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Die Frage, die Eltern bei Mediensucht vergessen, mit Dr. Isabel Brandhorst

S2 E6 · Aktiv gegen Mediensucht: Der Podcast
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77 Plays1 month ago

Eltern, die sich Sorgen machen, fragen fast immer dasselbe: Wie viel Bildschirmzeit ist zu viel? Aber Dr. Isabel Brandhorst, Psychologin und Forscherin am Universitätsklinikum Tübingen, sagt: Das ist die falsche Frage.

In dieser Folge sprechen wir mit einer der wenigen Forscherinnen in Deutschland, die systematisch untersucht, wann Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen wirklich zum Problem wird. Isabel leitet die Forschungsgruppe für Internetnutzungsstörungen in Tübingen und hat mit ihrem Team preisgekrönte Trainingsprogramme entwickelt, die direkt bei Eltern ansetzen.

Wir sprechen darüber, warum Bildschirmzeit allein ein irreführender Maßstab ist, was Gaming für viele Jugendliche emotional bedeutet und warum ein gut gemeintes Eingreifen die Situation zu Hause manchmal verschlimmert statt verbessert. Isabel erklärt außerdem, warum sie das Wort Sucht bei Kindern grundsätzlich vermeidet, wie man ein Gespräch mit dem eigenen Kind führt, das wirklich etwas bewegt, und was Eltern konkret tun können, wenn sie das Gefühl haben, ihr Kind nicht mehr zu erreichen.

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Transcript

Einführung in den Podcast 'Aktiv gegen Mediensucht'

00:00:00
Speaker
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, willkommen zu einer neuen Folge von Aktiv gegen Mediensucht, dem Podcast, der sich mit Selbsthilfe, Prävention und Lösungsansätzen bei problematischer Mediennutzung auseinandersetzt.
00:00:12
Speaker
Heute habe ich eine Gästin dabei, deren Arbeit mich wirklich beeindruckt.
00:00:16
Speaker
Dr. Isabel Brandhorst ist Psychologin und Psychotherapeutin am Universitätsklinikum in Tübingen.
00:00:22
Speaker
Sie leitet dort die Forschungsgruppe für Internetnutzungsstörungen, eine der wenigen Gruppen in Deutschland, die wirklich systematisch dazu forscht, wann die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen in echtes problematisches Torrent gerät.
00:00:36
Speaker
Was Isabel besonders macht, sie bleibt nicht bei Zahlen und Diagnosen stehen.
00:00:41
Speaker
Sie entwickelt auch konkrete Programme, um direkt in Familien anzukommen.
00:00:46
Speaker
Dazu gehören das Isis Kids Online Training für Eltern jüngerer Kinder,
00:00:51
Speaker
Das ISIS Teams Online Training für Familien, bei denen die Situation schon ernster ist.
00:00:57
Speaker
Und das Gruppentraining Internetsucht Eltern stärken, für das Isabel und ihr Team 2024 den Wolfram Keup Förderpreise erhalten haben.
00:01:05
Speaker
Die renommierteste Auszeichnung in der Deutschen Suchthilfe.

Internetabhängigkeit unter deutschen Jugendlichen

00:01:09
Speaker
Nun, 3,5 Prozent der Jugendlichen in Deutschland sind nach aktuellem Forschungsstand betroffen.
00:01:14
Speaker
Das klingt vielleicht nach einer überschaubaren Zahl.
00:01:18
Speaker
Aber hinter dieser Zahl stecken Hunderttausende von Familien, die jeden Tag mit Streit, mit Rückzug und mit dem Gefühl kämpfen, ihr Kind nicht mehr wirklich erreichen zu können.
00:01:29
Speaker
Isabel, herzlich willkommen!
00:01:32
Speaker
Hallo, ich freue mich, dass ich da sein darf.
00:01:35
Speaker
Danke, dass du da bist.
00:01:37
Speaker
Du hast in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet, bevor Forschung und Programmentwicklung in den Mittelpunkt gerückt sind.
00:01:46
Speaker
Viele Kolleginnen bleiben in der Klinik, du hast aber auch einen anderen Weg gewählt.
00:01:50
Speaker
Was hast du persönlich gesehen, das dich nicht mehr losgelassen hat?
00:01:54
Speaker
Warum dieser Weg für dich?
00:01:57
Speaker
Das ist eine gute Frage.
00:01:58
Speaker
Also tatsächlich hat es mit der Elternarbeit begonnen.
00:02:01
Speaker
Also ich habe die Spezialsprechstunde für Internet- und Computerspielsucht bei uns betrieben in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
00:02:07
Speaker
Und da kamen ganz viele Jugendliche motiviert durch ihre Eltern bei uns in der Sprechstunde an.
00:02:16
Speaker
Die Jugendlichen selber waren oft nur so mäßig problemeinsichtig und die Eltern hatten super viel Leidensdruck und hatten das Gefühl, ich muss die ganze Problemlast auf meinen Schultern tragen, weil mein Kind die Probleme nicht sieht oder anders bewertet, sagen wir es mal so.
00:02:36
Speaker
Ich habe natürlich immer versucht, erst mal mit den Jugendlichen zu arbeiten, weil ohne sie geht es einfach nicht.
00:02:41
Speaker
Und das hat ganz oft dazu geführt, dass die Eltern ja vor dem Behandlungszimmer gesessen sind, eine Stunde auf heißen Kohlen und gehofft haben, dass das Ganze irgendwie einen guten Weg nimmt da in diesem Zimmer.
00:02:55
Speaker
Aber ich hatte ganz wenig Zeit, mich um die Eltern zu kümmern, obwohl die so einen Riesenbedarf hatten.
00:03:00
Speaker
Und daraufhin haben wir eben das Elterngruppentraining entwickelt.
00:03:04
Speaker
Und dann auch wissenschaftlich evaluiert.
00:03:07
Speaker
Und ich habe mich immer gefragt, was können wir denn wirksam tun oder was können wir den Eltern raten, wie sie auch wirklich wirksam in ihrer Elternrolle auch was tun können, damit sich die Situation zu Hause verändert.
00:03:22
Speaker
Und deswegen haben wir einen Forschungsantrag gestellt für eben dieses Elterntrainingsprogramm.
00:03:27
Speaker
Der wurde dann bewilligt und so bin ich in der Forschung gelandet.
00:03:30
Speaker
Und momentan fühlt mich das komplett aus.
00:03:33
Speaker
Und auch wenn ich unbedingt ganz bald wieder klinisch arbeiten möchte, weil ich finde Forschung ohne den direkten Kontakt zu den Familien ist
00:03:45
Speaker
Ich würde jetzt nicht sagen, es geht gar nicht, aber es ist schwierig, weil man braucht immer wieder auch so das Feedback und das ganze Feld entwickelt sich auch super schnell.
00:03:53
Speaker
Also ich finde es total wichtig, einfach auch den Kontakt zu den Familien zu halten.

Forschungsschwerpunktentwicklung von Gaming zu Social Media und KI

00:03:57
Speaker
Deswegen wird es bei mir auch ganz bald wieder zurück in die Klinik gehen, zumindest teilweise.
00:04:03
Speaker
Ja, sehr interessant.
00:04:03
Speaker
Ich glaube, beide von deinen Bereichen profitieren jeweils vom anderen.
00:04:07
Speaker
Da gibt es eine wirkliche symbiotische Beziehung.
00:04:10
Speaker
Und du hast erwähnt, dass sich sehr viel gerade verändert.
00:04:14
Speaker
Internetnutzungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen war damals, als du noch angefangen hast, ja noch ein noch jüngeres Forschungsfeld.
00:04:23
Speaker
Als du damit angefangen hast, dich systematisch damit zu beschäftigen, was war die größte Lücke, die du vorgefunden hast?
00:04:31
Speaker
Also ich glaube, speziell zu Social Media gab es da einfach extrem wenig.
00:04:36
Speaker
Also ich merke, dass sich die Forschung in den letzten Jahren vom Gaming weg zu Social Media bewegt hat.
00:04:44
Speaker
Das merkt man an den Ausschreibungen, an der Anzahl der Publikationen.
00:04:49
Speaker
Das ist einfach ein Feld, was sich sehr schnell ändert, wo sich der Schwerpunkt auch in der Forschung schnell ändert.
00:04:56
Speaker
Es ist natürlich auch wichtig, dass wir uns jetzt auf Social Media konzentrieren, weil wir zu Gaming jetzt einfach schon ganz schön viel wissen.
00:05:03
Speaker
Und ich glaube, der nächste Forschungsschwerpunkt, der dann wiederum Social Media ist,
00:05:08
Speaker
ein Stück weit ablösen wird, wird die KI-Forschung sein.
00:05:12
Speaker
Also in welche sozialen Beziehungen treten wir zukünftig mit KI-Chatbots?
00:05:19
Speaker
Also ich meine jetzt nicht, um KI zu fragen, dass KI mir eine Hausarbeit erstellt.
00:05:25
Speaker
Also nicht für irgendwelche fachlichen Fragen, sondern wirklich, um mit KI zu
00:05:30
Speaker
zu socialisen, zu smalltalken, in Gesellschaft von KI zu sein und was das mit uns Menschen in unserer Gesellschaft macht.
00:05:36
Speaker
Ich denke, das wird jetzt schon wieder das nächste Thema sein, was Social Media ablösen wird.
00:05:41
Speaker
Also es kommt immer wieder was Neues.
00:05:44
Speaker
Merkst du, wenn sich diese Forschungsfelder ein bisschen bewegen, jetzt von Gaming zu Social Media, dass der Fokus vom Gaming dann komplett weg ist?
00:05:52
Speaker
Oder gibt es da immer noch die Forschungsgruppen, die daran arbeiten, neue Forschungsgruppen an Social Media, neue an KI?
00:05:58
Speaker
Oder gibt es wirklich so eine Völkerwanderung, dass jetzt Spotlight ist auf dem, Spotlight ist auf dem?
00:06:04
Speaker
Es bleiben immer auch Forschungsgruppen noch an dem Gaming-Thema.
00:06:08
Speaker
Wie du auch gesagt hast, es gibt ja auch noch extrem viele Jugendliche, die von einer Gaming-Disorder, also einer Computerspielstörung betroffen sind.
00:06:17
Speaker
Gemäß den aktuellen Zahlen der DAK in Deutschland sind es übrigens 4,5 Prozent, was knapp 240.000 Jugendlichen in Deutschland entspricht.
00:06:27
Speaker
Also es ist...
00:06:29
Speaker
Die Thematik ist ja nach wie vor da.
00:06:30
Speaker
Sie verschwindet ja nicht nur, weil sich der Forschungsfokus woanders hin bewegt.

Gaming als Problem und Ressource in der Therapie

00:06:35
Speaker
Aber tatsächlich ist man in der Forschung zumindest auch immer darauf angewiesen, dass man sich mit Themen beschäftigt, die auch das Potenzial haben, Fördermittel zu generieren.
00:06:46
Speaker
Weil ich habe jetzt keine feste Arbeitsstelle, wo mich der deutsche Staat für meine Forschung bezahlt, sondern ich muss immer wieder Drittmittelgelder einwerben.
00:06:55
Speaker
Und die Drittmittelgelder sind auch an die Beliebtheit von Themen tatsächlich gebunden und entsprechend werden wir uns weiterhin zwar auch um das Thema Gaming Disorder kümmern, aber wir müssen auch uns mit den anderen Themen beschäftigen, sonst werden wir abgehängt in der Forschung.
00:07:14
Speaker
Wir haben ja ein bisschen schon gesprochen, wie das eben echte Familien trifft und wirklich große Zahlen sind.
00:07:21
Speaker
Wenn du so auf die letzten Jahre zurückschaust für dich selber, gibt es irgendeine Begegnung mit einer Familie oder mit einer Person, irgendeine Situation aus der Klinik, die du nicht vergessen hast und die immer wieder zeigt, warum diese Arbeit so wichtig ist?
00:07:36
Speaker
Ich denke ehrlich gesagt oft auch an meinen allerersten Psychotherapiefall, den ich nach dem Studium mit beginnender Ausbildung bekommen habe als Patient.
00:07:49
Speaker
Und damals...
00:07:52
Speaker
habe ich gesehen, dass das Computerspielverhalten meines Patienten sehr viel Raum einnimmt und auch die Depression beeinflusst, die mein Patient hatte.
00:08:04
Speaker
Und mit Unterstützung von der Mutter konnten wir es ganz gut schaffen, diese Gaming-Zeiten zu reduzieren.
00:08:13
Speaker
Aber was sich nicht im gleichen Tempo geschafft hat, ist mit dem Jugendlichen zum Beispiel alternative Aktivitäten aufzubauen,
00:08:22
Speaker
ihn auch aus seiner depressiven Zurückgezogenheit herauszuholen.
00:08:30
Speaker
Und die Gesamtsituation hat dazu geführt, dass er immer depressiver wurde.
00:08:34
Speaker
Und das war ein Stück weit auch, würde ich im Nachhinein sagen, ein Fehler von mir als Therapeutin, dass ich wortwörtlich den Ast abgesägt habe, auf dem der Patient saß.
00:08:47
Speaker
Das Gaming hat ihm nämlich...
00:08:50
Speaker
hat ihn eigentlich so über Wasser gehalten.
00:08:53
Speaker
Und das prägt mich bis heute.
00:08:57
Speaker
Vielleicht auch ein Stück weit schlechtes Gewissen, weil wir konnten das Ruder noch gut rumreißen, aber das war für mich noch mal...
00:09:05
Speaker
wichtig zu verstehen, dass das Gaming nicht nur ein Problem ist, sondern dass das auch eine ganz wichtige Ressource ist und dass es deswegen auch total nachvollziehbar ist, dass die Jugendlichen, die zum Beispiel auch zu uns in die Ambulanz kommen, ganz oft nur mäßig freiwillig, muss man wirklich sagen, eher durch Druck oder durch irgendwas, was die Eltern dann auch locken,
00:09:31
Speaker
Und ich verstehe, dass die Jugendlichen so ambivalent sind, weil es hat eben positive und auch negative Seiten des Gaming.
00:09:40
Speaker
Und das ist total wichtig und das ist auch das, was ich in der Ausbildung, also ich bin ja auch als Dozentin tätig für zukünftige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten,
00:09:50
Speaker
Und ich sage immer, wenn ihr nur eine Sache mitnehmt aus diesem sechsstündigen Seminar, dann bitte, dass das Allerwichtigste ist, diese Grundhaltung offen, neugierig, wertfrei und wertschätzend den Jugendlichen entgegenzutreten und nicht gleich zu denken, das Gaming muss reduziert werden, das Gaming ist weg, das blöde Gedaddel, das...
00:10:13
Speaker
Mit dieser Haltung kann man nur scheitern.
00:10:15
Speaker
Also man braucht eine positive Haltung gegenüber den Menschen, die einem da gegenüber sitzen und dem auch, was sie gerne tun, auch wenn es problembehaftet ist.
00:10:24
Speaker
Und das ist das, was mich, glaube ich, prägt.
00:10:28
Speaker
Sehr interessant.
00:10:29
Speaker
Das findet auch ein bisschen Anklang in etwas, was in der Selbsthilfe sehr oft diskutiert wird, eben dass, wenn man auf pure Abstinenz sofort einen Tag auf den nächsten geht, fehlt oft die Substanz.
00:10:43
Speaker
Also ja, das Gaming in seinem Fall füllt vermutlich etwas, wo ein Loch bestehen würde, wenn das auf einmal weggehen würde.
00:10:53
Speaker
Gibt es etwas, das du in der Praxis immer wieder erlebst, das die Forschung bisher noch nicht wirklich

Langzeitfolgen von Gaming auf die Gehirnentwicklung

00:10:59
Speaker
abbildet?
00:10:59
Speaker
Ist das vielleicht etwas in diesem Bereich?
00:11:04
Speaker
In Bezug auf Gaming müsste ich jetzt...
00:11:10
Speaker
Also eine Frage, die ich mir oft stelle oder die mir auch andere stelle, die ich nicht gut beantworten kann, ist, also man weiß ja inzwischen, welch das auch intensives Gain-Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung haben kann.
00:11:25
Speaker
Und man hat auch experimentelle Studien schon durchgeführt, um wirklich zu sagen, das ist auch was, was durch das Gaming entsteht.
00:11:34
Speaker
Die Frage, die ich mir oft stelle, ist, wie reversibel ist das?
00:11:38
Speaker
Also wie gut kann diese Entwicklung umgekehrt werden, wenn Jugendliche über Jahre hinweg
00:11:48
Speaker
exzessiv gamen in einer sehr sensiblen Phase, in der sich das Gehirn entwickelt.
00:11:56
Speaker
Und das ist eine Frage, die man auch in der Forschung, glaube ich, gar nicht adressieren kann, weil man müsste experimentell zum Beispiel jetzt sagen, hier haben wir jetzt eine Gruppe von Jugendlichen, die soll jetzt mal von...
00:12:09
Speaker
von 14 bis 16, also über zwei Jahre hinweg, exzessiv gamen und die anderen nicht.
00:12:14
Speaker
Und wir gucken uns die Entwicklung der Gehirne an und schauen danach, wenn die Gamergruppe dann wiederum abstinent sein soll, ob sich das dann anders entwickelt.
00:12:27
Speaker
Das heißt so die Frage...
00:12:30
Speaker
wie sehr beeinträchtigt vielleicht auch diese Suchtphase das weitere Leben der Person.
00:12:41
Speaker
Wie sehen in etwa so die neurologischen Veränderungen da aus?
00:12:45
Speaker
Also wir haben vor allem Einschränkungen im präfrontalen Kortex.
00:12:50
Speaker
Das ist dann ein Bereich im Gehirn, der sowieso erst so Anfang 20 ungefähr ausreift.
00:12:57
Speaker
Wir haben in der Jugendphase generell so eine Dysbalance der Gehirnentwicklung.
00:13:02
Speaker
Da sind es Belohnungssysteme wie Nucleus Akumbens, Amygdala, so emotionale Systeme, die reifen schneller aus.
00:13:12
Speaker
als Kontrollsysteme wie der präfrontale Kortex, der eher für Emotionsregulation, vorausschauendes Handeln beispielsweise verantwortlich ist.
00:13:23
Speaker
Das heißt, Jugendliche sind belohnungssensibler, aber weniger kontrolliert.
00:13:31
Speaker
Und man weiß, dass digitale Spiele diese Kontrollbereiche nochmal ein Stück beeinträchtigen können.
00:13:41
Speaker
Und das kann dann auch zu so einem Teufelskreis werden, weil exzessives Gamen führt zu weniger Kontrollvermögen und Kontrollverlust ist wiederum ein Aspekt des Suchtverhaltens.
00:13:59
Speaker
Also kann sich das sozusagen auch neurologisch nochmal befeuern.
00:14:06
Speaker
Gibt es eine Hypothese für diesen Mechanismus?
00:14:09
Speaker
Und ebenfalls in den Studien wurde der Faktor von anderen Begleiterkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen, bereinigt.
00:14:18
Speaker
Also dass es wirklich das Gaming ist und nicht einfach andere Verhaltensmuster im Leben, wie zum Beispiel soziale Isolation und so weiter.
00:14:27
Speaker
Es gibt ein Studio von Su und Kollegen.
00:14:31
Speaker
Er war auch ein sehr renommierter Forscher im Bereich Christian Montag beteiligt, der inzwischen an der Universität in Makao tätig ist, vorher in Ulm war.
00:14:42
Speaker
Und die haben zwei Gruppen erst mal miteinander verglichen.
00:14:46
Speaker
Das waren Gamer und Nicht-Gamer, junge Erwachsene, und haben gesehen, dass die Gamerebene reduzierte Dichte der grauen Substanz im präfrontalen Kortex aufweist.
00:14:57
Speaker
Und dann haben sie die Nicht-Gamer aufgefordert, über, ich glaube, vier Wochen mindestens eine Stunde pro Tag World of Warcraft zu spielen.
00:15:07
Speaker
Und haben dann diese Befunde in der Gruppe nachweisen können, die mit dem Gamen angefangen hat.
00:15:16
Speaker
Das waren jetzt allerdings...
00:15:19
Speaker
Da müsste ich jetzt in die Studie nochmal genauer reinschauen, um zu schauen, ob sie da Bezug auf psychische Erkrankungen kontrolliert haben.
00:15:27
Speaker
Aber das Experimentelle, diesen einen, zeigt zumindest, dass es durch das Gaming eben diese Veränderungen gegeben hat.
00:15:37
Speaker
Jetzt, es gibt viele Programme, die helfen können.
00:15:40
Speaker
Da arbeitest du auch mit.
00:15:42
Speaker
Bevor wir zu diesem Programm kommen, sollten wir vielleicht eher so die Grundlage schaffen, wann Internetnutzung wirklich problematisch ist.
00:15:50
Speaker
Ich bin mir sicher, dass Eltern oft mit dieser einen Frage eben kommen.
00:15:53
Speaker
Wie viel ist zu viel?
00:15:55
Speaker
Wir sprechen mit einigen Gästen und Sozialarbeitern vor allem über genau dieses Thema.
00:16:01
Speaker
Eltern messen auf den Stunden, die
00:16:03
Speaker
In schlaflosen Nächten, so ein Abendessen ohne dem Kind am Tisch, zwei Stunden und dann ist gut, drei, fünf,

Elternperspektiven und Jugendwahrnehmung von Gaming

00:16:11
Speaker
da ist das Limit, solche Dinge.
00:16:12
Speaker
Aber du sagst, Bildschirmzeit allein ist der falsche Maßstab.
00:16:17
Speaker
Was ist dann der richtige?
00:16:19
Speaker
Es geht eher um die Frage, was Bildschirmzeit verdrängt.
00:16:26
Speaker
Also wenn ich beispielsweise viele Stunden mit Bildschirmmedien verbringe, nicht nur Gaming, sondern auch mit anderen Dingen, dann habe ich natürlich weniger Zeit, um auch mit der Familie mal ein Abendessen zu haben oder weniger Zeit für Schulaufgaben, weniger Zeit, mich mit Freunden zu treffen, weniger Zeit für Schlaf, Ernährung, Bewegung, Gesundheit, Körperpflege,
00:16:52
Speaker
Deswegen ist die Zeit schon auch relevant, aber man kann ein problematisches Verhalten nicht an der Zeit festmachen.
00:17:01
Speaker
Also bei vielen Berufen arbeitet man primär auch am Computer, deswegen ist es nicht unbedingt als Problem zu bewerten.
00:17:15
Speaker
Eltern kommen tatsächlich oft zu uns mit der Frage, mein Kind zockt fünf Stunden am Tag, ist es süchtig?
00:17:21
Speaker
Dann sage ich immer, ja, die Bildschirmzeit ist nicht das Relevante, sondern es gibt drei Kriterien, anhand denen man eine Sucht erkennen kann.
00:17:28
Speaker
Nämlich, wenn die Jugendlichen nicht mehr kontrollieren können, wie lange, wie häufig, wo sie sind.
00:17:37
Speaker
sie online sind bzw.
00:17:39
Speaker
wann sie aufhören, dann wenn die Nutzung von den digitalen Spielen wichtiger wird als andere Lebensbereiche und wenn sich dann daraus negative Konsequenzen ergeben.
00:17:51
Speaker
Und das ist auch dieser dritte Punkt, die negativen Konsequenzen unterscheidet ein riskantes Verhalten von einem Suchtverhalten.
00:18:01
Speaker
Und da erlebe ich häufig, dass Eltern teilweise auch die Konsequenzen überinterpretieren.
00:18:07
Speaker
Also dass sie zum Beispiel sagen, der ist schlechter geworden in der Schule, wegen dem Spielen.
00:18:13
Speaker
Er geht nicht mehr zum Fußball, wegen dem Spielen.
00:18:16
Speaker
Er trifft seine Freunde nicht mehr, wegen dem Spielen.
00:18:18
Speaker
Dann fragt man den Jugendlichen, der sagt, naja, Fußball, der Trainer hat gewechselt, mit dem komme ich gar nicht klar.
00:18:24
Speaker
Ich gehe deswegen nicht mehr zum Fußball.
00:18:29
Speaker
Mein Kumpel ist woanders hingezogen oder ich fühle mich da nicht mehr so wohl in der Clique.
00:18:34
Speaker
Also es gibt häufig eine unterschiedliche Sicht auf die Dinge, welche Konsequenzen durch das Computerspielen entstanden sind und welche nicht.
00:18:45
Speaker
Und deswegen kommen Eltern und Jugendliche häufig zu einem ganz anderen Schluss, ob das Spielen problematisch ist oder nicht.
00:18:52
Speaker
Das ist dann für uns Kliniker tatsächlich auch echt schwer, ein Fazit zu ziehen.
00:18:58
Speaker
Ja, für den Hammer ist oft alles ein Nagel.
00:19:03
Speaker
Wie erkennt eine Mutter oder ein Vater das im Alltag, eben diese drei offiziellen Kriterien, ohne selbst eine Fachperson zu sein?
00:19:12
Speaker
Tatsächlich glaube ich,
00:19:14
Speaker
kann man das nicht ganz ohne die Perspektive des Jugendlichen erkennen.
00:19:21
Speaker
Also natürlich haben Eltern ein Bauchgefühl und sehen, was sie sehen.
00:19:27
Speaker
Und dennoch ist es wichtig, auch mit den Jugendlichen zu sprechen.
00:19:32
Speaker
Aber manchmal, es gibt auch Phasen im Jugendalter, da sind die Gespräche zwischen Eltern und Jugendlichen auch etwas ausgedünnt, sagen wir es mal so.
00:19:42
Speaker
Das ist auch ein natürlicher Prozess.
00:19:44
Speaker
Die Autonomieentwicklung braucht es auch manchmal, dass man für eine gewisse Zeit etwas auf Distanz geht.
00:19:51
Speaker
Und dann ist es für Eltern natürlich noch schwieriger, weil sie das Gefühl haben, sie erleben dann auch einen Kontrollverlust.
00:19:58
Speaker
Mein Kind macht jetzt irgendwas und
00:20:00
Speaker
ich bin nicht mit dabei.
00:20:02
Speaker
So, damit muss man auch erstmal klarkommen.
00:20:05
Speaker
Aber ansonsten kann man natürlich alle Dinge, die jetzt auch gerade schon erwähnt wurden, wenn die schulischen Leistungen schlechter werden, wenn das Kind übermüdet ist, wenn es nachts schläft, wenn es nachts spielt, wenn es heimlich spielt, wenn es lügt,
00:20:24
Speaker
wenn es Geld klaut oder die Kreditkarte nimmt, wenn es sich nicht an Absprachen hält, obwohl es sich eigentlich zu den Absprachen committed hat.
00:20:36
Speaker
Das sind dann solche Signale, die einen durchaus auch sorgen lassen dürfen und das ist dann wichtig, diese Sorgen dann auch mit dem Kind zu besprechen.

Diagnose und Behandlung von Internetabhängigkeit

00:20:48
Speaker
Jetzt, man wirft sehr schnell mit dem Wort Sucht rum und man spricht oft über Mediensucht, Internetsucht, Gamingsucht.
00:20:56
Speaker
Du machst aber auch einen wichtigen Unterschied zwischen Kindern und Jugendlichen, wenn es um das Wort Sucht geht.
00:21:01
Speaker
Bei Kindern sagst du, sollte man eigentlich gar nicht von dem Wort Sucht sprechen.
00:21:05
Speaker
Warum ist dieser Unterschied denn so wichtig?
00:21:09
Speaker
Weil, also aus mehrerer Hinsicht, Sucht setzt Kontrollverlust voraus und Kontrollverlust setzt Kontrollvermögen voraus.
00:21:18
Speaker
Also ich muss ja in der Lage sein, etwas zu kontrollieren, um die Kontrolle darüber verlieren zu können.
00:21:24
Speaker
Und ich
00:21:25
Speaker
Ich gebe immer gerne das Extrembeispiel bei einem Dreijährigen, der das Handy nicht abgeben kann, weil da YouTube Kids läuft, würde man ja auch nicht von einer Sucht sprechen, sondern würde man ganz natürlich davon ausgehen, dass der Dreijährige nicht in der Lage ist, sein Verhalten selbstständig zu begrenzen.
00:21:43
Speaker
Wann sind denn dann Kinder in der Lage, ihr Verhalten selbstständig zu begrenzen?
00:21:49
Speaker
Und da gibt es keine grundsätzliche Antwort drauf.
00:21:54
Speaker
zum einen, weil Dinge unterschiedlich attraktiv sind und zum anderen, weil Kinder unterschiedlich sind.
00:22:00
Speaker
Also es gibt Kinder, die können auch mit fünf oder sechs Jahren sagen, ich nehme jetzt nur ein Bonbon und die anderen drei lege ich mir für morgen und die nächsten Tage auf.
00:22:09
Speaker
Und dann gibt es andere Kinder, die stopfen sich ganz schnell alle vier Bonbons in den Mund, bevor irgendjemand auf die Idee kommen kann, das zu rationieren.
00:22:18
Speaker
Also das sind einfach unterschiedliche Menschen, die...
00:22:23
Speaker
die mehr oder weniger Selbstkontrolle haben oder mehr oder weniger impulsiv sind.
00:22:29
Speaker
Ich würde bei Kindern im Grundschulalter eigentlich nicht von der Sucht sprechen.
00:22:35
Speaker
In meinen Ausnahmen kann es da auch geben.
00:22:39
Speaker
Aber ich denke, dass die Kinder in dem Alter den hochattraktiven digitalen Medien wenig entgegenzusetzen haben, weil das schon sehr viel Selbstkontrolle braucht.
00:22:51
Speaker
Entsprechend glaube ich, dass Eltern da mehr kontrollieren müssen, um diese fehlende Selbstkontrolle ausgleichen zu können.
00:23:00
Speaker
Und Eltern nutzen manchmal dieses Sucht-Label,
00:23:08
Speaker
Entweder um Verantwortung an sich zu nehmen, beispielsweise im Jugendalter, dann zu sagen, du bist süchtig, deswegen rechtfertigt das jetzt Grenzüberschreitungen durch mich, weil du hast es nicht mehr unter Kontrolle, das muss ich jetzt in die Hand nehmen.
00:23:29
Speaker
Und gleichzeitig im Kindesalter wird das Wort Sucht häufig verwendet, um zu sagen, mein Kind hat es nicht im Griff, ich habe es nicht im Griff, das muss jetzt irgendein Therapeut in die Hand nehmen.
00:23:43
Speaker
Also mal wird Verantwortung eher delegiert und mal wird Verantwortung in den
00:23:52
Speaker
in Kombination mit einer Grenzüberschreitung auch an sich gerissen.
00:23:55
Speaker
Und deswegen finde ich das Wort Sucht häufig problematisch.
00:23:59
Speaker
Ich versuche dann immer im Kontext der Eltern, also wenn ich mit Eltern spreche, zu sagen, zuerst mal zu fragen, was bedeutet das denn für sie?
00:24:07
Speaker
Und was hätte das für eine Konsequenz, wenn ihr Kind jetzt, sage ich mal von mir als Klinikerin, den Stempel Sucht bekommt?
00:24:15
Speaker
Was würde das für sie verändern?
00:24:18
Speaker
Und was hängt für die Eltern damit zusammen?
00:24:26
Speaker
Das Zweite fällt mir jetzt nicht ein.
00:24:27
Speaker
Also ja, das ist das, was ich versuche, mit den Eltern zu erarbeiten.
00:24:31
Speaker
Und ich sage natürlich auch, also jetzt im Kontext bei uns in der Spezialsprechstunde und auch in Beratungsstellen, das ist keine Voraussetzung dafür, dass ich ihnen jetzt helfe.
00:24:41
Speaker
Ob wir das jetzt als Sucht bezeichnen oder nicht.
00:24:43
Speaker
Genau, und der zweite Punkt war, eine Sucht festzustellen oder auch auszuschließen, ist eine komplexe Geschichte.
00:24:50
Speaker
Und selbst den Klinikern, die ja mit so vielen verschiedenen Perspektiven arbeiten, gelingt es nicht immer eindeutig.
00:24:56
Speaker
Und deswegen sollte auch nicht zu viel Wert auf diesen Stempel Sucht gelegt werden, was nicht bedeutet, dass man die Probleme nicht ernst nimmt, sondern die Sorgen und Probleme und die Situation ist ja trotzdem, wie sie ist und die Perspektiven auf die Situation sind, so wie sie sind.
00:25:17
Speaker
Ob das jetzt mit oder ohne Label vorangeht, es macht vielleicht auch keinen Unterschied.
00:25:23
Speaker
Ja, wenn der Verdacht sich dann offiziell in Anführungszeichen bestätigt und eben dieser Stempel, wie du sagst, gestellt wird, ist es ja selten eine Erleichterung per se.
00:25:33
Speaker
Oft ist es beides gleichzeitig.
00:25:35
Speaker
Es ist Klarheit, aber auch ein bisschen Schock für alle.
00:25:39
Speaker
Was bedeutet so eine konkrete Diagnose für die Familie und was passiert danach?
00:25:43
Speaker
Macht es überhaupt einen Unterschied, wenn man dieses Label hat?
00:25:48
Speaker
Es macht einen Unterschied für den weiteren Verlauf, weil man, um im Gesundheitssystem eine Leistung beziehen zu können, natürlich auch eine Diagnose braucht.
00:25:58
Speaker
Sonst gibt es nichts, was man mit der Krankenkasse abrechnen kann.
00:26:03
Speaker
Das heißt, insofern ist das schon relevant.
00:26:07
Speaker
Ganz häufig haben wir aber sowieso, zumindest bei uns im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kontext, noch Komorbiditäten, zum Beispiel Angsterkrankungen, Depressionen.
00:26:18
Speaker
sodass man auch über diese Diagnose sowieso schon eine Behandlung rechtfertigen könnte und man dann vielleicht die Diagnose Computerspielstörung nicht unbedingt braucht, um grundsätzlich eine Behandlung zu rechtfertigen.
00:26:33
Speaker
Also so viel zu dem, ob es einen Unterschied macht.
00:26:36
Speaker
Und natürlich sollten wir auch alles, was wir therapeutisch adressieren, irgendwie auch durch Erkrankungen, durch Diagnosen abbilden können.
00:26:44
Speaker
im klinischen Setting.
00:26:47
Speaker
Für die Familien ist es, so wie du gerade schön beschrieben hast, tatsächlich oft eine Erleichterung und gleichzeitig ein Schockmoment.
00:26:55
Speaker
Meistens bei den Eltern eher eine Erleichterung im Sinn von, habe ich es doch gewusst und jetzt endlich haben wir eine Bestätigung für das, was wir schon als Bauchgefühl hatten.
00:27:08
Speaker
Und für die Jugendlichen tatsächlich oft eher ein Schockmoment, der aber auch hilfreich sein kann, um Motivation zu schöpfen, auch etwas zu verändern.
00:27:17
Speaker
Und das ist übrigens dann auch setting-spezifisch, weil das Wort Sucht
00:27:22
Speaker
wird in unterschiedlichen Kontexten auch mit mehr oder wenigen Problemen assoziiert.
00:27:26
Speaker
Also wenn ich zum Beispiel in Schulklassen und mich mit Schulklassen unterhalte, da habe ich dann ab und zu schon mal so Fragebögen, Screening-Fragebögen rausgegeben, damit die sich selber mal testen konnten.
00:27:37
Speaker
Und da war es dann eher so, dass die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig gebettelt haben, wer die höchsten, wer der größte Suchti ist in der Klasse sozusagen.
00:27:47
Speaker
Und da gab es meistens auch schon so ein
00:27:50
Speaker
Ja, der Benni, der ist hundertprozentig, der hat den höchsten Score.
00:27:54
Speaker
Also die kennen sich ja auch, die Schülerinnen und Schüler.
00:27:59
Speaker
Und da ist es dann aber so, ich habe das Suchlabel, aber es ist vielleicht sogar Teil meiner Identität, das ist nicht unbedingt als Problem bewertet.
00:28:10
Speaker
Man kennt vielleicht ja auch den Begriff, ich suchte Netflix oder dieses Spiel macht süchtig.
00:28:15
Speaker
Das ist ja eher ein Werbeslogan und keine Warnung.
00:28:21
Speaker
Also Sucht ist auch synonym für diese Person, macht etwas besonders intensiv, besonders gerne.
00:28:29
Speaker
Also vielleicht auch für einen leidenschaftlichen Nutzer.
00:28:34
Speaker
Oder auch für ein Angebot, wo es schwer ist, das aufzuhören, weil es so besonders gut ist.
00:28:41
Speaker
Während wir eben, wie gesagt, im klinischen Setting es eher mit negativen assoziieren, nämlich mit Problemen, die daraus entstehen.
00:28:51
Speaker
Und dieses Suchtlabel möchten die Jugendlichen ungerne haben, während das andere Suchtlabel, je nachdem, vielleicht sogar erstrebenswert ist.
00:29:02
Speaker
Klar.
00:29:03
Speaker
Und vor allem, wenn ich ja so leidenschaftlich game oder auf Social Media bin und das Teil meiner Persönlichkeit ist, dann sehe ich das ja oft nicht als Problem, obwohl meine Eltern es vielleicht als Problem ansehen.
00:29:13
Speaker
Und dementsprechend kommen viele Jugendliche ja nicht unbedingt freiwillig zu dir.
00:29:17
Speaker
Sie kommen, weil die Eltern sie eben mitbringen und das zeigen sie ja auch deutlich.
00:29:22
Speaker
Wie arbeitet man therapeutisch denn mit jemandem, der überhaupt gar keine Behandlung möchte?
00:29:30
Speaker
Gar nicht.
00:29:31
Speaker
Also ich habe häufig im Erstgespräch die einzige Chance, dem Jugendlichen zu zeigen, ich bin nicht hier, um die Ziele deiner Eltern durchzusetzen, sondern ich bin hier, um dich dabei zu unterstützen, um
00:29:52
Speaker
auch eine ehrliche Bestandsaufnahme zu machen und zu sagen, okay, will ich wirklich, dass es so bleibt, wie es ist?
00:29:58
Speaker
Oder gibt es Dinge auch an meinem Gaming-Verhalten oder an meiner Lebenssituation allgemein, die mich eigentlich...
00:30:06
Speaker
wo ich eigentlich nicht glücklich bin und die ich verändern möchte.
00:30:10
Speaker
Und das kann manchmal, ganz oft sind es Themen, die die Jugendlichen verändern wollen, die nicht direkt was mit dem Gaming zu tun haben, aber indirekt.
00:30:19
Speaker
Also zum Beispiel, dass sie sagen, ja, ich habe totale Probleme einzuschlafen und deswegen zocke ich aus, solange ich kann, weil ich das einfach super unangenehm finde, so ewig im Bett zu liegen und nicht runterzukommen.
00:30:32
Speaker
Also das heißt, ich möchte lernen,
00:30:36
Speaker
gut einzuschlafen oder auch ich möchte sozialen Anschluss haben.
00:30:42
Speaker
Ich habe das nicht.
00:30:42
Speaker
Ich habe das momentan nur online und ich bin vielleicht auch eher ein schüchterner, eher zurückgezogener Typ und ich bin auch nicht der Typ, der gerne im Fußballverein aktiv ist oder in irgendeiner Art von Sportverein.
00:30:54
Speaker
Wo finde ich denn auf dem Dorf, wo ich wohne, meine Nische, wenn ich nicht so der Volksfest-Typ bin und ich einfach...
00:31:04
Speaker
andere Interessen habe.
00:31:07
Speaker
Vielleicht auch ein bisschen...
00:31:10
Speaker
mich eher so zu einer Randgruppe zähle, wo ich nicht so schnell Anschluss finde in der Schule oder so.
00:31:15
Speaker
Also das heißt, da gibt es ganz viele Ziele, die man verfolgen kann.
00:31:18
Speaker
Es ist wichtig, dass man Annäherungsziele findet und keine Vermeidungsziele.
00:31:23
Speaker
Also nicht weg von, sondern wo willst du eigentlich hin?
00:31:27
Speaker
Das kann auch im Familien-Setting bedeuten, ich möchte einfach auch mal in Ruhe zocken und will nicht ständig mit meinen Eltern Stress haben.
00:31:36
Speaker
Ich verstehe, dass die sich Sorgen machen und
00:31:40
Speaker
aber die schalten mir den Router aus, die platzen immer in meinem Zimmer rein, immer wenn ich denen irgendwie außerhalb meines Zimmers begegne, erzählen sie mir, über was sie sich alles Sorgen machen, deswegen gehe ich eigentlich nur noch aus dem Zimmer, wenn ich weiß, sie sind gerade nicht in der Nähe, also
00:31:59
Speaker
Das sind Situationen, die häufig auch sehr belastend sind für die Jugendlichen.
00:32:03
Speaker
Und dann kann ich da Angebote machen.
00:32:05
Speaker
Ich kann sagen, okay, ich unterstütze dich gerne.
00:32:08
Speaker
Wir können auch, ja, ich unterstütze dich zum Beispiel auch dabei, mit deinen Eltern zu besprechen, dass du auch deine Privatsphäre brauchst.
00:32:16
Speaker
Ich unterstütze dich auch dabei, in Ruhe zu zocken.
00:32:19
Speaker
Aber was muss denn dafür passieren, dass deine Eltern auch...
00:32:24
Speaker
sich weniger Sorgen machen.
00:32:27
Speaker
Versuch dich auch mal in die Sie hinein zu versetzen, du musst ihnen dann auch ein bisschen was liefern.
00:32:31
Speaker
Und dadurch verändert man manchmal was an der Gaming-Situation, obwohl man das nicht als primäres Ziel formuliert hat.
00:32:40
Speaker
Hast du einen Gedanken oder eine Hypothese dazu, warum nicht nur der familiäre Fokus, sondern auch der gesellschaftliche Fokus eher auf dem Weg von und nicht dem Hinzu liegt?
00:32:56
Speaker
Ich glaube, das Problem, also das Gaming, das ist so ein Problem, das man so klar sieht.
00:33:08
Speaker
Die Alternative, die ist häufig sehr nebulös, weil die kann sehr, sehr vielfältig sein.
00:33:13
Speaker
Und natürlich haben da die Eltern ganz viele Wünsche an ihr Kind.
00:33:18
Speaker
Aber die Eltern wissen auch, die Wünsche kann man den Kindern nicht einfach so überstülpen, sondern die Kinder müssen ihre eigenen Wünsche und Ziele auch entwickeln.
00:33:27
Speaker
Und das können ja hunderttausende verschiedene Dinge sein, die irgendwo in der Zukunft liegen.
00:33:33
Speaker
Und das Problem Gaming ist aber ganz offensichtlich im Hier und Jetzt, weil sobald das Kind eigentlich das Zimmer betritt, ist es schon quasi am Gamen, aus Elternperspektive, was natürlich auch nicht immer der Fall ist, klar.
00:33:49
Speaker
Aber deswegen liegt der Fokus darauf.
00:33:52
Speaker
Und manchmal verrennt man sich da auch als Eltern rein.
00:33:56
Speaker
Dann ist alles schlechte Note in Mathe, Gaming ist Schuld, die
00:34:02
Speaker
Streit mit dem Kind, Gaming ist schuld.
00:34:04
Speaker
Irgendwann wird Gaming zum absoluten Teufel.
00:34:08
Speaker
Und dann ist es nur noch das blöde Daddeln, das Killerspiel.
00:34:13
Speaker
Das wird alles total abgewertet.
00:34:15
Speaker
Verständlich aus Elternperspektive.
00:34:18
Speaker
Aber dem Jugendlichen bietet es halt trotzdem total viel Positives.
00:34:23
Speaker
Und da kann ja gar kein neutrales Gespräch mehr entstehen zwischen diesen beiden Parteien, die es dann irgendwann mal werden.

Frühe Medienerziehung und die Rolle von Eltern und Schulen

00:34:32
Speaker
Und der Jugendliche verteidigt eigentlich nur noch seine Leidenschaft gegenüber den Eltern und verliert damit vielleicht sogar paradoxerweise die Fähigkeit, das eigene Verhalten auch kritisch zu reflektieren, weil es ständig nur im Rechtfertigungsmodus ist.
00:34:50
Speaker
Jetzt schauen wir uns mal konkret an, was du und dein Team in Tübingen dagegen entwickelt haben.
00:34:56
Speaker
Ihr habt mehrere Programme für verschiedene Altersgruppen und auch verschiedene Phasen entwickelt.
00:35:01
Speaker
Das Isis Kids Online Training richtet sich dabei an Eltern von Kindern im Grundschulalter.
00:35:08
Speaker
Jetzt für viele Zuhörerinnen und Zuhörer wirkt es vielleicht auf den ersten Blick sehr früh.
00:35:12
Speaker
Du hast ja darüber gesprochen, Sucht, soll man dabei gar nicht sprechen bei Grundschülern.
00:35:19
Speaker
Warum ist denn Prävention in diesem Alter dann so wichtig, wenn man gar nicht von Sucht spricht?
00:35:26
Speaker
Nur weil ich sage, dass Kinder in dem Alter, dass ich denen keine Suchtdiagnose geben würde, wie gesagt, Ausnahmen kann es geben, aber in der Regel heißt es ja nicht, dass in der Lebensphase kein problematisches Nutzungsverhalten stattfindet.
00:35:42
Speaker
Wenn wir mit den Jugendlichen
00:35:45
Speaker
sprechen, die bei uns in der Sprechstunde sind oder auch die zu uns ins Isis-Teens-Training kommen, dann merken wir ganz häufig, dass die Probleme sich eigentlich über Jahre hinweg aufgebaut haben.
00:35:57
Speaker
Häufig sind es dann Jugendliche, die auch schon sehr früh eigene Geräte bekommen haben oder auch früh mit dem Gaming angefangen haben oder zur Kommunion oder spätestens zur Konfirmation der Geldsegen kommt und sie sich dann
00:36:11
Speaker
eigene Geräte zusammenbasteln, wo die Eltern dann das Gefühl haben, darauf keinen Einfluss mehr haben zu können.
00:36:20
Speaker
Ja, das heißt, wir merken einfach, wir müssen früher ansetzen.
00:36:23
Speaker
Um ehrlich zu sein, ist auch das Grundschulalter manchmal schon etwas spät, weil Kinder wachsen von Anfang an mit digitalen Medien auf.
00:36:34
Speaker
Manche
00:36:36
Speaker
sehen als erstes ein Smartphone, wenn sie auf die Welt kommen, bevor sie zu Mama oder Papa in den Arm kommen.
00:36:44
Speaker
Und es ist einfach eine Illusion zu glauben, dass Kinder erst später Zugang zur digitalen Welt bekommen.
00:36:51
Speaker
Die digitale Welt ist ein Teil unserer Realität und Kinder brauchen, müssen da mitgenommen werden oder Eltern müssen sich erinnern.
00:36:59
Speaker
müssen sich auch einen Plan zurechtlegen, wie sie die Medienerziehung gestalten möchten.
00:37:04
Speaker
So wie sie sich ja auch neu in das Thema Säuglingspflege, Säuglingsernährung und in alles, was da noch so kommt, einarbeiten müssen.
00:37:13
Speaker
So braucht es auch eine Idee für die digitale Erziehung.
00:37:19
Speaker
Und wir versuchen...
00:37:21
Speaker
für Eltern im Grundschulalter vor allem mitzugeben, dass es total wichtig ist, die Medienerziehung mit den Kindern gemeinsam zu gestalten.
00:37:30
Speaker
Und dass es auch total wichtig ist, nicht nur über Nutzungszeiten zu sprechen, weil die inhaltliche Auswahl, die ist
00:37:37
Speaker
fast schon wichtiger wie die zeitliche Limitation.
00:37:41
Speaker
Ich weiß, dass sich mehr als die Hälfte der Forschung auf zeitliche Limitation fokussieren, dass sich ganz viele Ratgeber rund um die Frage, wie begrenze ich effektiv Nutzungszeiten, drehen.
00:37:55
Speaker
Aber dabei ist es einfach viel wichtiger, welche Inhalte genutzt werden, weil ich sage jetzt mal plakativ und vielleicht auch überspitzt, 15 Minuten Online-Pornografie ist einfach problematischer als 30 oder 60 Minuten Sendung mit der Maus.
00:38:17
Speaker
Ihr betont ja Medienkompetenz und auch das elterliche Vorbildverhalten sehr.
00:38:22
Speaker
Es gab auch andere Gäste auf diesem Podcast, die ein bisschen darüber gesprochen haben, dass Schulen und Lehrkräfte und Unterricht ein bisschen mehr von dieser Vermittlungsrolle annehmen sollen.
00:38:35
Speaker
Warum ist das Elternhaus für dich der entscheidendere Ort?
00:38:41
Speaker
Ich glaube, dass tatsächlich beides notwendig ist, dass wir die Schule als Ressource auf jeden Fall besser nutzen müssen, als wir es bisher tun, weil dort nun mal alle Kinder sind, egal wie kompetent oder motiviert das Elternhaus ist.
00:38:57
Speaker
Weil ich weiß, Medienerziehung ist echt ein Drahtseilakt.
00:39:02
Speaker
Man hat...
00:39:03
Speaker
Man hat die Wünsche der Kinder auf der einen Seite, man hat die Ängste, die Sorgen vor all den Gefahren und auch vor den Konflikten, die dann erst auftreten, wenn Kinder eigene Geräte haben, auf der anderen Seite.
00:39:16
Speaker
Man hat das Gefühl, es sowieso nie wirklich recht machen zu können.
00:39:21
Speaker
Und egal, wie man sich entscheidet, ob man sich dafür entscheidet, dass das Kind eine eigene Konsole bekommt,
00:39:26
Speaker
Dann hat man Streit um Nutzungszeiten.
00:39:28
Speaker
Wenn man keine Konsole erlaubt, dann hat man Streit darum, dass man keine Konsole erlaubt.
00:39:32
Speaker
Also gefühlt kann man es irgendwie sowieso nie recht machen.
00:39:36
Speaker
Ich weiß, das ist super anstrengend, kompliziert.
00:39:40
Speaker
Es fühlt sich irgendwie unnatürlich an, weil man selbst nicht so damit aufgewachsen ist.
00:39:45
Speaker
Und es braucht total viel Ressourcen.
00:39:46
Speaker
Es braucht...
00:39:49
Speaker
Eltern, die irgendwie da auch ein Team bilden.
00:39:52
Speaker
Es braucht sprachliche Kompetenzen, um ganz viele Informationsveranstaltungen mitnehmen zu können oder sich auf Homepages oder in Broschüren informieren zu können.
00:40:01
Speaker
Die gibt es häufig oft nur in Deutsch.
00:40:05
Speaker
Es braucht motivationale Ressourcen, zeitliche Ressourcen und
00:40:10
Speaker
diese Ressourcen sind einfach nicht in allen Familien vorhanden.
00:40:13
Speaker
Deswegen müssen wir das, glaube ich, auch versuchen, so gut es geht, über Medienbildung bei Kindern und Jugendlichen direkt auszugleichen.
00:40:23
Speaker
Nichtsdestotrotz sind es halt noch, bevor die Kinder in die Schule kommen, die Eltern oder die Familien, wo die Mediensozialisation stattfindet.
00:40:33
Speaker
Und es sind die Eltern, die ihren Kindern schlussendlich auch die Geräte erlauben oder auch
00:40:39
Speaker
mit Smartphones ausstatten und die da vielleicht auch nicht gut drauf gucken, welche Apps, welche Inhalte genutzt werden.
00:40:49
Speaker
Und da kann Schule natürlich durch Medienbildung versuchen, möglichst auszugleichen.

Programme zur Unterstützung von Jugendlichen und Eltern

00:40:54
Speaker
Aber die Effekte sind vor allem im Grundschulalter begrenzt.
00:40:57
Speaker
Ich kann dem Kind natürlich erklären, pass auf, das sind Influencer, die haben andere Interessen, die sie dir vorher nicht erklären.
00:41:06
Speaker
Sie haben die vermarkten Produkte.
00:41:09
Speaker
Es gibt auch Leute, die im Internet versuchen, dich zu umschmeicheln, die sich für eine Person ausgeben, die sie aber gar nicht sind, die dann vielleicht irgendwann mal Fotos von dir auch gerne sehen möchten.
00:41:21
Speaker
Und das kann ich dem Kind erklären und trotzdem wird es aber in diese Fallen tappen.
00:41:27
Speaker
Weil Kinder nun mal Kinder sind und im Hier und Jetzt leben und die positiv kurzfristigen Konsequenzen sich einfach besser anfühlen als die möglicherweise langfristig negativen Konsequenzen.
00:41:38
Speaker
Und da kann Medienbildung versuchen, was auszugleichen, aber sie wird nicht immer erfolgreich sein können.
00:41:47
Speaker
Deswegen braucht es eine starke Partnerschaft zwischen Schule und Elternhaus.
00:41:54
Speaker
Jetzt nach ISIS Kids kommt chronologisch ISIS Teens, das Online-Training.
00:41:59
Speaker
Das richtet sich auch an Eltern, aber deren Kinder zwischen 12 und 21 Jahren bereits Symptome von einer Internetnutzungsstörung oder problematisches Mediennutzungsverhalten zeigen.
00:42:11
Speaker
Das ist ja ein bisschen eine ganz andere Situation als Prävention selber.
00:42:16
Speaker
Wie läuft das Training da konkret ab?
00:42:18
Speaker
Machen das Eltern alleine online?
00:42:21
Speaker
Gibt es Begleitungen, Gruppen oder Rückmeldungen?
00:42:25
Speaker
Also es ist, wie du schon sagst, ein Training mit ganz anderen inhaltlichen Schwerpunkten.
00:42:30
Speaker
Also bei ISIS-Kids geht es ja um Medienerziehung, Medienkonferenz, um Vor- und Nachteile von Medien, um dass die Eltern eine Haltung entwickeln, darauf basierend Regeln entwickeln, mit den Kindern rücksprechen und konsequent umsetzen.
00:42:46
Speaker
Wenn Jugendliche schon Suchtsymptome entwickelt haben, dann ist unsere Erfahrung, dass man jetzt mit neuen Mediennutzungsregeln nicht mehr um die Ecke kommen muss, weil der Zug ist dann schon ein bisschen abgefahren, um ehrlich zu sein.
00:43:01
Speaker
Da geht es mehr darum, dass Eltern durch eine qualitativ hochwertige Kommunikation auch wieder eine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen.
00:43:11
Speaker
Mit qualitativ hochwertig meine ich, dass eben nicht nur mit Du-Botschaften und Vorwürfen gearbeitet wird, um das Kind vielleicht so aus der Reserve zu locken, um zu provozieren und auch vielleicht um dem eigenen Ärger Luft zu machen, sondern dass Eltern lieber versuchen sollten, über ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu sprechen.
00:43:30
Speaker
Und auch Wünsche äußern und zu versuchen, das Positive im Kleinen zu sehen.
00:43:37
Speaker
Auch wenn man zum Beispiel sagt, wir machen hin und wieder Ausflüge am Wochenende, aber mein Kind will nie mit.
00:43:43
Speaker
Wie soll ich denn da eine positive Beziehung wieder aufbauen?
00:43:48
Speaker
zu versuchen, die kleinen Momente im Alltag zu nutzen.
00:43:52
Speaker
Wenn man sich auf dem Flur begegnet, dann möglichst einen schönen Moment miteinander haben und nicht über die Sorgen und Probleme reden und das Gespräch immer wieder suchen, die Angebote auch für Ausflüge immer wieder machen, möglicherweise die Kinder auch, die Jugendlichen mitgestalten zu lassen.
00:44:09
Speaker
Und
00:44:11
Speaker
Und zu versuchen, über diese positive Rebeziehung dann auch die Kinder möglichst in eine Beratung oder Behandlung zu motivieren.
00:44:23
Speaker
Und natürlich auch zu deeskalieren.
00:44:27
Speaker
Häufig sind es ja auch Situationen, wo sich dann so eine Eskalationsspirale hochschaukelt bis hin zur Aggressivität, also auch physischer Gewalt oder auch Suizidandrohungen.
00:44:39
Speaker
Es ist auch keine Seltenheit.
00:44:41
Speaker
Und dass Eltern dann lernen,
00:44:44
Speaker
auch auf sich selber zu achten, aus dieser Eskalationsspirale auszusteigen, auch selber nicht verloren zu gehen in dieser Situation.
00:44:54
Speaker
Wir sagen immer, wenn im Flugzeug die Sauerstoffmasken runterfallen, dann soll man auch erst mal sich selber eine aufsetzen, weil wenn man selber aus den Latschen kippt, dann kann man auch nicht mehr hilfreich sein für das eigene Kind.
00:45:07
Speaker
Und noch zur Frage, wie läuft es ab?
00:45:09
Speaker
Es sind reine Selbstlern-Online-Trainings,
00:45:13
Speaker
Wir haben eine Telefonsprechstunde zweimal in der Woche, montags und freitags, wo man mit mir telefonieren kann und seine Situation schildern kann auch ganz anonym.
00:45:23
Speaker
Da kann man dann auch mehrfach anrufen und wenn ich jetzt...
00:45:27
Speaker
Wenn wir was erarbeiten, was dann umgesetzt werden soll, dann kann man auch nächste Woche sagen, das lief jetzt super oder Frau Brandhorst, das ging voll in die Hose.
00:45:37
Speaker
Es gibt einen Messenger, den man nutzen kann.
00:45:41
Speaker
Und wir haben natürlich viele Ideen, wie Eltern auch in Gruppen das gemeinsam machen können, um sich gegenseitig zu supporten und sich auszutauschen.
00:45:51
Speaker
Aber das ist nicht innerhalb des Trainings.
00:45:54
Speaker
Also das wäre dann eher so eine Selbsthilfegruppe, die sich rund um das Thema beispielsweise treffen könnte.
00:46:02
Speaker
Du hast mir auch noch persönlich vorhin ein anderes Programm erwähnt.
00:46:07
Speaker
Genau, das testen wir nämlich ganz neu, deswegen konntest du das auch noch nicht kennen.
00:46:12
Speaker
Es nennt sich Breaking the Game.
00:46:14
Speaker
Das ist ein gamifiziertes Online-Informationsangebot, das sich an Jugendliche auch zwischen 12 und 21 richtet, die sich denken, naja, vielleicht zocke ich doch ein bisschen zu viel und vielleicht haben die anderen, die mir sagen, dass ich möglicherweise eine Sucht habe, vielleicht doch recht.
00:46:33
Speaker
Aber es ist jetzt noch nicht so, dass ich denke, ich brauche da jetzt eine Behandlung oder eine Beratung, aber ich informiere mich darüber mal.
00:46:40
Speaker
Und wenn die dann momentan noch bei uns in der Studie teilnehmen, um das Angebot zu testen, dann treffen die auf Jade und seine Freundin, Verlon Mio, so ein bisschen ein Future-Szenario.
00:46:54
Speaker
Und die haben einen Science-Wettbewerb, nehmen daran teil und wollen Hamster ins All teleportieren.
00:46:59
Speaker
Und jeder macht da halt so seinen Job.
00:47:02
Speaker
Und außer Jade, weil der zockt zu viel und deswegen geht der Teleporter in die Luft und überall sind nur noch Hamster und seine Freunde sind stinksauer.
00:47:10
Speaker
Und er würde dann nach diesem Desaster am liebsten nur noch zocken, aber er rafft sich auf.
00:47:17
Speaker
und baut aus den Resten des Experiments den neuen Helfer ByteBot und geht sein Thema einfach an.
00:47:24
Speaker
Und da gibt es so unterschiedliche Level, wo man Jade und seine Freunde begleitet und immer wieder im Rahmen der Geschichte auch aufgefordert wird, sich selber zu reflektieren.
00:47:33
Speaker
Und das beginnt mit, welche Bedürfnisse erfülle ich eigentlich in digitalen Spielen?
00:47:40
Speaker
Und dann geht es natürlich auch um Suchtkriterien, um Suchtteufelskreis, um alternative Freizeitgestaltung, um Prioritäten setzen, Ziele finden im Leben, wo will ich eigentlich hin, aber auch um soziale Ängste, Sozialkontakte.
00:48:00
Speaker
Und genau, so erhoffen wir, dass junge Leute, die vielleicht eine angehende Gaming-Sucht haben, durch das Training vielleicht ein paar Impulse mitnehmen, um ihr Verhalten zu verändern oder auch für sich mehr Klarheit finden, ob sie vielleicht doch eine Beratung oder Behandlung in Anspruch nehmen wollen.
00:48:21
Speaker
Und wenn sie in Baden-Württemberg sind, dann finden sie auch innerhalb von Breaking the Game dann gleich eine Suchtberatungsstellen, Datenbank,
00:48:29
Speaker
wo die Suchtberater auch Breaking the Game kennen und das auch als Tool möglicherweise nutzen im Rahmen ihrer Arbeit.
00:48:39
Speaker
Ja, das testen wir gerade noch bis zum Sommer.
00:48:43
Speaker
Sehr cool.
00:48:44
Speaker
Und im Sommer kann man das dann erwarten?
00:48:47
Speaker
Im Sommer werden wir höchstwahrscheinlich die Studie, die Rekrutierung abschließen.
00:48:54
Speaker
Und mal schauen, wie es dann weitergeht, wie dann das Angebot zu Beginn gestellt wird.
00:49:01
Speaker
Ja, viel Erfolg.
00:49:04
Speaker
Als abschließende Frage, wenn eine Mutter oder ein Vater heute Abend nach Hause kommen, die Folge angehört hat und sich denkt, ja, das klingt ein bisschen nach unserer Situation, kann verstehen, ich höre, ich sehe, aber was sind die ersten Schritte, die sie oder er sofort beschreiben kann?
00:49:26
Speaker
Schwer zu sagen, weil ich kenne die Situation nicht.
00:49:28
Speaker
Also man kann auf jeden Fall mal auf unserer Homepage unter www.elterntraining-internetsucht.de sich die verschiedenen Angebote angucken und da würde ich auch jetzt nicht unbedingt nur nach dem Alter gehen.
00:49:42
Speaker
Also manchmal hat man auch 14-jährige Kinder und findet sich aber trotzdem mehr an den Inhalten von Isis Kids wieder, wo es mehr Medienerziehung geht.
00:49:50
Speaker
Und manchmal hat man jüngere Kinder und findet sich eher
00:49:53
Speaker
in dem Programm, wo es schwerpunktmäßig umsucht geht, wieder.
00:49:56
Speaker
Also sich da, glaube ich, ein bisschen durchzustöbern.
00:50:00
Speaker
Ansonsten uns, wenn man Fragen hat, uns eine Mail zu schreiben oder uns in der Sprechstunde anzurufen, das kann man auf jeden Fall.
00:50:06
Speaker
Und was ich unabhängig von dem, was wir anbieten, auch empfehlen kann, sind Infoseiten wie klicksafe.de oder insnetzgehen.de, das sind tolle Seiten.
00:50:19
Speaker
Und was sich immer lohnt, ist, glaube ich,
00:50:22
Speaker
sich zu überlegen, mit dem Kind ein Gespräch zu suchen und zwar außerhalb von jetzt zockst du wieder zu viel und jetzt gehe ich auf dich zu, sondern ein überlegtes, vorbereitetes Gespräch, das möglichst wenig aus Vorwürfen, sondern eher aus den eigenen Bedürfnissen, Gedanken, Sorgen besteht.
00:50:45
Speaker
Und das vielleicht kombiniert mit sogar was Nettem, weil wir gehen zu unserem Lieblingsitaliener, essen eine Pizza und suchen mal das Gespräch außerhalb von Situationen, die Eskalationspotenzial haben und sagen, dann komm und jetzt, ja.
00:51:04
Speaker
Lass uns mal darüber sprechen, weil es lässt mich nicht los.
00:51:08
Speaker
Es bereitet mir schlaflose Nächte.
00:51:09
Speaker
Ich mache mir echt Sorgen um dich und ich will das aber mit dir zusammen verändern.
00:51:15
Speaker
Oder wir wollen im besten Fall als Eltern.
00:51:19
Speaker
Ja, sehr wertvoll.
00:51:20
Speaker
Zu guter Letzt eine Frage, die wir für alle unsere Gäste am Ende haben.
00:51:23
Speaker
Was wünschst du dir für die nächsten fünf Jahre?
00:51:26
Speaker
Was soll sich in der Forschung, in der Versorgung oder auch im gesellschaftlichen Diskurs deiner Meinung nach verändern?
00:51:34
Speaker
Ich wünsche mir, dass wir eine Möglichkeit finden, als Eltern zusammen etwas zu verändern.
00:51:43
Speaker
Ich habe selber auch zwei Kinder und ich merke, was für ein krasser Druck es ist hin zur Mediennutzung.
00:51:51
Speaker
Ich habe für mich irgendwie schon so eine klare Haltung oder ich mit meinem Partner, wir haben eine klare Haltung, wie wir die Medienerziehung in unserer Familie gestalten wollen.
00:52:01
Speaker
Und das geht teilweise nicht.
00:52:03
Speaker
Also wir merken einfach, dass das nicht nur unsere Entscheidung ist, sondern es gibt so viel Druck von Mitschülerinnen und Mitschülern und von anderen Familien, sodass ich echt denke, hey, wir können das echt nur als Gesellschaft oder als Elternschwarm, keine Ahnung, gemeinsam in die richtige Richtung bewegen.
00:52:23
Speaker
Und ich habe das Gefühl, so das, was wir momentan immer haben, das Mittel der Wahl, das sind immer Elternabende und Broschüren,
00:52:32
Speaker
Damit sind wir nicht ausreichend wirksam und wir brauchen irgendwie einen neuen Impuls.
00:52:40
Speaker
Ich habe noch keine konkrete Vorstellung davon, aber das ist meine Hoffnung, dass wir den in den nächsten fünf Jahren finden in der Gesellschaft.
00:52:48
Speaker
Isabel, vielen lieben Dank.
00:52:49
Speaker
Das war wirklich ein tolles Gespräch.
00:52:51
Speaker
Danke für deine Offenheit, generell für deine Arbeit und dafür auch, dass du das Thema für Kinder und Jugendliche so weit an die Eltern bringst und auch an die Öffentlichkeit.
00:53:02
Speaker
Toja, es war mir eine Freude.
00:53:04
Speaker
Vielen Dank für das sehr nette Gespräch.
00:53:07
Speaker
Mehr über Isabel und die Forschungsgruppe findet ihr auf der Website des Universitätsklinikums Tübingen unter medizin.uni-tübingen.de Tübingen mit UE.
00:53:18
Speaker
Und die Programme ISIS Kids und ISIS Teens findet ihr direkt, wie schon gesagt, unter elterntraining-internetsucht.de.
00:53:26
Speaker
Ja, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn euch diese Folge weitergeholfen hat, teilt sie gerne und abonniert aktiv gegen Mediensucht auf eurer Podcast-Plattform.
00:53:36
Speaker
Besucht auch aktiv-gegen-mediensucht.de für weitere Informationen, Ressourcen und alle bisherigen Folgen.
00:53:44
Speaker
Bis zur nächsten Folge und bleibt aktiv gegen Mediensucht.