sein muss.
00:43:10
Florian
Und ich bin auch weiß Gott nicht perfekt.
00:43:13
Florian
Ich bin auch mal 10 Minuten zu lange auf YouTube-Shorts und denke mir dann so, boah, ich habe jetzt voll mein Leben verschwendet.
00:43:19
Florian
Ich war da früher sehr, sehr radikal.
00:43:20
Florian
Inzwischen bin ich da sehr entspannt mit mir selbst.
00:43:23
Florian
Auch wenn sowas mal passiert, ja, ist okay.
00:43:25
Florian
Ist ja nicht schlimm.
00:43:27
Florian
Ich habe auch Timetracker drauf.
00:43:29
Florian
Aber wie gesagt, ich spiele seit über sieben Jahren keine Computerspiele mehr.
00:43:34
Florian
Ich habe gar kein Interesse dran.
00:43:36
Florian
Warum auch?
00:43:37
Florian
Wofür soll ich Computerspiele spielen?
00:43:40
Florian
Ich habe mal ein
00:43:41
Florian
einen Jungen gehabt, das war super, super cool, der kam in der 5. oder 6.
00:43:45
Florian
Klasse zu mir und meinte, du hast mit dem, mit deiner Initiative, hast du eine Art Aufbauspiel geschaffen, wo du wirklich was bewirkst, wo wir aber ein Spiel am Handy haben und was aufbauen.
00:43:55
Florian
Und ich fand das so geil und so intelligent, diesen Vergleich von einem, ich weiß gar nicht, 12 Jahre, 11 Jahre, 11 Jährigen, das fand ich so schön, diesen Vergleich.
00:44:04
Florian
Und ja, ich kann mich immer entscheiden, woran stecke ich meine Energie?
00:44:10
Florian
ich kann mich auf meine Online-Identität, auf meine virtuelle Identität, da sind wir wieder beim Thema Identitätsarbeit, konzentrieren, dann wird die stärker werden.
00:44:17
Florian
Dann werde ich einen virtuellen Avatar aufbauen, aber das bin nicht ich im Kern.
00:44:21
Florian
Oder ich konzentriere mich auf mich in meinem Leben und sorge dafür, dass es mir besser geht.
00:44:25
Florian
Sorge dafür, dass das, was mir wichtig ist, wächst.
00:44:29
Florian
Dass ich dort Nährboden schaffe.
00:44:30
Florian
Ob ich mich jetzt auf meine Partnerschaft konzentriere.
00:44:33
Florian
Ob ich jetzt zum Beispiel die Pflanzen, die bei mir im Hintergrund sind, pflege, dass sie eben auch wachsen können.
00:44:38
Florian
Das, worauf ich meine Energie gebe, das wird mehr werden.
00:44:42
Florian
Und das ist eine ganz bewusste Entscheidung, die jeder für sich treffen muss.
00:44:43
Tobia Martinez
Wie unterscheidet sich denn deine Methode von den klassischen Therapieansätzen oder lehnt sie sich sehr weit an?
00:44:51
Tobia Martinez
Ist die Therapiewelt sehr ähnlich in diesem Bereich?
00:44:58
Florian
Also mir ist, wie gesagt, erstmal prinzipiell wichtig, wir müssen den Menschen hinter dem Verhalten sehen, wir müssen erstmal bei den Eltern ansetzen und die Kommunikation schärfen.
00:45:08
Florian
Ich habe ganz oft höre, zu mir kommen Fälle, die beispielsweise in einer Beratung waren und dann dort wieder rausgegangen sind mit dem Fazit, okay, er spielt ja nur acht Stunden, das ist ja kein kritisches Verhalten.
00:45:22
Florian
Ja, es mag vielleicht per se laut Diagnose keine Sucht sein, aber es ist trotzdem ein Verhalten, was die Familie belastet.
00:45:30
Florian
Und mir ist es immer ganz wichtig, den ganzen Familienkosmos abzustecken und mit jeder Person zu sprechen.
00:45:38
Florian
Was ist vielleicht das, was Eltern in ihrer Kommunikation verbessern können?
00:45:41
Florian
Was ist vielleicht das, was Kinder brauchen, was Kinder in dem Moment benötigen?
00:45:47
Florian
Und dadurch, dass ich aber so einen sehr niederschwelligen Ansatz habe, bin ich nicht der klassische Therapeut in dem Moment.
00:45:53
Florian
bin ich sowieso nicht, ich bin eher ein Berater in dem Moment.
00:45:56
Florian
Und dort Kindern eben Ansätze zu geben und zu sagen, hey, du bist nicht allein damit.
00:46:01
Florian
Dieses Scham- und Schuldgefühl erstmal zu nehmen, das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt.
00:46:05
Florian
Gleichzeitig natürlich mit einer großen Klarheit dann eben reinzugehen.
00:46:11
Tobia Martinez
Oft reden wir ja über Kinder und Jugendliche, die auch ein bisschen konfrontativ sind.
00:46:15
Tobia Martinez
Insofern, dass, ja, wie vielleicht als du ein bisschen jünger warst und das Problem nicht selber eingesehen hast, so, okay, die Eltern kommen, versuchen diese Beziehungsarbeit zu leisten, versuchen sich daneben zu hocken und mögen vielleicht auch diese Methode ganz gut umsetzen.
00:46:32
Tobia Martinez
Aber innen vom Kind oder dem Jugendlichen aus gibt es einfach kein Einsehen oder kein Willen.
00:46:38
Tobia Martinez
So, nein, ich mag das.
00:46:40
Tobia Martinez
Für mich ist es kein Problem.
00:46:41
Tobia Martinez
Ich will das so machen.
00:46:42
Tobia Martinez
Ich will mich nicht ändern.
00:46:44
Tobia Martinez
Ist es möglich, da einem Trampelnden zu helfen?
00:46:44
Florian
Ich hatte jetzt ein sehr, sehr schönes Gespräch mit einem guten Freund, mit einem guten Bekannten und der meinte, bei manchen Menschen muss man Glück abzwingen.
00:46:59
Florian
Und Kinder sind nicht in der Lage, Dinge selbst regulieren zu können, Dinge selbst einsehen zu können.
00:47:03
Florian
Manchmal braucht es zwei Wochen komplett ohne, wo dann erst so eine Erkenntnis kommen kann und wachsen kann oder eine stetige Reduktion.
00:47:10
Florian
Dementsprechend, ich kann jetzt von einem Jugendlichen nicht erwarten, dass der das erkennt.
00:47:13
Florian
So wie ich das irgendwie erkannt habe, das ist nicht der Regelfall.
00:47:17
Florian
Und es ist gut, wenn Impulse von außen kommen, weil ganz oft sind Eltern Teil des Problems.
00:47:23
Florian
Sie sind Teil des Familiensystems.
00:47:25
Florian
Sie sind
00:47:29
Florian
Sie sind ja teilweise sogar mit dafür verantwortlich.
00:47:32
Florian
Und sie sind emotional viel zu involviert, um das selbst eben oftmals regulieren und steuern zu können.
00:47:38
Florian
Und meine Empfehlung wäre immer, lieber vorher Rat suchen, lieber vorher Hilfe in Anspruch nehmen, als zu spät.
00:47:45
Florian
Weil ein Verhalten vorher präventiv oder schon so halb in der Intervention wieder in den Griff zu kriegen, ist viel einfacher als zu sagen, ich habe dann jemanden, der ist 29 Jahre alt, der hat zwei Ausbildungen abgebrochen, da komme ich doch gar nicht mehr ran.
00:48:00
Tobia Martinez
Ja, wenn du drei Fehler benennt möchtest, dass die Eltern häufig machen, wenn sie merken, dass die Mediensucht problematisch wird, was wären die?
00:48:10
Florian
Ich würde mich einfach ein bisschen wiederholen mit dem, was ich auch schon teilweise so im Subkontext einfach schon gesagt habe.
00:48:15
Florian
Das Erste ist, wir sehen nur noch das Verhalten und nicht mehr den Menschen.
00:48:19
Florian
Das Zweite ist, wir haben uns nicht mehr um die Beziehung gekümmert zum Kind.
00:48:23
Florian
Die Beziehung zum Kind wird wie so ein Minenfeld, wo jedes neue Wort, jedes neues Thema wie zu so einer Mine wird, zu einer Bodenbombe, wo dann alles explodiert.
00:48:33
Florian
Also da muss ich erst mal mich um die Beziehung kümmern und im dritten Schritt zu Späthilfe in Anspruch nehmen.
00:48:42
Tobia Martinez
Sind diese Punkte auch diejenigen, die du dir selber gewünscht hättest?
00:48:46
Tobia Martinez
Oder gibt es da noch andere Elemente, möglicherweise?
00:48:48
Florian
Oh, da gibt es viele Elemente.
00:48:50
Florian
Das ist ja dann doch schon ein bisschen mehr vielschichtig.
00:48:53
Florian
Zum Beispiel eine gewisse Konsequenz von meinen Eltern.
00:48:57
Florian
Das hätte ich mir gewünscht.
00:48:59
Florian
Ich hätte mir das gewünscht, dass sie auch diese emotionalen Thematiken dahinter früher gesehen hätten.
00:49:05
Florian
Ja gut, ich habe sie nicht offen gezeigt.
00:49:06
Florian
Und auch die Fragen, wie es mir ging.
00:49:08
Florian
Also es ist schon eine schwierige Sache in dem Moment.
00:49:10
Florian
Aber dort ein Stück weit mehr dran zu bleiben, ist ein Zugang und ein Schlüssel.
00:49:16
Tobia Martinez
Wie siehst du die Problematik, wenn die Eltern selber ganz viel am Handy sind oder am Fernseher oder am PC?
00:49:22
Tobia Martinez
Ist ja oft schwierig, den Kindern irgendwas beizubringen, wenn die Kinder als Vorbildfunktion selber sehen.
00:49:29
Tobia Martinez
Ja, so lebt es sich.
00:49:31
Florian
Ja klar, natürlich, ich kann den Kindern natürlich predigen, was ich möchte und sagen, das ist alles so schlimm.
00:49:37
Florian
Wenn ich mich aber überhaupt nicht um mein eigenes Verhalten kümmere, dann wird das natürlich schwer, schwierig nur Wurzeln entwickeln können.
00:49:48
Florian
Und in dem Moment auch ein Stück weit Eltern immer wieder Bewusstsein zu schenken und zu sagen, auch Eltern dürfen eingestehen, auch ich bin nicht perfekt mit diesem Verhalten.
00:49:57
Florian
Und es muss auch kein Elternteil sein.
00:50:00
Florian
Dort aber offen in die Kommunikation zu gehen, empfinde ich für ganz wichtig.
00:50:04
Florian
Ich habe ein Kind gehabt in einem Workshop schon vor ein paar Jahren.
00:50:07
Florian
Also wir haben solche Fälle natürlich immer wieder.
00:50:10
Florian
Es hat erzählt, ja, wenn ich am Abend schlafen gehe, dann sitzt der Papa an der Konsole und zockt.
00:50:14
Florian
Wenn ich nachts aufwache, dann sitzt der Papa an der Konsole und zockt.
00:50:18
Florian
Wenn ich wieder dann auf Toilette muss, dann zockt er immer noch.
00:50:24
Tobia Martinez
Ja, und in der Hinsicht, denkst du, Lehrkräfte haben einen Stellenwert, der ähnlich hoch ist wie Eltern oder eine andere Funktionsrolle?
00:50:34
Tobia Martinez
Und wie würde diese Funktion aussehen von den Lehrkräften?
00:50:40
Florian
Eltern haben die Haupterziehungsaufgabe.
00:50:42
Florian
Schule hat einen ergänzenden Bildungsauftrag.
00:50:44
Florian
Das heißt, es ist ergänzend.
00:50:46
Florian
Und ich darf jetzt nicht sagen, die Schule wird hier alles regeln.
00:50:48
Florian
Also das ist was, was mich tatsächlich stört in meiner Arbeit.
00:50:52
Florian
Das ist wirklich was, was mich ärgert.
00:50:54
Florian
Wenn Eltern sagen, Schule muss alles regeln.
00:50:56
Florian
Schule muss alles machen.
00:50:57
Florian
Schule, das ist die Schulaufgabe.
00:50:59
Florian
Ist es nicht.
00:51:01
Florian
Wenn Kinder in die Grundschule kommen, dann sind die meisten Suchtmuster, was Medien angeht, schon absolut programmiert.
00:51:10
Tobia Martinez
Merkst du das, dass es schon sehr prädiktiv ist, wie die Kinder in der Grundschule sind und dann kommst du ein paar Jahre später zurück in dieselbe Schule, in dieselbe Klasse und merkst, okay, es war schon vorhersehbar auf der Schiene?
00:51:25
Florian
Bei einzelnen Fällen kann man das sicherlich sagen.
00:51:27
Florian
Aber man darf nicht sagen, okay, weil das jetzt so ist, ist das jetzt ein Ultimatum oder so.
00:51:32
Florian
Kinder sind natürlich in der Entwicklung und haben extreme Phasen, um sich auszutesten, um herauszufinden, wer bin ich eigentlich gerade, was ist mein normaler Mittelweg.
00:51:39
Florian
Das ist ganz normal, dass Kinder so ein bisschen pendeln zwischen den Extremen, um herauszufinden, was ist normal.
00:51:48
Florian
Bei einigen Fällen habe ich aber das Gefühl, das Kind wirkt vernachlässigt und das bestätigt sich teilweise auch in den Jahren darauf.
00:51:54
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:51:56
Florian
Und da kann ich so viel Prävention machen, wie ich will.
00:51:59
Florian
Wenn zu Hause sich niemand um das Kind kümmert und sich keine Zeit nimmt, dann ist es natürlich unfassbar schwierig.
00:52:08
Tobia Martinez
Ja, zum Abschluss ein bisschen so, ja, du bist jemand, der den Weg aus der Sucht geschafft hat.
00:52:13
Tobia Martinez
Glückwunsch erstmal.
00:52:15
Tobia Martinez
Und du siehst täglich auch, wie schwer es ist, aber auch, dass Veränderung möglich ist.
00:52:21
Tobia Martinez
78% der Schüler in euren Workshops möchten weitermachen.
00:52:23
Tobia Martinez
Die Bildschirmzeit sinkt auch messbar.
00:52:26
Tobia Martinez
Es gibt also Hoffnung.
00:52:27
Tobia Martinez
Wenn du aber jetzt 10 Jahre nach vorne schaust, woran würdest du erkennen, dass wir beim Thema Mediensucht wirklich Fortschritt gemacht haben?
00:52:37
Florian
Geile Frage, coole Frage.
00:52:41
Florian
Grundsätzlich müssen wir aufhören mit diesem Flickenteppich, dass mal dort eine Finanzierung ist, mal da eine Finanzierung ist.
00:52:46
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:52:51
Florian
Was uns Kraft und Zeit und auch Nerven kostet, ist, dass wir für jede einzelne Schule zum Beispiel für Fördermittel kämpfen müssen.
00:53:01
Florian
Und das kostet uns so eine Energie.
00:53:03
Florian
Und wenn wir sagen, okay, wir hatten zack, 100 Schulen, die bearbeiten wir, dann würde das im Fazit und im Umkehrschluss für uns bedeuten,
00:53:13
Florian
Wir haben wesentlich weniger bürokratischen Aufwand im Backoffice, weil ein klar geregelter Prozess da ist.
00:53:19
Florian
Ich würde mir wünschen, dass man das dort nicht mehr so schwer macht und dass man nicht sagt, Prävention müssen die Lehrkräfte leisten, weil das können sie nicht leisten.
00:53:29
Florian
Die sind schon so am Limit.
00:53:30
Florian
Ich habe so viele engagierte Lehrkräfte, die aber ausbrennen, weil sie nicht mehr die Kraft hatten.
00:53:34
Florian
Erst vor ein paar Tagen wieder ein Gespräch gab es super engagierte Lehrkraft, aber sie sagt einfach, sie kann nicht mehr, weil das System einen nicht lässt.
00:53:36
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:53:43
Florian
Und die ist wirklich motiviert, die ist wirklich cool.
00:53:45
Florian
Und das stört mich.
00:53:48
Florian
Dort also auch wirklich das als einen ganz, ganz wichtigen Pfeiler zu erkennen, wo wir sagen müssen, wir müssen dran arbeiten.
00:53:56
Florian
Und es wird ja nicht leichter werden, indem mehr KI dazu kommt, indem neue technische Entwicklungen dazu kommen.
00:54:02
Florian
Auch KI ist nicht mehr neu.
00:54:04
Florian
Ich habe in der USA zum Beispiel einen Professor von Stanford getroffen und der hat eine ganz klare Aussage getätigt, psychologisch betrachtet.
00:54:13
Florian
Auf den Medienkonsum betrachtet, ist der Zug abgefahren.
00:54:18
Florian
Das war ein ziemlich dystopisches Gespräch für mich und eine sehr, sehr unterrichtige Keule.
00:54:24
Florian
So sehe ich das nicht.
00:54:26
Florian
Ich sehe immer noch eine Möglichkeit, dort was zu tun.
00:54:28
Florian
Ich sehe eine Möglichkeit, dass wir das weiterentwickeln können.
00:54:31
Florian
Ich sehe eine Möglichkeit, dass wir dort was verändern können.
00:54:35
Florian
Wir sollten nie den Kopf in den Sand stecken.
00:54:37
Florian
Aber in einem kleinen Teil hat er recht.
00:54:41
Florian
Wir haben lange nichts gemacht.
00:54:42
Florian
Wir haben es lange nicht verfolgen.
00:54:44
Florian
Es wurde lange belächelt, dieses Thema.
00:54:46
Florian
Und es ist auch schön, dass es eure Arbeit gibt, die so essentiell ist, um das einfach in die Mitte unserer Gesellschaft zu tragen.
00:54:55
Tobia Martinez
Du scheinst eine sehr hoffnungsvolle Person zu sein in dem Aspekt.
00:54:59
Tobia Martinez
Was für positive Entwicklungen gibt es denn gerade jetzt, die dir vielleicht diese Hoffnung geben?
00:55:08
Florian
Vor anderthalb Wochen stand bei mir hier im Wohnzimmer mit dem gleichen Hintergrund Sat.1-Best.
00:55:15
Florian
Wer war noch da ARD?
00:55:16
Florian
Am nächsten Tag war dann WDR da.
00:55:18
Florian
Ein paar Tagen ist ProSieben da.
00:55:20
Florian
Das hat eine Öffentlichkeitswirksamkeit bekommen und das ist wichtig.
00:55:23
Florian
Wir dürfen aber nicht glauben, dass ein Verbot eine schnelle Lösung ist.
00:55:26
Florian
Wir glauben immer Verbot, das wird alles retten und so weiter.
00:55:29
Florian
Sehe ich gar nicht so.
00:55:30
Florian
Es wird ja trotzdem Alkohol konsumiert, obwohl es verboten ist.
00:55:33
Florian
In Australien entwickelt sich eine Art Markt, wo Kinder dann zu älteren Menschen gehen, denen Geld geben und die schalten dann halt die Social Media Accounts frei.
00:55:43
Florian
Die malen sich Bärte auf.
00:55:45
Florian
Also wir dürfen nicht den Irrglauben haben, dass mit einem Verbot jetzt alles leichter wird.
00:55:51
Florian
Wir müssen einen zweigleisigen Weg fahren, wir müssen eben entsprechend auch aufklären.
00:55:55
Florian
Was ich aber ganz wichtig sehe, ist, dass diese Thematik einfach schon immer mehr in die Mitte und ins Licht unserer Gesellschaft drückt und wir immer mehr darüber thematisieren und darüber sprechen.
00:56:04
Florian
Und es bedarf jetzt einfach noch 10, 15 Jahre, bis wir dort wirklich, wirklich nennenswerten Schritt weiter sind.
00:56:11
Tobia Martinez
Ja, was möchtest du Jugendlichen sagen, die vielleicht zuhören, merken, dass sie ein Problem haben, aber ja, wie so viele Leute es einfach nicht schaffen, auf dieses blöde X zu klicken.
00:56:22
Tobia Martinez
Es geht einfach weiter.
00:56:23
Tobia Martinez
One more turn oder ein Video mehr.
00:56:28
Tobia Martinez
Was kannst du denen raten?
00:56:30
Florian
Du musst es nicht alleine schaffen.
00:56:31
Florian
Such dir jemanden, einen Sparringpartner, gerne Gleichaltrigen, wo halt einfach auch der weiß, das ist zu viel und dann reduziert ihr das gemeinsam.
00:56:41
Florian
Und jeden Tag checkt ihr durch, macht eine Challenge 30 Tage lang und wenn eine Person das nicht schafft, dann muss die Person der anderen Person einen Döner ausgeben.
00:56:48
Florian
Dann nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn es mal schief gegangen ist, sondern einfach, hey, nochmal, nochmal, nochmal.
00:56:54
Florian
Und langsam wieder ein Fuß ins echte Leben kriegen.
00:56:56
Florian
Weil auch du hast ein echtes Leben verdient.
00:56:59
Florian
Auch du hast gerade als Kind und Jugendlicher eine tolle Kindheit erlebt.
00:57:06
Florian
Und dafür darfst du aber auch kämpfen.
00:57:06
Tobia Martinez
Mhm.
00:57:08
Florian
Gleichzeitig muss man einerkennen, es ist keine leichte Zeit für Kinder und Jugendliche.
00:57:13
Florian
In der Welt, wo vieles Lobbyismus getrieben ist, wo es viel um Geld geht, das wird Kindern schon nicht leicht gemacht.
00:57:24
Tobia Martinez
In diesem Podcast gibt es eine technische Neuheit, eine kleine Zeitmaschine, die dich zu deinem 14-jährigen Ich zurückbringt.
00:57:33
Tobia Martinez
Du kannst einige Nachrichten deinem 14-jährigen Ich geben.
00:57:37
Tobia Martinez
Was würdest du ihm sagen, der da vielleicht ein bisschen emotional fragil ist?
00:57:45
Florian
Du schaffst das schon.
00:57:47
Florian
Weil die Zeit, die kann ich nicht zurückdrehen.
00:57:49
Florian
Ich kann nicht verändern, was passiert ist.
00:57:52
Florian
Aber zu sagen, hey, selbst mit dem Weg, den du gehst, mit den ganzen Traumata, die kommen, du bist ein cooler Kerl.
00:57:57
Florian
Du schaffst das.
00:57:59
Florian
Du wirst einen Weg für dich finden.
00:58:01
Florian
Auch wenn er nicht einfach ist, geh einfach weiter.
00:58:07
Tobia Martinez
Ich finde deine und eure Arbeit generell wirklich toll, sehr wichtig und ich glaube, es gibt sehr viel Zukunftspotenzial für was ihr tut.
00:58:17
Tobia Martinez
Was ist denn jetzt eure Roadmap?
00:58:19
Tobia Martinez
Wo geht die Straße hin?
00:58:21
Tobia Martinez
Gibt es neue Ideen, neue Projekte?
00:58:23
Tobia Martinez
Wie sieht die Zukunft von Offline-Helden aus?
00:58:26
Florian
Wir haben diverseste Ideen.
00:58:27
Florian
Also erstmal ist es für uns wichtig, mehr in eine institutionelle Förderung zu kommen.
00:58:31
Florian
Das war ja das, was ich vorhin angesprochen habe.
00:58:34
Florian
Weiter mit Krankenkassen zusammenzuarbeiten, das ein Stück weit auszubauen, um es einfach mehr Schulen zu ermöglichen, was dann eben auch die finanziellen Rahmenbedingungen angeht.
00:58:44
Florian
Wir wollen eine Art Jugendcommunity entwickeln.
00:58:47
Florian
Da sind so einige Sachen, die uns vorschweben.
00:58:50
Florian
Da werden wir aber auch in Zukunft einfach noch ein Stück weit konkreter auch für uns vor allem werden.
00:58:56
Tobia Martinez
Wo kann man mehr über dich oder über die Offline-Helden erfahren?
00:58:59
Tobia Martinez
Oh je.
00:59:00
Florian
Wir haben, Überraschung, auch Social Media.
00:59:04
Florian
Bushmann.de, da findet man uns.
00:59:07
Florian
Wir haben tatsächlich in einigen Monaten mehrere Millionen Reichweite.
00:59:12
Florian
Das ist wirklich toll, dass es eben auch dort einfach gehört wird.
00:59:16
Florian
Auf der anderen Seite, wir haben eine Webseite, Florian Bushmann einfach gerne eingeben und dann findet man das immer sofort.
00:59:22
Tobia Martinez
Ja, hey Florian, vielen, vielen lieben Dank, dass du deine Zeit genommen hast aus deinem busy Schedule und uns hier besucht hast.
00:59:29
Tobia Martinez
Ich glaube, alle Zuhörerinnen und Zuhörer genießen, genießen deine Worte und sehen auch den großen Mehrwert in deinen Worten, aber auch in der Arbeit, die du leistest.
00:59:40
Tobia Martinez
Vielen lieben Dank.
00:59:44
Tobia Martinez
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn euch diese Folge weitergeholfen hat, teilt sie gerne und abonniert aktiv gegen Mediensucht auf eurer Podcast-Plattform oder auf YouTube.
00:59:53
Tobia Martinez
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01:00:03
Tobia Martinez
Bis zur nächsten Folge und bleibt aktiv gegen Mediensucht.