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Warum Frauen bei Mediensucht so oft übersehen werden, mit Dr. Linny Geisler

S2 E5 · Aktiv gegen Mediensucht: Der Podcast
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98 Plays2 months ago

Mediensucht trifft Männer und Frauen, aber in der öffentlichen Wahrnehmung dominiert oft das Bild des zockenden Teenagers. Dabei bleibt eine ganze Gruppe Betroffener weitgehend unsichtbar: Frauen.

In dieser Folge spricht Dr. Linny Geisler, Kommunikationswissenschaftlerin und systemische Therapeutin, die das Thema Mediensucht nicht nur akademisch kennt, sondern auch aus familiärer Erfahrung. In ihrer Doktorarbeit hat sie sich wissenschaftlich damit auseinandergesetzt - und heute begleitet sie Betroffene, Eltern und Familien auf dem Weg heraus aus problematischer Mediennutzung.

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Transcript

Einführung und Vorstellung von Dr. Lini Geisler

00:00:01
Tobia Martinez
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, willkommen zu einer neuen Folge von Aktiv gegen Mediensucht, dem Podcast, der sich mit Prävention, Selbsthilfe und Lösungsansätzen bei problematischer Mediennutzung auseinandersetzt.
00:00:13
Tobia Martinez
Heute habe ich eine Gästin, deren Arbeit mir wirklich unter die Haut gegangen ist.
00:00:16
Tobia Martinez
Dr. Lini Geisler ist Kommunikationswissenschaftlerin und systemische Therapeutin.
00:00:22
Tobia Martinez
Und sie ist jemand, der nicht von außen auf das Thema Sucht blickt.
00:00:27
Tobia Martinez
Ihre Geschichte prägt und es erklärt auch, warum ihre Forschung eine andere Qualität hat als vieles, was man sonst zu diesem Thema liest.

Forschung zu Medienabhängigkeit und Frauen

00:00:34
Tobia Martinez
Lini hat an der medizinischen Fakultät der Universität Tümingen promoviert.
00:00:39
Tobia Martinez
Ihre Dissertation, inzwischen auch als Buch erschienen und auch kostenlos als PDF verfügbar, trägt den Titel Lebensbewältigung im Spiegel der Internetnutzung.
00:00:49
Tobia Martinez
Allein dieser Titel sagt schon, wie sie Mediensucht versteht.
00:00:52
Tobia Martinez
Nicht als moralisches Versagen, sondern als Versuch, ein schwieriges Leben irgendwie hinzukriegen.
00:00:58
Tobia Martinez
Für ihre Studie hat sie 24 Frauen interviewt, biografisch, narrativ, ausführlich und offen.
00:01:04
Tobia Martinez
Und dabei hat sie etwas gefunden, das die Suchtforschung lange ignoriert hat.

Persönliche und berufliche Einflüsse auf Dr. Geislers Karriere

00:01:09
Tobia Martinez
Denn obwohl zum Beispiel die Pinter-Studie schon 2011 gezeigt hat, dass Mädchen und junge Frauen teils stärker betroffen sind als Männer, zum Beispiel bei den 14- bis 16-Jährigen lag die Rate bei,
00:01:21
Tobia Martinez
4,9 Prozent der Mädchen gegenüber 3,1 Prozent der Jungen sind Frauen in Versorgungsangeboten bis heute kaum sichtbar.
00:01:29
Tobia Martinez
Sie sind da draußen, aber das Hilfesystem findet sie einfach nicht.
00:01:34
Tobia Martinez
Lini, herzlich willkommen.
00:01:38
Linny Geisler
Total schön.
00:01:38
Linny Geisler
Ich bin ganz fasziniert, wie wertschätzend du mich vorgestellt hast.
00:01:40
Tobia Martinez
Danke, dass du heute da bist.
00:01:43
Linny Geisler
Vielen Dank für die Einladung.
00:01:45
Tobia Martinez
Kommunikationswissenschaft und dann systemische Therapie und dann noch eine Promotion einer medizinischen Fakultät über Internetnutzungsstörungen.
00:01:54
Tobia Martinez
Das ist nicht wirklich ein gerader Weg für die meisten Leute.
00:01:58
Tobia Martinez
Was hat dich so in diese Richtung gezogen und wann war dir das klar so, ja, das ist mein Thema?
00:02:05
Linny Geisler
Die Reihenfolge ist...
00:02:07
Linny Geisler
glaube ich, anders gewesen.
00:02:09
Linny Geisler
Also auf jeden Fall die Doktorarbeit.
00:02:12
Linny Geisler
Ich war 2013 in Tübingen eingestiegen, an der Erwachsenenpsychiatrie, in der Suchtforschung, in der Sektion für Suchtmedizin und Suchtforschung und habe auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet und meine Doktorarbeit begonnen.
00:02:26
Linny Geisler
Und dann gab es aber Schwierigkeiten, was so berufliche Perspektiven angeht, eine Weile für mich in der Wissenschaft.
00:02:31
Tobia Martinez
Mhm.
00:02:33
Linny Geisler
Und dann habe ich beschlossen, dass ich
00:02:37
Linny Geisler
nochmal mein Glück außerhalb probiere und bin dann zwischenzeitlich in der Wirtschaft gewesen.
00:02:43
Linny Geisler
Und in der Zeit habe ich dann meinen systemischen Coach gemacht als Weiterbildung und darauf habe ich die systemische Therapie aufgebaut und in der Zeit bin ich dann wieder zurückgekommen in die Wissenschaft, nämlich im OMPRESS-Projekt gelandet.
00:02:54
Linny Geisler
Und dann, genau, habe ich ab dem Zeitpunkt nach und nach die Doktorarbeit dann beendet.

Interdisziplinäre und qualitative Forschungsansätze

00:02:59
Linny Geisler
Also es war so ineinander verwoben, würde ich sagen.
00:03:02
Linny Geisler
Und es war aus Interesse alles letztendlich, aber auch sicherlich in der Reihenfolge, so wie die Dinge auch sich ergaben.
00:03:11
Linny Geisler
Also ich habe das Beste draus gemacht aus einer teilweise schwierigen Situation.
00:03:16
Linny Geisler
Ist ja nicht so leicht für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Fuß zu fassen und finanzielle Sicherheit ist da auch schwierig.
00:03:18
Tobia Martinez
Total.
00:03:19
Tobia Martinez
Ja, total Hut ab.
00:03:24
Linny Geisler
Insofern war es so ein Suchprozess, deswegen ein bisschen
00:03:29
Linny Geisler
Nicht so geradlinig vielleicht.
00:03:30
Linny Geisler
Im Nachhinein schon.
00:03:32
Tobia Martinez
Hut ab, vor allem von der Wirtschaft dann wieder ein bisschen zur akademischen Welt rüber zu kommen.
00:03:38
Tobia Martinez
Deine Entscheidung zu promovieren, vor allem mit einer qualitativen Studie zu Frauen und Internetnutzungsstörungen, das ist ja nicht wirklich auch da nicht so ein klassisches medizinisches Dissertationsthema.
00:03:48
Tobia Martinez
Wie haben deine Betreuer reagiert, als du gesagt hast, ja, das ist mein Thema?
00:03:53
Linny Geisler
Ja, also es ist ja ein interdisziplinärer Promotionsabschluss gewesen.
00:03:57
Linny Geisler
Das heißt, da sind
00:03:58
Linny Geisler
Menschen, die nicht MedizinerInnen sind, eingeladen, im medizinischen Bereich zu promovieren.
00:04:04
Linny Geisler
Also das war schon mal klar.
00:04:05
Linny Geisler
Und ich komme ja aus den Sozialwissenschaften, aus den Kommunikationswissenschaften und habe da auch mal eine Promotion angefangen, tatsächlich, ich glaube, anderthalb Jahre, zu einem kommunikationswissenschaftlichen Thema in Hamburg und habe aber festgestellt, eigentlich interessiert es mich viel mehr, wie Menschen mit Medien auf eine
00:04:24
Linny Geisler
ungewöhnlicherweise umgehen.

Medienrolle und therapeutische Ansätze

00:04:26
Linny Geisler
Und das war für mich so dieser Weg hin zu diesem Suchtthema.
00:04:31
Linny Geisler
Genau, ich habe selbst einen Hintergrund.
00:04:33
Linny Geisler
Ich komme selbst aus einer Familie, wo es eine Suchterkrankung gab.
00:04:36
Linny Geisler
Deswegen da auch so ein persönliches Interesse.
00:04:38
Linny Geisler
Es gab jetzt aber keinen Bereich Mediensucht, deswegen weit genug entfernt von meinem persönlichen Thema.
00:04:44
Linny Geisler
Das fand ich wichtig.
00:04:46
Linny Geisler
Und habe dann zufälligerweise den Dr. Kai Petersen, den ich in Hamburg am UKE kennengelernt hatte, gegoogelt.
00:04:53
Linny Geisler
Und der war in Tübingen.
00:04:55
Linny Geisler
Und zufälligerweise zog es mich aufgrund der Liebe, also meines Partners, jetzt Mannes, nach Tübingen.
00:05:03
Linny Geisler
Und so fügte sich alles.
00:05:04
Linny Geisler
Und ich habe dann da mit diesem Thema angefangen.
00:05:07
Linny Geisler
Also es dockt so an, das an, was ich vorher gemacht habe, mit einem neuen Interesse, kombiniert wieder mit Zufällen,
00:05:15
Linny Geisler
an dem richtigen Punkt gelandet zu sein.
00:05:17
Linny Geisler
Und mein Betreuer, Professor Aniel Batra, fand das eigentlich eine gute Idee.
00:05:22
Linny Geisler
Also es dockte ja auch an, an eine Forschungslücke.
00:05:25
Linny Geisler
Du hattest ja die Pinter-Studie erwähnt.
00:05:27
Linny Geisler
Forschungslücke sind ja immer ein guter Anlass.
00:05:29
Linny Geisler
Insofern hatte ich freie Fahrt und hatte auch gleichzeitig sehr viel Freiheiten, wie ich das gestalten wollte.
00:05:37
Linny Geisler
Also dass ich jetzt qualitativ geforscht habe, war vollkommen...
00:05:41
Linny Geisler
in Ordnung und auch erwünscht.
00:05:43
Linny Geisler
Wir hatten auch in einem qualitativen Forschungsprojekt vorher gearbeitet.
00:05:46
Linny Geisler
Ist also schon zu der Zeit nicht mehr so was Fremdes gewesen.
00:05:49
Linny Geisler
In der Medizin hat sich in eine Richtung entwickelt.
00:05:53
Linny Geisler
Aber gleichzeitig blieb es natürlich weiterhin ein methodisches Vorgehen, das dann doch fremd genug war, dass ich viel Freiräume hatte.
00:05:59
Linny Geisler
Das hat immer so Vor- und Nachteile.
00:06:01
Linny Geisler
Da musste ich dann seine Expertinnen und Experten
00:06:06
Linny Geisler
Berater und so suchen, die einem dann helfen.
00:06:09
Linny Geisler
Da ist Herr Professor Battraus so, dass er sagt, die Methode ist nicht seine Expertise, aber er betreut mich oder unterstützt mich auf allen anderen Ebenen.
00:06:17
Linny Geisler
Und ich glaube, er war auch gerade zum Schluss sehr fasziniert von dem, was rauskam.
00:06:21
Linny Geisler
Also er war eher so, dass er dachte, das muss man viel mehr machen.
00:06:24
Linny Geisler
Ja.
00:06:24
Tobia Martinez
Ich glaube, nicht nur er war fasziniert, sondern wir alle, die auch heute zuhören.
00:06:29
Tobia Martinez
Du hast ein bisschen über deinen persönlichen Hintergrund schon gesprochen.
00:06:33
Tobia Martinez
Wie hat dein persönliches Familiensystem, in dem du aufgewachsen bist, deine Art zu forschen geprägt?
00:06:39
Tobia Martinez
Merkst du da was?
00:06:40
Tobia Martinez
Also nicht nur dein Thema, sondern auch generell deine Haltung gegenüber den Menschen, die du interviewst oder behandelst?
00:06:47
Linny Geisler
Ja, das ist eine gute Frage.
00:06:48
Linny Geisler
Ich denke, dass sich das immer in meiner Wahl für qualitative Methoden widerspiegelt und in meiner Wahl systemische Therapeutin betrifft.
00:06:59
Linny Geisler
geworden zu sein, weil in beidem sich widerspiegelt, dass es nicht die eine Wirklichkeit und Wahrheit gibt, sondern dass die eigentlich jede Minute neu erzeugt wird und von beiden Seiten und das bringt uns ja auch als TherapeutInnen mit KlientInnen auf Augenhöhe und dass wir das jetzt hier gemeinsam machen und die qualitative Forschung sieht ja auch gerade so, wenn wir jetzt von Suchtbetroffenen ausgehen, das ExpertInnentum bei den Betroffenen selbst.
00:07:29
Linny Geisler
Und ich denke, das kommt sicherlich von meiner Geschichte her.
00:07:32
Linny Geisler
Also für mich gibt es da keine, es ist nicht weit weg, sondern es ist was, was ganz normale Menschen aus der Mittelschicht mit nach außen hin perfekten Auftreten betreffen kann, eine Sucht.
00:07:33
Tobia Martinez
Mhm.
00:07:48
Linny Geisler
Das ist mitten in der Gesellschaft und deswegen, glaube ich, gab es da für mich nie so eine
00:07:55
Linny Geisler
vielleicht nicht so eine Distanz im Sinne von, das sind die Patienten und ich bin die, die die beforscht, das gibt es bei mir nicht.
00:08:03
Linny Geisler
Und gleichzeitig musste ich natürlich als Forscherin ein bisschen darauf achten, in meiner Rolle zu bleiben, ist schon so.
00:08:08
Linny Geisler
Aber ich glaube, dass die Gespräche auch deswegen ganz gut wurden und vertraut, weil ich da auch als Person war.
00:08:17
Linny Geisler
Und ich habe es teilweise auch in Interviews einfließen lassen, bewusst.
00:08:23
Linny Geisler
also je nachdem, bei wem ich war, was nicht immer nötig war, also weil ich glaube, man hat es auch so gemerkt, dass ich wirklich einfach wissen wollte, so wie ging es dir so.
00:08:34
Linny Geisler
Und ich komme auch aus der, ich habe auch als Angehörige viele Selbsthilfegruppen besucht, für Angehörige.
00:08:41
Linny Geisler
Und deswegen glaube ich, gibt es auch so eine Art von Gesprächskultur, die ich in diesen Interviews wiederholt habe,
00:08:49
Linny Geisler
Und ich glaube, ich immer auch ein bisschen in den systemischen Therapiesitzungen hier und da habe natürlich es anders, weil ich frage ja ganz viel und das macht man ja nicht in der Selbsthilfegruppe.
00:08:57
Linny Geisler
Aber dass Menschen sich hinsetzen und sagen, ich bin sowieso und das ist meine Geschichte, das finde ich total magisch.
00:09:05
Linny Geisler
Und ich glaube, das habe ich versucht, ein bisschen in diese sehr doch klinische, trockene, sachliche Welterforschung, medizinischen Forschung zu infiltrieren.
00:09:15
Linny Geisler
Also das da einfach reinzupacken.
00:09:18
Linny Geisler
an großen Geschichten, was da wirklich nicht viel zu finden ist.
00:09:22
Linny Geisler
Man findet es hier und da, aber man findet kleine Blitzlichter von großen Geschichten, hier und da in der Forschung auch.
00:09:29
Linny Geisler
Aber es ist ja oft so, dass das Format das nicht hergibt, so kurze Fachartikel, da kann man nicht viel erzählen.
00:09:35
Linny Geisler
Ich habe ja das Buch, die Monografie, gewählt, insofern hatte ich ein bisschen mehr Platz.
00:09:40
Linny Geisler
Also so hat sich vieles zusammengefügt.
00:09:44
Tobia Martinez
Sehr interessant.
00:09:44
Tobia Martinez
Und bevor wir ein bisschen so in diese Besprechung über die webbasierte Mediensuchtberatung einsteigen, die du auch durchgeführt hast, ein bisschen so, es hört sich an, als wäre da auch sehr viel persönliches Wachstum passiert in den Interviews und generell in deiner Dissertation.
00:09:57
Linny Geisler
Mhm.
00:09:57
Linny Geisler
Mhm.
00:10:00
Tobia Martinez
Gibt es einen Moment aus dieser Zeit, also deiner eigenen Kindheit oder Jugendzeit,
00:10:05
Tobia Martinez
den du heute anders verstehst, basierend auf diesen Interviews, seit du die Sucht wirklich von innen kennst und auch von der Forschungsseite.

Webbasierte Therapieerfahrungen und OMPRIS-Projekt

00:10:15
Linny Geisler
Also ich denke mal, ich hatte eine hohe Internetaffinität.
00:10:22
Linny Geisler
Also wir hatten relativ früh neue Technologie bei uns zu Hause.
00:10:27
Linny Geisler
Da gab es ein großes Interesse dran und ich habe das früh schon genutzt, auch so mit Chats im AOL, Messenger und solche Sachen.
00:10:34
Linny Geisler
Also den hohen Telefonrechnungen und so, was dann alle auch kannten aus der Zeit.
00:10:38
Linny Geisler
Das gab es dann bei uns auch.
00:10:40
Linny Geisler
Und ich habe auch in der Zeit...
00:10:44
Linny Geisler
Also, ich habe, glaube ich, mal so eine Art Seelsorge per Chatnachricht eine Weile kontaktiert.
00:10:51
Linny Geisler
Nee, per E-Mail.
00:10:51
Linny Geisler
Das war die E-Mail-Seelsorge.
00:10:53
Linny Geisler
Also, von der Seelsorge kennt man ja.
00:10:55
Linny Geisler
Das ist ja eine Einrichtung, die Menschen auch telefonisch unterstützt.
00:10:59
Linny Geisler
Und da gab es auch eine E-Mail-Seelsorge.
00:11:01
Linny Geisler
Und die habe ich genutzt.
00:11:03
Linny Geisler
Und ich glaube, das hat mich, das hat, erst mal sehe ich das im Nachhinein als eine große Ressource von mir, dass ich früh es normal fand, nach außen zu gehen.
00:11:15
Linny Geisler
Das ist nicht typisch für Suchtsysteme.
00:11:18
Linny Geisler
Das war auch nicht gewünscht.
00:11:20
Linny Geisler
Das wusste auch, glaube ich, keiner von meinen Eltern jetzt oder so.
00:11:25
Linny Geisler
Und ich denke, dass das meine God-Doktor-Arbeit insofern geprägt hat, komplizierter gemacht hat, dass ich es uneindeutig fand und finde, ob Medien jetzt schädlich sind oder dann doch irgendwo auch eine Ressource.
00:11:37
Linny Geisler
Und deswegen da auch sehr versucht habe, darauf zu achten in meinen Interviews, das auseinander zu sortieren.
00:11:44
Linny Geisler
Also an welchen Stellen ist jemand zum Beispiel, ich hatte eine, die hat sehr exzessiv unter anderem YouTube-Videos gestreamt,
00:11:53
Linny Geisler
Und das hat sie auch Teil ihres Suchtkreislaufs beschrieben und gleichzeitig war das der Wendepunkt, weil sie darin Videos von jemandem, der eine Depression hatte, gefunden hat und darüber auf ihre eigene Depression gekommen ist und eine Wärme und eine Weichheit sich selbst gegenüber entwickeln konnte.
00:11:56
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:12:11
Linny Geisler
was es so in ihrer Außenwelt nicht gab.
00:12:13
Linny Geisler
Das heißt, an dem genau denselben Ort, bei genau derselben Medienanwendung, hat sie einen Inhalt gefunden, deren Wendepunkt war in Richtung Genesung und Richtung
00:12:24
Linny Geisler
besseres Leben.
00:12:26
Linny Geisler
Also wo fangen wir an?
00:12:27
Linny Geisler
Also es ist so.
00:12:28
Linny Geisler
Und ich glaube, das habe ich auch, auch weil ich selber weiß, was da alles an Potenzial, an positiven Potenzial drinsteckt, weil ein Anruf nach draußen, wenn man Hilfe braucht, ist höher schwelliger als eine E-Mail.
00:12:42
Linny Geisler
Also wie toll, dass es das gab damals für mich.
00:12:46
Linny Geisler
So im Nachhinein würde ich sagen, erstmal Hut ab vor der kleinen Linie, dass sie das so gut gemacht hat.
00:12:52
Linny Geisler
Aber auch
00:12:54
Linny Geisler
bringt natürlich auch dieses differenzierte rein, wie ich drauf schaue.
00:12:59
Tobia Martinez
Sehr interessant, dass du damals schon eine E-Mail-basierte Seelsorge kontaktiert hast, weil du hast dann im Projekt OmPris auch selbst webbasierte Mediensuchtberatung durchgeführt.
00:13:12
Tobia Martinez
In einer gewissen Weise hast du es ja schon ein bisschen angesprochen, so dass es ein echtes Paradox in sich selbst ist.
00:13:17
Tobia Martinez
Menschen, deren Problem das Online-Sein ist, werden über das Internet auch beraten und können da Hilfe finden.
00:13:24
Tobia Martinez
Für viele, glaube ich, klingt es nach einem Widerspruch.
00:13:27
Tobia Martinez
Oft selbst nicht Betroffene oder nur Angehörige.
00:13:31
Tobia Martinez
Wie hast du das selber erlebt?
00:13:32
Tobia Martinez
Also technisch und emotional dann bei Ompris?
00:13:36
Linny Geisler
Also tatsächlich bin ich der Ansicht, dass es nicht das Online-Sein an sich ist, wovon Menschen abhängig sind, sondern es sind bestimmte Medienanwendungen, darin bestimmte Inhalte, das ist sehr, sehr, sehr spezifisch, also sehr spezifisch oft, nicht immer, manchmal ist es auch ganz, ganz viel parallel, aber auch das eigentlich nicht wahllos, in Kombination mit einer bestimmten Lebenssituation, wo das eine Funktion übernimmt für die Person.
00:14:02
Linny Geisler
Insofern ist es nicht das Online-Sein an sich, das das Problem ist.
00:14:05
Linny Geisler
Und die Idee damals war vom OMPRIS-Projekt aus, das wurde ja vom LWL-Uniklinikum Bochum ausgeleitet und wir hatten verschiedene Konsortialpartner.
00:14:14
Linny Geisler
Ich war an der Psychosomatik in Dießen.
00:14:18
Linny Geisler
einer Klinik, die von Berte Wild geleitet wird, von Professor Berte Wild, den man ja auch kennt als jemanden, der sehr viel beigetragen hat zur Internetsuchtbehandlung in Deutschland.
00:14:31
Linny Geisler
Genau, da sind wir im Grunde von ausgegangen, von diesem Bild, dass wir wie Streetworker uns an den Ort begeben, wo die Sucht stattfindet.
00:14:42
Linny Geisler
Also online als Raum eher zu betrachten, nicht als das Suchtmittel an sich.
00:14:48
Linny Geisler
Das Suchtmittel ist innerhalb dieses Raums erstmal zu identifizieren, das müssen wir erstmal verstehen.
00:14:54
Tobia Martinez
Haben die Klientinnen, die davon Nutzen gemacht haben, die Online-Beratung eher als eine Erleichterung gesehen, weil du eben schon in diesem Raum bist, den sie selber frequentieren oder als eine Hürde, weil das Medium dann selber sie da ein bisschen wieder rein lockt und selbst das Problem ist?
00:15:02
Linny Geisler
Ja.
00:15:10
Linny Geisler
Nee, zumindest bei den Menschen, die ich in der Beratung hatte, war das überhaupt keine Hürde.
00:15:16
Linny Geisler
Es war für viele tatsächlich, also dazu kam, dass in der Zeit die Corona-Erkrankung war, also das heißt, die Corona-Pandemie war.
00:15:26
Linny Geisler
Das heißt, es gab tatsächlich viel weniger Möglichkeiten vor Ort, Hilfe zu finden.
00:15:31
Linny Geisler
Es musste in diesen Raum verlagert werden.
00:15:33
Linny Geisler
Das war natürlich ein Zufall, dass das sich verabschiedet.
00:15:37
Linny Geisler
Also wir haben, ich bin eingestiegen, es lief schon eine Weile vorher, ich bin im Juli 2020 eingestiegen, also mittendrin in den ersten Monaten, da war es sogar noch, war alles so ein bisschen aufregend.
00:15:53
Linny Geisler
Und das waren auch Menschen, die sagen, hey, nur so kann ich das in meiner Familie hinkriegen.
00:15:58
Linny Geisler
Dann haben wir teilweise Termine morgens um acht gehabt oder abends.
00:16:03
Linny Geisler
Das ist dann ja für manche in bestimmten Lebenssituationen viel besser machbar gewesen.
00:16:08
Linny Geisler
Und die Leute sind ja eh alle internetaffin, sonst würden die ja auch vielleicht da nicht gerade auch ihr Suchtmittel finden.
00:16:15
Linny Geisler
Gleichzeitig ist
00:16:17
Linny Geisler
hatte ich jetzt nicht den Eindruck, dass die Betroffenen selber da eine Konfusion hatten, hey, ich bin doch online und bin doch online süchtig, wie kann das sein, sondern ich hatte den Eindruck, das konnten wir und unsere Klientinnen sehr gut differenzieren, dass das nicht dasselbe ist.
00:16:34
Tobia Martinez
Konntest du irgendwas lernen von Ompris, das du jetzt auch in deiner jetzigen Therapiepraxis umwenden kannst, obwohl es vielleicht nicht online ist?
00:16:42
Linny Geisler
Ja, also ich übernehme immer mal wieder was von Ompress, also zum Beispiel manche Übungsblätter.
00:16:46
Linny Geisler
Wir haben ja auch ein Manual veröffentlicht.
00:16:48
Linny Geisler
Also das Manual, auf dem Ompress basierte, haben dann einige von uns Mitarbeiterinnen nochmal überarbeitet und dann als Fachartikel veröffentlicht.
00:16:57
Linny Geisler
Und auch, genau, ich übernehme weiterhin manche Einstiege, also die Art und Weise, in welcher Reihenfolge ich vorgehe.
00:17:06
Linny Geisler
Und je nachdem gebe ich auch so Selbstbeobachtungsaufgaben mit, die ich von Ompress habe.
00:17:11
Linny Geisler
Und habe auch sehr stark, weil wir haben da auch stark mit dem Motivational Interviewing als Technik gearbeitet, das ist ja auch sehr stark darauf aus, Menschen die Freiheit zu lassen, also die Autonomie zu lassen, eine eigene Entscheidung treffen zu können und selber bestimmen zu können, an welcher Stelle sie überhaupt was verändern möchten, also auch schon mal so als Ausblick zum Thema Abstinenz, das war nicht das Ziel.
00:17:33
Linny Geisler
OMPRES hat sich auch eher als Brücke verstanden, das basierte ja auf einem vorherigen Projekt Oasis, das sich auch schon so mit wenigen Interventionen als Brücke verstanden hat, ins Hilfesystem, ins Etablierte und OMPRES hat es ja nochmal ausgeweitet.
00:17:51
Linny Geisler
Also wir haben vier Wochen lang acht Sitzungen standardgemäß pro Person durchgeführt, also zwei Sitzungen pro Woche, manchmal auch mehr, manchmal weniger, aber das war so die Regel.
00:18:01
Linny Geisler
mit der Idee am Ende, wenn noch Bedarf ist, weil das vielleicht gerade ein höherer, schwerer Grad ist, dann eine Weiterempfehlung zu geben ins etablierte Hilfesystem rein.

Narrative Methoden und Rekrutierungsstrategien

00:18:11
Linny Geisler
Also insofern, genau, was war doch mal, ich habe da eine Frage, bin ich noch an deiner Frage rausgekommen?
00:18:18
Tobia Martinez
Genau, neue Sachen, die du für deine eigene Therapiepraxis dann durchnehmen konntest.
00:18:19
Linny Geisler
Ah ja.
00:18:22
Linny Geisler
Genau, also was ich dann mitnehme ist,
00:18:26
Linny Geisler
Also das Motivational Interviewing, die innere Haltung.
00:18:29
Linny Geisler
Ich würde niemals sagen, dass Abstinenz sinnvoll ist, wenn es nicht gewünscht ist von der Person.
00:18:38
Linny Geisler
Und das ist tatsächlich auch, ich finde schon auch nochmal was anderes, als zum Beispiel bei Substanzen.
00:18:43
Linny Geisler
Weil ja, am Ende doch da so eine Überlappung ist.
00:18:49
Linny Geisler
Und am Ende, glaube ich, das ist ja auch das, was so aus meiner Doktorarbeit so ein bisschen schon so raus, sich rauslesen lässt aus dem Titel.
00:18:55
Linny Geisler
Am Ende, glaube ich, ist eher so die Frage, wie kann ich für das, womit ich Medien, wo ich Medien eingesetzt habe, um im Leben klarzukommen, wie kann ich das anders hinbekommen?
00:19:06
Linny Geisler
Und wenn Menschen das anders hinbekommen und trotzdem manchmal in dieses eine Spiel gehen und das ist in Ordnung,
00:19:12
Linny Geisler
würde ich sagen, es ist ein Erfolg.
00:19:15
Tobia Martinez
Du sprichst schon deine Doktorarbeit an.
00:19:17
Tobia Martinez
Der Kern deiner Doktorarbeit ist ja, du hast 24 Frauen interviewt, davon 21 mit einer problematischen Internetnutzung.
00:19:24
Tobia Martinez
Du hast keine Fragebögen oder Skalen benutzt, sondern wirklich richtige Gespräche, eben qualitativ.
00:19:29
Linny Geisler
Also ich habe welche benutzt zur Ergänzung, aber nur um was gegen zu checken.
00:19:30
Tobia Martinez
Mhm, mhm.
00:19:33
Linny Geisler
Genau, ja.
00:19:34
Tobia Martinez
Genau.
00:19:36
Tobia Martinez
Richtige Gespräche, in denen eben Frauen ihre Lebensgeschichten erzählt haben, nicht basierend nur auf den Fragebögen, wie du schon sagst, aber eben als Ergänzung.
00:19:44
Tobia Martinez
Warum hast du denn diese Methode benutzt?
00:19:46
Tobia Martinez
Warum hat dich diese biografische Narrative angesprochen und wie du sagst, Fragebögen nur als Ergänzung?
00:19:56
Linny Geisler
Genau, ich hatte einen Interview-Leitfaden, der mit sehr offenen Fragen gearbeitet hat.
00:20:02
Linny Geisler
Und wo ich auch, wie du es hier auch sagtest, wenn uns der Weg da und dahin führt, dann darf das gern so sein.
00:20:07
Tobia Martinez
Ja.
00:20:07
Linny Geisler
Das habe ich dann auch.
00:20:08
Linny Geisler
Das war dann auch möglich.
00:20:10
Linny Geisler
Aber trotzdem gab es schon so eine gewisse Struktur, weil ich festgestellt habe, dass wenn ich das Interview so und so anfange, ich eher den Raum aufmachen kann, für meine Interviewpartnerin in dieses Geschichten erzählen zu kommen.
00:20:22
Linny Geisler
Und das war mir wichtig.
00:20:24
Linny Geisler
Und mein Vorgehen habe ich deswegen gewählt, weil es mich am meisten interessiert hat, ehrlich gesagt.
00:20:29
Linny Geisler
Also bis heute interessieren mich die Lebensgeschichten.
00:20:33
Linny Geisler
Und meine Doktorarbeit ist ein großes anstrengendes Projekt.
00:20:38
Linny Geisler
Deswegen dachte ich mir, vielleicht solltest du es so machen, dass es dich intrinsisch motiviert und irgendwie...
00:20:47
Linny Geisler
bindet und das hat es auch zum Glück, also es hat auch sicherlich dazu beigetragen, dass ich es dann auch fertig bekommen habe.
00:20:54
Linny Geisler
Das hat mich am meisten interessiert.
00:20:55
Linny Geisler
Und natürlich auch, weil ich ja weiß, also weil ich den Eindruck hatte, dass wenn man in die Forschung von damals schaute, dass man keine Menschen fand, sondern Fälle
00:21:07
Linny Geisler
also mal Zahlen gefunden, also sehr quantitativ geprägt, irgendwelche statistischen Aussagen und wenn ich dann, wenn man dann liest, so und so viel Prozent der Frauen und so und so viel Prozent der Männer, dann sind da für mich noch keine Menschen spürbar und ich hatte so das Bedürfnis, Menschen, also ich wissen wollte ja, wer ist das denn?
00:21:25
Linny Geisler
Was genau machst du denn da?
00:21:28
Linny Geisler
Also auch so ein
00:21:30
Linny Geisler
so das Gefühl zu haben, aus dem, was ich da bisher gesehen habe, werde ich nicht schlau, ehrlich gesagt.
00:21:35
Linny Geisler
Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktioniert.
00:21:36
Linny Geisler
Also wie funktioniert Mediensucht?
00:21:39
Linny Geisler
So, also, ja.
00:21:39
Tobia Martinez
Das ist eine sehr interessante Perspektive, die mich ein bisschen an das morbide Zitat von Josef Stalin erinnert.
00:21:47
Tobia Martinez
Aber ein Tod ist eine Tragödie, eine Million sind eine Statistik.
00:21:51
Tobia Martinez
Und oft, wenn man eben diese Statistiken liest in der Tagesschau oder in anderen Nachrichten, dann
00:21:57
Tobia Martinez
Es bedeutet nichts.
00:21:58
Tobia Martinez
Ah ja, okay, Zahlen, jetzt kann ich mit meinem Tag wieder weitermachen.
00:21:58
Linny Geisler
Okay.
00:22:01
Tobia Martinez
Aber ich glaube, du hast wirklich da das Licht auf einen wichtigen dunklen Punkt gerichtet.
00:22:01
Linny Geisler
Ja.
00:22:01
Linny Geisler
Mhm.
00:22:09
Tobia Martinez
Aber wie bekommt man denn überhaupt 24 Frauen dazu, mit einer fremden Forscherin wie dich über ihre Internetnutzung zu reden?
00:22:17
Tobia Martinez
Das ist ja eine sehr persönliche Sache.
00:22:20
Tobia Martinez
Und wie haben auch diese Frauen ihren eigenen Konsum eingeschätzt?
00:22:23
Tobia Martinez
Haben sie sich mit dir in Verbindung gesetzt?
00:22:26
Tobia Martinez
Ja, ich bin süchtig.
00:22:29
Tobia Martinez
Ich habe wirklich süchtiges Verhalten oder wie lief das?
00:22:32
Linny Geisler
Das war eine groß wichtige Frage, weil ich ja, also wenn ich jetzt rangegangen wäre und gesagt hätte, ja hier, guck mal, dann gibt es ein paar Kriterien, wonach du einschätzt kannst, dass du internetsüchtig bist, schau doch mal, ob das dich betrifft und wenn ja, dann können wir mal sprechen, dann hätte ich Kriterien genommen, wo wir wissen, dass die basieren auf vor allem männlichen Betroffenen.
00:22:55
Linny Geisler
Weil alles, was an Diagnostikkriterien bis dato vorlag und ich glaube auch bis heute noch stark von klinischen Studien geprägt ist und im klinischen Kontext tauchten und tauchen bis heute vor allem männliche Betroffene auf.
00:23:07
Linny Geisler
Und hätte ich das dann so einfach genommen, wäre die Frage, ja erwischen diese Kriterien überhaupt auch Frauen?
00:23:13
Linny Geisler
Kann doch sein, dass es bei denen anders ist.
00:23:14
Linny Geisler
Wir wissen ja auch aus der Suchtforschung zu anderen Suchtformen, dass sich Frauensucht und Männersucht unterscheiden kann.
00:23:22
Linny Geisler
Natürlich
00:23:23
Linny Geisler
Also nicht prinzipiell.
00:23:25
Linny Geisler
Ich glaube, das ist mir auch wichtig.
00:23:26
Linny Geisler
Es ist auch etwas, wo ich am Ende bei rauskomme, dass ich auch das, was ich jetzt hier erarbeitet habe, meine Doktorarbeit, jetzt nicht natürlich nur rein auf Frauen beziehen möchte und kann.
00:23:34
Linny Geisler
Das ist ja eine universelle Idee, die da drinsteckt.
00:23:36
Linny Geisler
Es ist ja eigentlich nur eine systemische Idee, die da drinsteckt.
00:23:39
Linny Geisler
Ich habe was entdeckt, nämlich Internet nutzen kann eine Lebensbewältigungsstrategie sein, auch wenn sie süchtig ist.
00:23:45
Linny Geisler
Was so ein Systemiker sagen würde, ja klar, ist doch logisch.
00:23:48
Linny Geisler
Das ist ein systemisches Grundgedanke.
00:23:52
Linny Geisler
Deswegen auch oft Männer beziehbar.
00:23:56
Linny Geisler
Genau, deswegen bin ich ganz offen vorgegangen und ich habe zwei Wellen gehabt.
00:23:59
Linny Geisler
In der ersten Welle habe ich einen Aufruf gestartet, wenn du oder wenn sie intensiv Medien nutzen, das Internet nutzen, intensiv, dann würde ich gerne mit ihnen darüber sprechen.
00:24:10
Linny Geisler
Und um vielleicht auch Frauen zu erwischen, die sich nicht im süchtigen Bereich sehen, sondern in einem Bereich darunter, wäre ich gleich mit Sucht gekommen, hätten mich nur die kontaktiert, das wäre auch toll, aber vielleicht hätte ich nur die erwischt, die wirklich ausgeprägt süchtig sind und hoch belastet.
00:24:19
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:24:32
Linny Geisler
Und die wären wichtig, aber wir wollten ja auch gerade wissen, warum die Frauen nicht in die Versorgung kommen.
00:24:37
Linny Geisler
Und eine Idee im Hinterkopf war ja vielleicht, naja, vielleicht gibt es bei denen andere Formen oder vielleicht ist es da nicht so gut zu greifen.
00:24:44
Linny Geisler
Und deswegen war ich da auch da sehr offen in der Rekrutierung.
00:24:48
Linny Geisler
Und in der zweiten Welle, dann habe ich nochmal einen Aufruf nachgeschoben, habe ich dann ganz offensiv nicht von Sucht gesprochen, aber ich habe von einer problematischen Mediennutzung gesprochen.
00:24:57
Linny Geisler
Wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Mediennutzung ist in irgendeiner Form problematisch, zum Beispiel so oder so oder so oder auch ganz anders, dann melden Sie sich doch gern bei mir.
00:25:09
Linny Geisler
Also auch da habe ich nicht mit Sucht, also es war irgendwie klar, von wo ich auch komme, dass es irgendwas mit Sucht zu tun haben könnte, aber ich wollte es niemandem erstmal so unterjubeln als Konzept, sondern wollte auch schauen, wann kommt es dann auch vor im Interview, wann sagt jemand von selber irgendwas mit Sucht oder Abhängigkeit.
00:25:27
Linny Geisler
Das war auch sehr unterschiedlich und manche haben sehr wenig über Sucht gesprochen, aber über eine ausgeprägt problematische Mediennutzung.
00:25:34
Linny Geisler
Also ja.
00:25:35
Tobia Martinez
Kannst du ein bisschen darüber sprechen, wie die Formen der Mediennutzung aussahen bei deinen Teilnehmerinnen?
00:25:44
Tobia Martinez
Und inwiefern würdest du auch sagen, dass diese Formen der Mediennutzung sich unterscheiden gegenüber den männlichen Personen mit Problemen?

Geschlechtsspezifische Unterschiede und psychodynamische Aspekte

00:25:54
Linny Geisler
Ja, auch da ist die Frage, ob das sich so unterscheidet.
00:25:58
Linny Geisler
Also wir wissen ja von Zahlen, also zahlenmäßig gibt es Unterschiede weiterhin, zum Beispiel, dass Männer oder Jungs eher betroffen sind von Computerspielen oder spielbezogenen Anwendungen, Frauen weniger, aber das gleicht sich immer mehr an und es gibt ja mittlerweile auch
00:26:14
Linny Geisler
Handyspiele oder Browser-Games, die auch teilweise von der Spieleindustrie gezielt für die weibliche Zielgruppe entwickelt werden, die auch Frauen offenbar hier und da also intensiv ansprechen und ich hatte auch gerade bei den Frauen, wo ich sagen würde, nach allen Kriterien, die man so ranhalten kann,
00:26:32
Linny Geisler
anhand von Diagnostikkriterien, aber auch anhand dessen, wie die sich selber beschreiben oder wie sie sich selber einschätzen oder auch wie mein Eindruck war, waren das Frauen mit einer Internetnutzungsstörung, also mit einer hoch ausgeprägten Internetproblematik und da waren einige bei mit einer Spieleproblematik.
00:26:49
Linny Geisler
Also wirklich so, also eine, die hat
00:26:54
Linny Geisler
Genau, war in Browser Games unterwegs, hat Online-Galopp-Rennen gespielt, hat quasi Online-Pferde versorgt, war in Chats und das mehrere Jahre lang.
00:27:01
Tobia Martinez
Mhm.
00:27:06
Linny Geisler
Oder andere hatten berichtet, ich muss ständig Handyspiele spielen, auch wenn sie eigentlich intellektuell echt total unterfordernd sind.
00:27:14
Linny Geisler
Es ist mir auch peinlich, darüber zu reden.
00:27:16
Linny Geisler
Aber ich muss ständig was zu tun haben, also auch kombiniert vielleicht, also mein...
00:27:20
Linny Geisler
Eindruck mit ADS.
00:27:22
Linny Geisler
Das hat niemand diagnostiziert, aber nach all dem, was sie so berichtet hat, könnte man vermuten, dass das Thema eine Rolle spielte.
00:27:29
Linny Geisler
Also da macht es Sinn, ständig irgendwas tun zu müssen mit den Händen.
00:27:32
Linny Geisler
Sie sagt, man muss immer was tun mit den Händen und da eignet sich dann das Handyspiel.
00:27:38
Linny Geisler
Aber es gab eine große Bandbreite.
00:27:40
Linny Geisler
Es gab eine, die sagt, ich war chatsüchtig, mehrere Jahre lang bin immer in Chats gegangen.
00:27:46
Linny Geisler
Andere waren Fanfiction-süchtig.
00:27:49
Linny Geisler
Fanfiction sind ja in Foren veröffentlichte, von Fans selbstgeschriebene Weiterentwicklungen aus Serien, in ihrem Fall, glaube ich, auch viel Star Trek, auch oft in so eine romantische Richtung, in ihrem Fall.
00:28:04
Linny Geisler
Und die hat sich gezielt romantische Geschichten gesucht, wo Menschen intensive Emotionen erleben können.
00:28:13
Linny Geisler
meine Interpretation ist oder wie sie selber sagte, ich selber kann nicht so gut fühlen in meiner realen Welt, aber in diesen Geschichten konnte ich das.
00:28:20
Linny Geisler
Es musste auch immer sehr intensiv sein, also wirklich Gefühle suchen.
00:28:26
Linny Geisler
Oder manche haben, also viele haben auch kombiniert.
00:28:28
Linny Geisler
Also gerade wenn man bei den Frauen schaut in meinem Sample, die hochproblematisches Internet genutzt haben, da siehst du auch eine Kombination aus verschiedenen problematischen Medienanwendungen.
00:28:40
Linny Geisler
Also Streaming kombiniert mit Online-Pornografie, kombiniert mit Essen, also auch mit Dingen außerhalb der Mediennutzung wurde teilweise kombiniert, eine andere kombiniert mit Alkoholkonsum.
00:28:56
Linny Geisler
Auch solche Dinge gab es.
00:28:58
Linny Geisler
Ja, also eine große Bandbreite.
00:29:01
Tobia Martinez
Jetzt, wenn du sagst, dass die Sucht sich eigentlich, ja, zwar statistisch minimal unterscheidet zu den Männern, aber trotzdem vermutlich eine relativ ähnliche Beschaffenheit hat.
00:29:11
Tobia Martinez
Die Frauen haben aber trotzdem ein Problem mit dem Hilfesystem.
00:29:15
Tobia Martinez
Jetzt, wie sieht denn diese Lücke konkret aus?
00:29:17
Tobia Martinez
Warum sind Frauen in der Suchtversorgung für diese Nutzungsstörungen so unterrepräsentiert, obwohl es vielleicht ja gar nicht so anders ist als wie bei den Männern?
00:29:28
Linny Geisler
Also auch hier habe ich nur Hypothesen, weil es ja schwierig ist, das nachzuweisen.
00:29:33
Linny Geisler
Also weil wir müssen ja all die Frauen erwischen, die wir nicht erwischen und fragen, warum bist du nicht bei uns gelandet?
00:29:40
Linny Geisler
Und das funktioniert ja nicht, weil dann erwissten wir es.
00:29:43
Linny Geisler
Also ich hätte Folgen, also die Lücke ist, dass
00:29:47
Linny Geisler
Wie wir damals waren und meinem, was ich so höre nach, ist es immer noch so in der Tendenz, dass wir wissen, statistisch gesehen sind Frauen ähnlich betroffen, Frauen und Mädchen ähnlich betroffen wie Jungs und Männer.
00:30:00
Linny Geisler
Manchmal hier mehr, manchmal hier weniger, aber insgesamt kann man davon ausgehen, es sind alle Geschlechter gleich betroffen.
00:30:06
Linny Geisler
Und gleichzeitig tauchen vor allem männliche Betroffene weiterhin auf oder wenn wir jetzt so von Angehörigen ausgehen oder Eltern kommen tendenziell eher mit ihrem Sohn, der betroffen ist, als mit ihrer Tochter.
00:30:13
Tobia Martinez
Mhm.
00:30:22
Linny Geisler
Ob das jetzt darauf hinweist, dass Frauen wirklich unterversorgt sind, das ist weiterhin für mich eine offene Frage.
00:30:28
Linny Geisler
Also ich bin auch aktuell dabei, wieder nochmal aktuelle Gespräche zu führen mit Frauen.
00:30:32
Linny Geisler
Da bin ich gerade auf der Suche, um da auch nochmal so ein Update zu bekommen, weil mittlerweile gibt es viele, viele, viele neue Anwendungen, wie auch KI-Chatbots, die Suchtpotenzial haben oder Missbrauchspotenzial.
00:30:47
Linny Geisler
Ich habe den Eindruck gehabt, jetzt anhand dessen, was die Geschichten der 24 Frauen waren, der Großteil hat retrospektiv über ihre Problematik gesprochen.
00:30:54
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:30:58
Linny Geisler
Das heißt, es war schon vorbei, was ja total spannend ist, weil dann konnte man herausfinden, wie hast du es gelöst.
00:31:05
Linny Geisler
Und es war...
00:31:07
Linny Geisler
Dazu muss man allerdings sagen, dass in der Zeit, das ist jetzt schon eine ganze Weile her, mediensuchtspezifische Angebote noch nicht so gut auf Frauen eingestellt waren.
00:31:17
Linny Geisler
Und deswegen weiß man nicht, weiß ich nicht, ob sie deswegen dort kaum landeten.
00:31:21
Linny Geisler
Also die wenigsten von denen waren in mediensuchtspezifischen Hilfeangeboten, weil es sie nicht ansprach oder weil sie nicht wollten.
00:31:30
Linny Geisler
Weiß ich auch nicht.
00:31:31
Linny Geisler
Es bedingt sich ja gegenseitig.
00:31:34
Linny Geisler
Die meisten hatten...
00:31:34
Tobia Martinez
Wie sieht das denn aus, wenn es nicht auf sie eingestellt wäre?
00:31:38
Linny Geisler
Zum Beispiel lange Zeit, wenn du jetzt die Internetseite von der Beratungsstelle aufgerufen hast, der computerspielende Junge in so einem Neonlicht.
00:31:49
Linny Geisler
Ist ja so.
00:31:50
Linny Geisler
Aber heute, glaube ich, ist mein Eindruck, wird viel mehr darauf geachtet, auch das Mädchen oder die Frau am Handy abzubilden.
00:31:58
Linny Geisler
Auch hier gibt es wieder Klischees, die reproduziert werden, nämlich die Social-Media-süchtigen Frauen versus die spielenden Mädchen.
00:32:05
Linny Geisler
Männer gibt es auf beiden Seiten und es ist auch eh die Frage, ob Spiele nicht auch Social Media sind häufig.
00:32:08
Tobia Martinez
Genau.
00:32:11
Linny Geisler
Ist ja gar nicht trennbar.
00:32:13
Linny Geisler
Ähm, genau.
00:32:15
Linny Geisler
Aber, genau, ich wollte noch irgendwas sagen zu dem, was davor war.
00:32:19
Linny Geisler
Wo hatten wir drüber gesprochen?
00:32:27
Linny Geisler
Genau.
00:32:30
Linny Geisler
Ähm,
00:32:32
Linny Geisler
Sag du nochmal, ich glaube, ich habe jetzt gerade einen Faden gemacht.
00:32:34
Linny Geisler
Ich will mal es machen.
00:32:35
Tobia Martinez
Kein Problem.
00:32:38
Tobia Martinez
Ich merke sehr viel, dass in deiner Forschung, vor allem wenn man es geschlechtsspezifisch ansieht, es geht ja nicht nur um Symptome.
00:32:46
Tobia Martinez
Also wie viel jemand am Tag macht.
00:32:50
Tobia Martinez
Er macht fünf Stunden am Tag Gaming.
00:32:54
Tobia Martinez
Sie macht fünf Stunden am Tag Social Media.
00:32:57
Tobia Martinez
Meistens geht es ja um das Warum.
00:32:59
Tobia Martinez
Und das Warum hat ja fast immer eine Geschichte.
00:33:01
Tobia Martinez
Und da ist vielleicht die Geschichte relativ ähnlich.
00:33:05
Tobia Martinez
Meistens eine, die schon lange vor der ersten Internetverbindung selber beginnt.
00:33:05
Linny Geisler
Ja.
00:33:06
Linny Geisler
Mhm.
00:33:06
Linny Geisler
Mhm.
00:33:06
Linny Geisler
Mhm.
00:33:11
Tobia Martinez
So jetzt mit deinen Interviews, die du geführt hast, was sind so typische biografische, ich glaube, das ist ja der Vorteil von deiner biografischen, narrativen Ansatzweise,
00:33:21
Tobia Martinez
Was sind so typisch biografische Belastungen, die du in den Interviews immer wieder gefunden hast?
00:33:27
Tobia Martinez
Also was zieht sich so als roter Faden durch die ganzen Lebensgeschichten?
00:33:31
Tobia Martinez
Hm.
00:33:34
Linny Geisler
Ich würde sogar sagen, es ist eine Frage des Warums und auch des Wozu.
00:33:39
Linny Geisler
Weil das Warum allein erklärt es nicht, also wenn man jetzt nach Risikofaktoren sucht, also man wusste aus der quantitativen Forschung, was Risikofaktoren sind, bestimmte psychische Erkrankungen, bestimmte Belastungserfahrungen in der Kindheit, also wenn ich...
00:33:53
Linny Geisler
zum Beispiel sehr stark vernachlässigt werde in der Kindheit oder vielleicht sogar missbraucht oder Sucht erlebt habe bei meinen Eltern oder Verluste eines Elternteils, Trennung.
00:34:06
Linny Geisler
Und das in Kombination vielleicht noch, also vieles kommt zusammen.
00:34:10
Linny Geisler
Das zum Beispiel war etwas, was ich auch in den Biografien von den Frauen wiedergefunden habe, die stark belastet waren.
00:34:16
Linny Geisler
Aber auch in Biografien von Frauen, die sagen, ich habe kein Problem.
00:34:22
Tobia Martinez
Hmm.
00:34:23
Linny Geisler
Und auch in Biografien von Frauen, wo das geringfügig problematisch war.
00:34:28
Linny Geisler
Das heißt, man kann jetzt nicht alleine anhand von Risikofaktoren davon ausgehen, dass ich deswegen am Ende eine Sucht entwickle.
00:34:37
Linny Geisler
Und jetzt komme ich zu dem Wozu.
00:34:39
Linny Geisler
Deswegen war diese Frage, wozu dient dann die Mediennutzung, glaube ich, der entscheidende Punkt.
00:34:44
Linny Geisler
Also...
00:34:45
Linny Geisler
Also ich glaube schon, dass ein Leben ohne jegliche Risikofaktoren, das gibt es gar nicht, aber angenommen, es gäbe es, ich glaube, es ist schon relativ unwahrscheinlich, dass daraus eine Mediensucht entsteht.
00:34:54
Linny Geisler
Das glaube ich schon.
00:34:54
Linny Geisler
Also es ist, denke ich, schon so eine Hintergrundfolie.
00:34:58
Linny Geisler
Aber es ist dann eher so, inwiefern kann es, also wenn es in einem gewissen Punkt dann so ist, dass die Mediennutzung eine exklusive Funktion übernimmt, übernehmen kann, dass ich irgendwie seelisch überlebe,
00:35:11
Linny Geisler
dann kann daraus eine Sucht werden.
00:35:13
Linny Geisler
Und das ist das, was, denke ich, die Frauen gemeinsam hatten oder auch vielleicht Männer, sicherlich auch Männer mit dem gemeinsam hätten oder alle Geschlechter, dass am Ende eine Sucht raus wird oder eine Problematik.
00:35:25
Linny Geisler
Also das Exklusive ist für einen wichtig.
00:35:28
Linny Geisler
Also ich komme in meinem Leben an einen Punkt, wo das, was ich bisher an Strategien angewandt habe, nicht mehr funktioniert, außer meine Mediennutzung.
00:35:41
Linny Geisler
Oder ich bin so überfordert, dass ich zumindest in meine Medienwelt gehen muss, sonst wird es richtig schlimm.
00:35:50
Tobia Martinez
Was bietet denn diesen Menschen dann diese Medienwelt?
00:35:53
Tobia Martinez
Du hast ja gesprochen gerade davon, dass sehr viele, die Probleme aufweisen, selber traumatische Vergangenheiten hatten, aber auch diejenigen, die nicht wirklich Probleme aufweisen.
00:36:07
Tobia Martinez
Das heißt, ist das einfach eine statistische Anomalie von...
00:36:11
Tobia Martinez
Einfach jeder, die ganze Bevölkerung hat dramatische Erlebnisse und Probleme und es ist nicht wirklich statistisch relevant.
00:36:18
Tobia Martinez
Oder gibt diese virtuelle, digitale Welt diesen Menschen etwas, was sie sonst nicht kriegen?
00:36:26
Linny Geisler
Also sicherlich kommen noch hinzu, ich habe nämlich auch Schutzfaktoren hier angeguckt.
00:36:30
Linny Geisler
Wenn davon ganz viele da sind, trotz vieler Risikofaktoren,
00:36:36
Linny Geisler
hatte ich das Gefühl, es hat viel ausgeglichen.
00:36:38
Linny Geisler
Das ist einfach so.
00:36:39
Linny Geisler
Also ich hatte eine Interviewpartnerin, wo man sehen, wo man glauben könnte anhand der Geschichte.
00:36:45
Linny Geisler
Also Eltern haben sich früh getrennt, ist bei den Großeltern aufgewachsen, wo man sagen könnte, oh mein Gott, frühe Verlusterfahrung der Kindheit.
00:36:54
Linny Geisler
Aber die Eltern haben das erst mal so gut gehandelt und total partnerschaftlich.
00:36:58
Linny Geisler
Weiter waren die Eltern für diese Tochter.
00:37:02
Linny Geisler
dass daraus kein Problem entstanden ist.
00:37:04
Linny Geisler
Und die Großeltern waren ein ganz wichtiger Schutzfaktor.
00:37:06
Linny Geisler
Die hatten einen Freundeskreis.
00:37:08
Linny Geisler
die junge Frau, mit der ich gesprochen habe, da war so viel Schutzfaktor, dass Risikofaktoren kein Problem sind, denn ich glaube, es gehört zu jedem Leben dazu.
00:37:17
Linny Geisler
Also ich würde sagen, es ist keine Anomalie, sondern die Normalität, dass wir alle Risikofaktoren durchs Leben gehen.
00:37:25
Linny Geisler
Und der Unterschied ist sicherlich bei den Frauen, wo es hochproblematisch wurde, finde ich schon, dass da vergleichsweise wenig Schutzfaktoren zum Ausgleich da waren.
00:37:33
Linny Geisler
Also da waren die, erst mal waren die Risikofaktoren deutlich deutlich,
00:37:38
Linny Geisler
deutlich stärker im Sinne von, also da kam dann schon sowas vor wie Sucht in der Familie, wirklich körperliche Misshandlungen, Suchtkranke, also wirklich im Heim aufgewachsen teilweise, nicht besucht worden von der Mutter, erniedrigt worden vom Vater, vom Bruder, also wirklich sehr stark ausgeprägt, plus fehlende Schutzfaktoren, also dann auch noch
00:38:02
Linny Geisler
Genau, natürlich auch mit dem Päckchen dann, weil wer so aufgewachsen ist, der hat auch Schwierigkeiten dann in bestimmten Kontexten, das hat sie auch beschrieben, das kommt dann zusammen.
00:38:14
Linny Geisler
Ja.
00:38:14
Tobia Martinez
Denkst du, die Risikofaktoren und Schutzfaktoren sehen ähnlich aus für Frauen und Männer?
00:38:19
Tobia Martinez
Oder dass es da bestimmte Bereiche geben kann, wo es ein bisschen anders aussieht?
00:38:26
Linny Geisler
Gute Frage.
00:38:26
Linny Geisler
Ich denke schon, das ist jetzt so das, wo ich schon sagen würde, dass es Geschlechterunterschiede gibt, nämlich in den Rollenzuschreibungen.
00:38:33
Linny Geisler
Also viele Frauen, einige Frauen haben erzählt, dass es so krisenhafte Lebenssituationen gab, wo sie nur noch in Anführungszeichen Mutter oder Hausfrau waren und sich...
00:38:46
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:38:47
Linny Geisler
entwertet fühlten oder wo sie sich stark wehrten gegen diese Rollenzuschreibung, also zum Beispiel gegenüber kritische Anmerkungen der eigenen Mutter, die einem suggerierten, wie man als normale Frau zu sein hat, also eine starke Auseinandersetzung hatten.
00:39:06
Linny Geisler
Und ich denke, dass dann die Schutzfaktoren vielleicht andere sind als bei Jungs oder Männern, die wiederum andere Rollenzuschreibungen bekommen haben.
00:39:15
Linny Geisler
Also, weil ich glaube, es geht eher darum, so feste Rigiditäten aufzuweichen, die vielleicht im Laufe des Lebens kommen und Umgang damit zu finden und möglicherweise, je nachdem, welchem Beschlecht ich angehöre, sind das unterschiedlicher.

Systemische Therapieansätze und individuelle Bedürfnisse

00:39:29
Linny Geisler
gleichzeitig erlebe ich auch so viele Männer, die berichten, dass sie sehr angepasst sein sollten, das schreibt man ja Frauen und Mädchen zu, oder Probleme haben mit Grenzen, und gleichzeitig höre ich von Frauen, dass sie in hohem Leistungsdruck aufwachsen, auch eine typische Zuschreibung für etwas, was Männer erfahren, also dennoch, glaube ich, gibt es da Unterschiede, es gibt Unterschiede und es gibt sie gleichzeitig wieder nicht.
00:39:54
Linny Geisler
Ja.
00:39:56
Tobia Martinez
Wie sie denn, was denkst du, wie die Psychodynamik von einem solchen Fall aussehen könnte, den du gerade beschrieben hast, von einer negativen Rollenzuschreibung, die dann vielleicht eben Leidensdruck in diesem Individuum erzeugt?
00:40:10
Tobia Martinez
Warum es dann spezifisch die Mediensucht ist, die da so verlockend ist?
00:40:15
Tobia Martinez
Warum nicht die stoffbezogenen Süchte oder die Glücksspielsucht oder irgendwas anderes?
00:40:21
Tobia Martinez
Warum ist es die Medienlandschaft?
00:40:24
Linny Geisler
Ich glaube, das versteckt sich heute auch noch mal mehr mit der KI-Welt.
00:40:29
Linny Geisler
Also ich glaube, es ging oft um Welten, in die jemand abtauchen konnte, in der es so war, wie es in der Realität, also in der anderen Realität, in der analogen Realität eben nicht war.
00:40:33
Tobia Martinez
Mhm.
00:40:41
Linny Geisler
Also das Beispiel zum Beispiel, die habe ich Frau Mohn genannt, das ist natürlich nicht ihr echter Name, die eben meinte von sich, ich bin nur Hausfrau und Mutter und sich wiederfand in einer einschränkenden, konservativen Umgebung, übrigens genauso, wie sie aufgewachsen ist.
00:40:55
Linny Geisler
In so einer Situation fand sie sich wieder als die Frau ihres Mannes, der sie auch sehr geliebt hat und so.
00:41:00
Linny Geisler
Das war eigentlich ein Schutzfaktor, aber wirkte nicht in dem Moment und die war dann in einer Onlinespielwelt, wo sie die Frau...
00:41:07
Linny Geisler
eines Heeresführers war und ganz vorne dabei, frei und stark und machtvoll im Gegensatz zu dem Leben, in dem sie sich unterdrückt fühlte in der analogen Realität.
00:41:24
Tobia Martinez
Jetzt aus deiner Perspektive dann nicht als die Forscherin von diesem Fall, sondern als die systemische Therapeutin in diesem Fall.
00:41:33
Tobia Martinez
Wie würdest du da angehen?
00:41:35
Tobia Martinez
Wo würdest du zuerst ansetzen?
00:41:38
Linny Geisler
Ich glaube sogar, dass sie im Grunde das selber auch so bearbeitet hat und auch so für sich erzählt hat.
00:41:44
Linny Geisler
Ich habe ja eigentlich die Erkenntnisse von den, also viele Erkenntnisse habe ich aus der systemischen Therapie, aus der Theorie und aus der Praxis, wie sie gelehrt wird.
00:41:52
Linny Geisler
Aber eigentlich haben die Frauen genau dieselbe Geschichte erzählt und sie selber sagte, dass sie eigentlich, dass ihr eigentlich das Problem war, vor Problemen wegzurennen und nicht der Computer.
00:42:03
Linny Geisler
Das ist so ein ganz zentrales Zitat für mich.
00:42:04
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:42:05
Linny Geisler
Genau Frau Mohn sagte das.
00:42:07
Linny Geisler
Und das heißt, so würde ich als systemische Therapeutin draufschauen, was ist hier das eigentliche Problem?
00:42:13
Linny Geisler
Worum geht es hier eigentlich?
00:42:14
Linny Geisler
Ich würde in der Tendenz, als Hypothese würde ich davon ausgehen, dass die Mediensucht eine Strategie ist, für die es ein Wozu gibt.
00:42:23
Linny Geisler
Also die Frage ist, wozu dient es, das so zu machen?
00:42:27
Linny Geisler
Genau so, genau so.
00:42:28
Linny Geisler
Deswegen ist es auch ganz wichtig, genau nachzufragen, wie genau, was genau.
00:42:33
Linny Geisler
Wer bist du da genau?
00:42:34
Linny Geisler
Wie fühlst du dich da genau?
00:42:36
Linny Geisler
Wie lange, wie oft, wann, in welchen Situationen brauchst du es besonders, um zu verstehen, das ist die Funktion und das Wozu.
00:42:45
Tobia Martinez
Ist das mitunter ein Grund, warum du sagst, dass Abstinenz nicht das Ziel oder das Werkzeug der Wahl ist, sondern eben dieses Warum?
00:42:54
Linny Geisler
Zumindest nicht von außen vorgegeben.
00:42:56
Linny Geisler
Also ich finde es wichtig, auch hier will ich das nicht pauschalisieren, weil jetzt gerade auch im substanzgebundenen Bereich, glaube ich, da gibt es ja auch mittlerweile immer mehr die Idee, naja, wenn wir nur auf Abstinenz hinarbeiten, dann können wir vielen Menschen nicht helfen.
00:43:11
Linny Geisler
Und das finde ich wichtig.
00:43:12
Linny Geisler
Aber ganz viele Menschen sagen, ich brauche die Abstinenz, nur so kann es gehen.
00:43:16
Linny Geisler
Und ich denke, so wird es auch im Mediensuchtbereich sein.
00:43:16
Tobia Martinez
Ja.
00:43:19
Linny Geisler
Und es gibt auch...
00:43:21
Linny Geisler
einige der Frauen, aber auch jetzt aus der On-Post-Beratung oder aus meiner Beratung aktuell in der Praxis, wo klar ist, diese Medienanwendung hat einen Sog, dass ich zumindest zeitweise abstinent sein muss.
00:43:34
Linny Geisler
Und manche der Frauen, die ich interviewt hatte, für die war zumindest zum damaligen Zeitpunkt klar, für immer.
00:43:39
Linny Geisler
Ich habe es dir nennen, diese eine Art zu spielen, darf ich nicht tun.
00:43:46
Linny Geisler
Und ich werde auch, ich kriege Suchtdruck, wurde beschrieben, wenn ich jetzt durch Mediamarkt oder Saturn laufe, an den Spieletheken vorbeilaufe, kriege ich Suchtdruck.
00:43:55
Linny Geisler
Also so richtig ein Wording aus der substanzgebundenen Abhängigkeit.
00:44:00
Linny Geisler
Und dann ist das so.
00:44:02
Linny Geisler
Also dann ist das das Ziel, Abstinenz in dem Fall, von dieser einen Medienanwendung oder dieser Medienwelt, von der wir sprechen, nicht von der Internetwelt insgesamt.
00:44:11
Tobia Martinez
Kann dieser Suchtdruck auch noch existieren, wenn dieses Warum attackiert wird und auch zu großer Weise gelöst wird?
00:44:20
Linny Geisler
Also genau die Person meinte, wenn sie Suchtdruck kriegt, ist das ihr Zeichen dafür, dass sie sich gerade nicht gut um sich selbst kümmert.
00:44:29
Linny Geisler
Also das heißt, selbst in der Zeit, wo ich schon sehr viel an mir gearbeitet habe, kann es natürlich immer mal wieder schwierige Momente geben.
00:44:36
Linny Geisler
Das gehört auch mit dazu.
00:44:38
Linny Geisler
Das ist auch so.
00:44:38
Linny Geisler
Es wird danach nicht alles besser oder einfacher, sondern all die Dinge, die sonst als Probleme da sein können im Leben, sind dann weiterhin da.
00:44:47
Linny Geisler
Und die Frauen, die einen Umgang damit gefunden haben, konstruktiv, sagen halt vielleicht, es ist mein wahren Hinweis.
00:44:56
Linny Geisler
Was machst du gerade?
00:44:57
Linny Geisler
Willst du gerade wieder was vermeiden?
00:45:00
Linny Geisler
Geht es Richtung Depression gerade oder so?
00:45:02
Linny Geisler
Und können das eher produktiv nutzen.
00:45:07
Linny Geisler
Ja.
00:45:07
Tobia Martinez
Das erinnert mich ein bisschen an, was du in deiner Dissertation schreibst.
00:45:12
Tobia Martinez
Du beschreibst nämlich verschiedene Typen von Personen, drei verschiedene Typen.
00:45:18
Tobia Martinez
Kannst du ein bisschen dazu erklären, was sind das für Typen und was treibt sie, woran erkennt man sie und was brauchen die jeweils in der Therapie?
00:45:25
Linny Geisler
Also genau, ich habe eine Typologie entwickelt.
00:45:27
Linny Geisler
Tatsächlich sind das eher Idealtypen.
00:45:29
Linny Geisler
Das heißt, nicht auf einen kompletten Menschen bezogen, sondern eher, wenn ich jetzt davon ausgehe, eine Mediennutzung problematisch oder unproblematisch ist, eine Lebensbewältigungsstrategie, dann meine ich,
00:45:41
Linny Geisler
so ein paar Muster aus meinen Daten herausgelesen zu haben, eine Typologie nennt sich das dann, so methodisch habe ich quasi eine Typologie entwickelt und da zum Beispiel den Typus, den Verhaltenstypus, den ich zeigen oder auch nicht zeigen kann zeitweise als Mensch, ich kann auch Typen kombinieren,
00:46:04
Linny Geisler
der davon ausgeht, dass ich zum Beispiel, den habe ich glaube ich Selbstheilung genannt, also das Thema Selbstmedikation, das kennen wir auch aus anderen Bereichen, die Idee, dass ich mir damit irgendwie, dass ich mir eine Wunde streicheln will oder ein Pflaster drüber kleben will oder einen Schmerz nicht spüren will,
00:46:10
Tobia Martinez
Ja.
00:46:21
Linny Geisler
Im Kontrast zu der Idee der Flucht, das sind für mich verschiedene Dinge.
00:46:25
Linny Geisler
Es wird beides sehr oft genannt von Betroffenen und trotzdem sind für mich verschiedene Dinge.
00:46:31
Linny Geisler
Denn wenn ich fliehen will, dann will ich auch Schmerz wegmachen, aber ich tue es, indem ich mich wegbewege, indem ich vielleicht vermeide, indem ich versuche, auf Distanz zu gehen.
00:46:42
Linny Geisler
Und da hatte ich auch oft so diese Wortwahl der Welt, in die ich fliehe.
00:46:46
Linny Geisler
Ich fliehe in eine Welt,
00:46:48
Linny Geisler
Während in dem anderen Typus eher sowas war wie, dann musste ich das und das weniger spüren.
00:46:57
Linny Geisler
Oder eine Interviewpartnerin hat die Medien nur zu mit Ritzen, also sich selbst verletzend verglichen.
00:47:05
Linny Geisler
Also sich irgendwie eine Form von Schmerz zufügen, um eigentlich was anderes, am anderen Schmerz nicht zu spüren.
00:47:14
Linny Geisler
Also zum Beispiel, das waren jetzt so zwei Typen, die ich häufig bei den Frauen als Verhaltensmuster bei Frauen gefunden habe in meinem Sample, die hochproblematisch genutzt haben, während ich die kaum oder gar nicht gefunden habe bei den Frauen, die eher gering oder gar nicht problematisch genutzt haben.
00:47:31
Tobia Martinez
Jetzt, ich finde noch einen weiteren Typ, den du beschrieben hast, sehr interessant, die sich selbst Suchende.
00:47:32
Linny Geisler
Also ein Verhaltensmuster soll jeder Typ darstellen.
00:47:42
Tobia Martinez
Und das ist für mich vielleicht der rätselhafteste Typ von allen.
00:47:42
Linny Geisler
Ah ja.
00:47:45
Tobia Martinez
Was sucht sie und wo findet sie und wie?
00:47:49
Linny Geisler
Genau, auch hier fangen wir schon an, verschwimmt es schon wieder.
00:47:51
Linny Geisler
Also wir sind jetzt nicht mehr zwingend im hochproblematischen Bereich, aber ich hatte auch eine, das Beispiel wäre jetzt, die habe ich vor Augen, es war eine Frau in ihren 20er Lebensjahren, die hat aus ihrer Sicht problematisch Social Media genutzt.
00:48:06
Linny Geisler
Wenn man jetzt Kriterien objektiv rangehalten hätte, würde man vielleicht keine Internetnutzungsstörung finden?
00:48:11
Linny Geisler
Definitiv nicht.
00:48:12
Linny Geisler
Aber sie fand es problematisch, weil sie gespürt hat, das ist irgendwie, das stimmt nicht für mich, will das eigentlich gar nicht.
00:48:21
Linny Geisler
Und übrigens, das ist jetzt das, was mir einfiel, was ich vorhin sagen wollte, dass meine Hypothese ist nämlich, anschließend an diese Frau, dass Frauen auch deswegen nicht in der Versorgung auftauchen, weil sie vielleicht...
00:48:35
Linny Geisler
Oder dass die Menschen, die nicht auftauchen, vielleicht an anderer Stelle an sich gearbeitet haben,
00:48:41
Linny Geisler
weil sie vielleicht gemerkt haben, mein Problem ist nicht das Mediennutzungsthema, sondern die Depression.
00:48:47
Linny Geisler
Und dann gehe ich in die Psychotherapie, behandle meine Depression.
00:48:51
Linny Geisler
Dadurch brauche ich die Mediennutzung als Strategie nicht mehr.
00:48:55
Linny Geisler
Warum sollte ich dann in den mediensuchtspezifischen Hilfen auftauchen?
00:48:57
Linny Geisler
Also jetzt, ich wollte, genau, das war der Nachklapp von eben, das war mir wichtig.
00:49:01
Linny Geisler
Also auch die Frau, wie gesagt, hat gesagt, ich glaube, ich habe Probleme, weil ich die ganze Zeit ein
00:49:06
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:49:09
Linny Geisler
Orientierung suche und vergleiche mit anderen Frauen, wie die aussehen und so weiter, um mich selber zu finden.
00:49:16
Linny Geisler
Das war für mich ein Beispiel dafür.
00:49:18
Linny Geisler
Ich weiß nicht, wer ich bin.
00:49:19
Linny Geisler
Ich hatte in der Familie die Rolle der neutralen Angepassten des mittleren Kindes, das nicht im Konflikt ist, wie meine eine Schwester und ich glaube,
00:49:28
Linny Geisler
Ich glaube, das mittlere Kind war sie.
00:49:29
Linny Geisler
Also sie hatte so eine Vermittlerfunktion und wer in der Vermittlerrolle ist, stellt oft seine eigenen Bedürfnisse zurück und Menschen, die das tun als Muster, haben oft das Problem später, dass sie nicht wissen, was ihre Bedürfnisse sind und wer sie sind.
00:49:43
Linny Geisler
Und ich glaube, das wäre meine Interpretation, ist bei der Interviewpartnerin der Fall gewesen.
00:49:48
Linny Geisler
Und die hat deswegen, glaube ich, hatte die Social-Media-Nutzung die Funktion, das zu kompensieren, ein
00:49:55
Linny Geisler
eine Orientierung zu schaffen.
00:49:57
Linny Geisler
Wenn ich die sehe, bin ich so, was finde ich gut

Phasenhafter Charakter der Medienabhängigkeit

00:50:00
Linny Geisler
und was brauche ich?
00:50:00
Linny Geisler
Und gleichzeitig hatte sie ein ungutes Gefühl dabei, weil sie gemerkt hat, es ist irgendwie nicht passend, das war ihr Problem.
00:50:06
Linny Geisler
So, und eine andere hat Foren, die Online-Welt sehr stark benutzt, um Entwicklungen zu machen für sich persönlich, die würde ich aber auch nicht im problematischen Bereich sehen.
00:50:18
Tobia Martinez
Jetzt du beschreibst, wie sehr viele deiner Teilnehmerinnen eben schon ihre Probleme gelöst haben und von der Vergangenheit sprechen.
00:50:25
Tobia Martinez
Hast du irgendeinen Faktor, der diese sich schon bewältigenden Personen vereint, entdeckt?
00:50:33
Tobia Martinez
So ein gemeinsamer, sei es ein Schutzfaktor oder ein gemeinsames Werkzeug, das sie verwendet haben, was du vielleicht Zuhörerinnen auch darbieten könntest?
00:50:44
Linny Geisler
Also ich habe klassische Suchthilfen gehört, wie mit dem Ampelsystem zu arbeiten, also zu wissen, welche Medienanwendung ist für mich rot, welche gelb, welche grün.
00:50:54
Linny Geisler
Das anfangen zu unterscheiden.
00:50:56
Linny Geisler
Das ist, glaube ich, gerade für Menschen, die sehr viele verschiedene Anwendungen parallel verwenden, süchtig, möglicherweise tendenziell wichtig.
00:51:06
Linny Geisler
Ich glaube schon, dass
00:51:08
Linny Geisler
dann, dass die Veränderung der Umgebungsbedingungen am Ende für viele ausschlaggebend war.
00:51:13
Linny Geisler
Also erstaunlicherweise, ohne dass direkt an der Mediennutzung gearbeitet wurde, verschwand das Problem, als sie ihren Mann verlassen hat oder sich getrennt hat oder
00:51:28
Linny Geisler
Oder aber auch, und gerade die Frau Mohn zum Beispiel, die ist ja dann auch in die stationäre Psychotherapie gegangen.
00:51:34
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:51:34
Linny Geisler
Oder wenn ich dann wirklich intensiv an mir arbeite.
00:51:38
Linny Geisler
Also das würde ich sagen, dass es so eine Kombination war aus, ich habe mein Leben, meine Lebenssituation tatsächlich geändert, aber ich habe auch angefangen, über meine Strategien, wie ich das Leben angehe, nachzudenken.
00:51:52
Linny Geisler
Muss nicht zwingend die Kombination sein.
00:51:54
Linny Geisler
Also ich hatte auch manchmal das Gefühl, für manche war es dann auch okay, dass sie einfach ihre Lebenssituation geändert haben und sich ein bisschen besser kennengelernt haben, aber vielleicht auch gar nicht so in der Tiefe, aber es war einfach danach besser und sie hatten danach die Möglichkeit, sich zu entwickeln, wie sie es brauchten.
00:52:10
Linny Geisler
Und andere sind noch tiefer reingegangen.
00:52:12
Linny Geisler
Und gerade die Frau Mohn ist sehr tief reingegangen, sehr viel.
00:52:14
Linny Geisler
Und da war auch ein tolles Interview.
00:52:17
Linny Geisler
Die hat sich sehr stark versucht zu verstehen.
00:52:21
Linny Geisler
Da kam ja auch das Thema Alkoholabhängigkeit noch dazu.
00:52:23
Linny Geisler
Also das war wirklich wichtig.
00:52:25
Linny Geisler
Da war Abstinenz auch wichtig.
00:52:28
Linny Geisler
Und da gab es auch einen Suizidversuch bei ihr.
00:52:30
Linny Geisler
Also das war alles sehr heftig.
00:52:32
Linny Geisler
Und für die war es, denke ich, überlebenswichtig.
00:52:36
Linny Geisler
tief reinzugehen und nicht nur die Umgebung.
00:52:40
Linny Geisler
Ich glaube, sie hat sogar gar nicht so viele Umgebungsbedingungen geändert.
00:52:43
Linny Geisler
Sie ist weiter mit ihrem Mann zusammen gewesen.
00:52:46
Linny Geisler
Und eigentlich in die Konstellation zurück, wo sie vorher war, aber mit einem inneren anderen Zustand.
00:52:52
Linny Geisler
Auch das ist möglich.
00:52:53
Linny Geisler
Also deswegen so radikales, okay, wenn ich nur meinen Freund verlasse, dann ist alles gut.
00:52:59
Linny Geisler
Auf keinen Fall, das ist nicht die Idee, sondern am besten ist schon, dass ich die Funktion verstehe.
00:53:07
Tobia Martinez
Merkst du, dass solche Problematiken wie eben die Mediensucht phasenweise in dem Leben dieser Personen auftreten?
00:53:15
Tobia Martinez
Ja, es gibt gerade diese Probleme und dann für ein paar Jahre gibt es die Mediensucht.
00:53:19
Tobia Martinez
Wie du sagst, man ändert die äußerlichen Bedingungen und dann wird es wieder besser.
00:53:24
Tobia Martinez
Oder dass das ein schleichender Prozess ist, der sich auch das ganze Leben lang eben da festsetzen kann.
00:53:30
Linny Geisler
Ja, also ich habe das in der Doktorarbeit nicht mehr, aber ich habe es in nachfolgenden Vorträgen, habe ich mal so Grafiken gemacht von Verläufen, so ganz grob.
00:53:38
Linny Geisler
Und da gab es unterschiedliche Verläufe, also gerade bei den jüngeren Interviewpartnerinnen, die auch schon in der Jugendzeit Internetnutzung hatten.
00:53:47
Linny Geisler
Ich hatte ja auch ältere Interviewpartnerinnen, wo es noch kein Internet gab in der Jugendzeit.
00:53:53
Linny Geisler
Also bei denen war es so, dass das schon eine hohe Affinität war und eine leichte kleine Mini-Problematik schon während der Schulzeit, die aber nie wirklich problematisch wurde, weil aufgefangen durch Struktur, Schule, Zuhause wurden und dann eskalierte im Studium oder alles, was danach kam.
00:54:10
Linny Geisler
Das ist ja auch ein ganz typischer Verlauf, nicht nur bei Frauen, auch bei Männern.
00:54:16
Linny Geisler
Aber ich hatte auch dann welche, wo eigentlich eher die älteren Interviewpartnerinnen,
00:54:23
Linny Geisler
wo wirklich von jetzt auf gleich eigentlich so eine Problematik in den 40er, 50er Lebensjahren mit Internetbezug auftauchte.
00:54:33
Linny Geisler
Natürlich davor auch schon intensive Mediennutzung und digitale Mediennutzung, aber jetzt nichts, wo ich sagen würde, in der Kindheit gab es schon so Änderungen,
00:54:44
Linny Geisler
viel Fernsehen zum Beispiel oder so.
00:54:46
Linny Geisler
Also wer viel Fern sieht, ist später vielleicht mediensüchtig geworden, was aber schon so war.
00:54:50
Linny Geisler
Ich habe die Interviewpartnerin ja auch nach ihren frühesten Mediennutzungserfahrungen gefragt.
00:54:55
Linny Geisler
Also das war eigentlich die erste Frage häufig.
00:54:57
Linny Geisler
Wenn du daran zurückdenkst, was deine erste Erinnerung an Mediennutzung ist, was war das?
00:55:01
Linny Geisler
Und dann waren wir eigentlich schon mitten dort,
00:55:05
Linny Geisler
In deren Familie, also ich saß mit denen dann quasi neben denen vor dem Fernseher oder habe mit denen in ihre Bücher geguckt.
00:55:10
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:55:10
Linny Geisler
Ja, wir waren plötzlich in diesem frühen Leben drin.
00:55:13
Linny Geisler
Und ich würde schon sagen, dass dann ein Muster vielleicht war, dass Medien mit Bücher oder auch Fernsehen oder auch Radio mit emotionalen Themen verbunden waren.
00:55:24
Linny Geisler
Sei es im positiven Sinne diese andere Welt, in der es mir gut geht.
00:55:29
Linny Geisler
Sei es immer, wenn wir so und so dieses Fernsehen auch als Familiengefühl.
00:55:35
Linny Geisler
Also wenn wir so und so ferngesehen haben, da war alles gut mit unserer Familie.
00:55:38
Linny Geisler
Als es schlechter wurde, haben wir kaum noch zusammen ferngesehen.
00:55:42
Linny Geisler
Also diese enge Verknüpfung des Suchtmittels oder dieses Geräts mit Emotionen und mit sozialem Gefüge.
00:55:44
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:55:50
Linny Geisler
wo ich glaube, das wiederholt sich dann später mit einem anderen Medium vielleicht als Idee.
00:55:57
Tobia Martinez
Für dich als systemische Therapeutin mit solchen Menschen, versuchst du dann die Wurzeln dieser Brennnessel, die so tief verlaufen, wirklich rauszuziehen?
00:56:06
Tobia Martinez
Oder versuchst du einfach, die schmerzenden Nesseln, die dann oben sind, abzuschneiden und vielleicht in etwas anderes umzuwandeln?
00:56:15
Linny Geisler
Ich glaube, es kommt ganz darauf an, was der Auftrag ist an mich.
00:56:18
Linny Geisler
Also da glaube ich, ist wichtig auch, vorsichtig zu bleiben.
00:56:22
Linny Geisler
Das hatten wir auch bei Ompress, dass ich mal eine Klientin hatte, die nach der zweiten Sitzung ganz heftig destabilisiert war.
00:56:31
Linny Geisler
Also als wir uns angefangen haben, mit der Mediennutzung zu beschäftigen, die wollte unbedingt etwas verändern.
00:56:36
Linny Geisler
Das war jetzt kein Druck unsererseits.
00:56:38
Linny Geisler
Und da hat sie sich überfordert.
00:56:39
Linny Geisler
Und da haben wir oft von der Krücke gesprochen, die Medien noch sein können, auch wenn sie süchtig genutzt werden.
00:56:45
Linny Geisler
für eine andere Problematik.
00:56:47
Linny Geisler
Bei ihr stand das Thema posttraumatische Belastungsstörung im Hintergrund und solche Dinge, Borderline.
00:56:48
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:56:52
Linny Geisler
Und deswegen wäre ich da sehr vorsichtig, da jetzt irgendwo tief reinzugehen oder nach einem bestimmten Prinzip vorzugehen.
00:57:02
Linny Geisler
Sondern das ist auch nach dem Tempo manchmal der Person.
00:57:06
Linny Geisler
Und manchmal kommt es irgendwann in der vierten Sitzung,
00:57:11
Linny Geisler
dass dann nochmal dieses Verständnis entsteht, ach so, ja, ich bin ja so und so aufgewachsen und das war gar nicht so einfach.
00:57:18
Linny Geisler
Also diese Erkenntnis, die entwickeln wir oft in der Sitzung das erste Mal.
00:57:24
Linny Geisler
Richtig.
00:57:25
Linny Geisler
So eine Würdigung von Belastung, aber es heißt nicht, dass ich da reingehen und die rausziehen muss.
00:57:29
Linny Geisler
Ich schon gar nicht.
00:57:30
Linny Geisler
Also wenn, dann ist es in der Hand der Person, die da sitzt und das entscheidet.

Zukünftige Forschungsinteressen und Projekte

00:57:38
Tobia Martinez
So wie du das erzählst, fällt mir auf, dass ja fast immer vielleicht treten Begleiterscheinungen oder Begleiterkrankungen schon mit der Mediensucht auf.
00:57:49
Tobia Martinez
Jetzt, wenn jemand heute eine Zuhörerin oder ein Zuhörer selber merkt, ja, ich habe schon Medienprobleme, aber es gibt auch andere Probleme in meinem Leben.
00:57:49
Linny Geisler
Mhm.
00:57:50
Linny Geisler
Mhm.
00:57:59
Tobia Martinez
Wo gehe ich denn zuerst hin?
00:58:02
Tobia Martinez
Beschäftige ich mich erstmal mit diesen Symptomen, mit der Mediensucht?
00:58:05
Tobia Martinez
Soll ich da irgendwas anfangen oder soll ich gleich einfach die Begleiterkrankungen lösen und dann löst sich schon das Medienproblem von alleine?
00:58:14
Linny Geisler
Gute Frage.
00:58:15
Linny Geisler
Da gibt es auch kein richtig oder falsch.
00:58:18
Linny Geisler
Also es gibt Beispiele, wie zum Beispiel die Klientin, von der ich eben gesprochen habe, wo wir ja gar nicht drauf gekommen wären, wie schwerwiegend das dahinterliegende oder das Eigentliche wirkt, wenn wir nicht bei der Mediennutzung angefangen hätten.
00:58:30
Linny Geisler
Dann war das der Weg und der war gut so.
00:58:33
Linny Geisler
Nur wäre es dann wichtig, mit großer Sensibilität zu sagen, stopp, stopp, wir hören jetzt auf mit Mediensuchttherapie oder Beratung.
00:58:41
Linny Geisler
das ist jetzt nicht zwingend notwendig, bitte verändere da auch erstmal nichts, sondern gehe einen anderen Weg.
00:58:47
Linny Geisler
Andere, auch gerade Interviewpartnerinnen, sagen, ich habe mich erst auf dieses Mediennutzungsthema gestürzt, weil es einfach so prägnant war, es ist halt so offensichtlich gewesen, habe auch teilweise meinen Laptop in irgendwelche Schließfächer am Bahnhof gesteckt, damit ich da nicht mal rankomme und eingeschlossen und habe gemerkt, das Problem ist meine Depression.
00:59:04
Linny Geisler
Es ist nicht das Laptop.
00:59:07
Linny Geisler
Wenn es aber über den Weg verläuft, dass ich erst an dieser Symptomatik anfange zu arbeiten, um dann die Erkenntnis zu haben, woran es eigentlich liegt, dann ist das vollkommen in Ordnung und sogar gut.
00:59:15
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:59:18
Linny Geisler
Und ich finde, deswegen finde ich es mir auch der systemische Ansatz jetzt wichtig, wenn ich Mediensuchtberatung und Therapie anbiete, dass es am Ende vermutlich eh um was anderes geht.
00:59:28
Linny Geisler
Also ich finde, eine ganzheitliche, nachhaltige Mediensuchttherapie wird sich niemals auf dieses Medienthema alleine konzentrieren und sollte von vornherein davon ausgehen, dass wir am Ende darüber reden, wie gehst du mit Emotionen um, was machst du, wenn du unter Druck gerätst, warum machst du dir diesen Druck?
00:59:51
Linny Geisler
wie bewälte ich den Alltag anders?
00:59:53
Linny Geisler
Wie kann ich dann meine Ausbildung machen, wenn ich nicht diesen Druck haben muss?
00:59:53
Tobia Martinez
Vielen Dank.
00:59:58
Linny Geisler
Also dann geht es um Lebensthemen.
01:00:01
Linny Geisler
die aber wichtig sind zu bearbeiten, weil sonst brauche ich ja meine Mediennutzung wieder in der altbekannten Form.
01:00:06
Linny Geisler
Also es ist eigentlich Arbeiten auf allen Ebenen, also biopsychosozial quasi auf Ebene der Mediennutzung oder Suchtmittelnutzung auf jeden Fall macht es Sinn, da zu arbeiten.
01:00:18
Linny Geisler
Wie gesagt, für andere hat es auch funktioniert, es nicht zu machen.
01:00:21
Linny Geisler
Sie haben ein paar Interviewpartner und von mir, scheint auch möglich zu sein.
01:00:25
Linny Geisler
Aber wenn ich das mache, darf ich nicht vergessen, was noch auf dieser Ebene persönlicher Erfahrung, Überzeugungen, anderer psychischer Belastungen noch los ist oder auch wie mein soziales Umfeld gerade ist, habe ich da Stressoren.
01:00:39
Linny Geisler
Das sollte dann eigentlich, idealerweise tue ich das im Einklang.
01:00:44
Linny Geisler
betrachten und das ist auch für Betroffene oft hilfreich, weil erst wenn ich das Gesamtbild sehe, kommt auch so eine Erleichterung oft, also zu sehen, ach so, es macht alles total Sinn.
01:00:55
Linny Geisler
Es ist nicht so, dass ich zu undiszipliniert bin oder zu schwach, weil ich es einfach nicht kontrollieren kann, sondern wenn ich das andere, das Gesamtbild sehe, dann macht es Sinn und
01:01:06
Linny Geisler
Wenn es dafür gut war, das Gesamtbild, auch in Ordnung.
01:01:09
Linny Geisler
Und wenn wir uns danach nur auf das eine oder das andere konzentrieren, ist es auch in Ordnung.
01:01:13
Linny Geisler
Denn es wird sich ja auswirken, automatisch.
01:01:17
Linny Geisler
Also deswegen dahin gehen als erstes, wo es am einfachsten scheint.
01:01:19
Tobia Martinez
Vielen Dank.
01:01:23
Linny Geisler
Und natürlich am besten irgendwo hingehen, wo jemand auf dich wartet, wo du dich gut aufgehoben fühlst.
01:01:30
Linny Geisler
Das wäre ja auch noch wichtig, ja.
01:01:33
Tobia Martinez
Ja, meine Güte, Lini.
01:01:35
Tobia Martinez
Die Zeit ist wie ein Blitz vergangen.
01:01:37
Linny Geisler
ja
01:01:39
Tobia Martinez
Vielen, vielen lieben Dank, dass du hier mit uns warst.
01:01:42
Tobia Martinez
Wir fragen jeden Experten und jede Expertin, die in unserem Podcast ist, ein bisschen auch über die Zukunftsvisionen oder Gedanken.
01:01:50
Tobia Martinez
Ja, für die Forschung, vor allem im Bereich frauenbasierte Forschung in der Mediensucht, was wünschst du dir in den nächsten fünf Jahren?
01:01:59
Tobia Martinez
Wo denkst du, ist so eine Lücke, die man forschen sollte?
01:02:03
Tobia Martinez
Was kann man von dir erwarten in den nächsten fünf Jahren?
01:02:06
Tobia Martinez
Was sind so deine Ziele auch?
01:02:09
Linny Geisler
Ich kann ja mal mit meinem Schmerzthema starten, aber eigentlich ist es nicht so schlimm.
01:02:13
Linny Geisler
Ich habe mich aus der Forschung verabschiedet im letzten Jahr.
01:02:17
Linny Geisler
Also nicht mit schlechtem Gefühl, ich bin noch mit vielen in Verbindung und ist auch Teil meines Netzwerks.
01:02:21
Linny Geisler
Aber mit dem Gefühl, ich kann das, was ich eigentlich wichtig finde, dann nicht in dem Tempo oder nicht in dem Umfang und nicht so frei umsetzen.
01:02:29
Linny Geisler
Und ich hätte gerne noch, wenn ich weiter in der Forschung geblieben wäre, hätte ich mich auf das Thema Familiensysteme gestürzt.
01:02:35
Linny Geisler
Also...
01:02:38
Linny Geisler
Wenn wir jetzt von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen sprechen, die von der Mediensucht betroffen sind, was für ein Therapiekonzept müsste man entwickeln, das das gesamte Familiensystem als Patienten sieht?
01:02:48
Linny Geisler
Also nicht im Sinne von, ah, guck mal, dein jugendlicher Sohn, der ist süchtig und du kriegst noch ein bisschen Elternberatung und dann ist gut, aber der Fokus liegt auf dem Symptomträger, wie man so sagt, in der systemischen Therapie und alles andere ist süchtig.
01:03:01
Linny Geisler
Blenden wir aus.
01:03:02
Linny Geisler
Es wird nicht despektierlich gemeint, weil manchmal sind die Ressourcenversorgungssysteme einfach so knapp und man muss das Beste daraus machen.
01:03:09
Linny Geisler
Aber ich hätte gerne erforscht und das fände ich eine schöne Perspektive für die Forschung.
01:03:12
Linny Geisler
Und wenn es geht, werde ich das anderweitig machen in meinem Kontext jetzt, mehr in der Praxis, zu schauen, wie kann man ein ganzes System einbinden in der Mediensuchtherapie.
01:03:23
Linny Geisler
Denn, wie auch meine Interviews zeigen, die Herkunftsfamilie kann als Schutzfaktor dienen, aber auch als Risikofaktor.
01:03:30
Linny Geisler
Und deswegen gehört sie, finde ich, gerade bei jungen Menschen mit in den Therapieraum.
01:03:37
Tobia Martinez
Jetzt, wenn jemand zuhört und sich denkt, diese Doktor Lini Geisler, die ist toll, die finde ich toll.
01:03:42
Tobia Martinez
Wo kann man mehr über dich erfahren?
01:03:45
Tobia Martinez
Was bietest du an und wie kann man in Kontakt auch mit dir kommen?
01:03:49
Linny Geisler
Genau, meine Website ist www.lenigeißler.de.
01:03:52
Linny Geisler
Das ist meine allgemeine Therapiepraxisseite mit dem Unterbereich Spezialthema Mediensucht.
01:03:57
Linny Geisler
Da sollte man dann auch gut hinfinden.
01:03:59
Linny Geisler
Und ich biete ganz klassisch Mediensuchttherapie für Betroffene, Beratung für Eltern, Familientherapie an.
01:04:06
Tobia Martinez
Vielen Dank.
01:04:08
Linny Geisler
Und auch jetzt seit Neuestem möchte ich gerade auch online basiert und für Gruppen das OMPRIS, also OMPRIS basiert, ein Gruppenangebot.
01:04:19
Linny Geisler
launchen.
01:04:20
Linny Geisler
Also es ist schon online, aber ich habe es jetzt noch nicht so gepusht.
01:04:23
Linny Geisler
Meine Idee wäre, nach so einem strukturierten Programm regelmäßig Sessions anzubieten, webbasiert, damit auch wirklich gut erreichbar ist und im Gruppensetting, damit es auch möglichst niedrigschwellig ist, weil ich auf Selbsttallerbasis arbeite noch und entsprechend immer so die Frage ist, welche Investition ist möglich.
01:04:45
Linny Geisler
Genau, das war
01:04:46
Linny Geisler
Wäre www.liniegeister.de, auf LinkedIn findet man mich, auf Instagram bemühe ich mich, aktiv zu sein oder sonst einfach direkt ansprechen, telefonisch und per Mail.
01:04:57
Tobia Martinez
Und ein kleines Vögelchen hat mir auch gezwitschert, dass du selber einen Podcast beginnen willst, oder?
01:05:03
Linny Geisler
Ich möchte einen Podcast beginnen und tatsächlich hatte ich, vielen Dank auch nochmal für die Tipps fürs Mikrofon, ist schon angekommen.
01:05:14
Linny Geisler
Genau, ich möchte da gerne fortsetzen, was ich in der Doktorarbeit schon gemacht habe und zwar mit
01:05:19
Linny Geisler
Menschen zu sprechen mit betroffenen Personen, die aus ihrer eigenen Suchterfahrung berichten.
01:05:23
Linny Geisler
Ich bin noch auf der Suche nach vielleicht einer oder zwei betroffenen Frauen, was die Mediennutzung angeht.
01:05:29
Linny Geisler
Gerade das Thema KI-Chatbots, zumindest was ich so aus den USA höre und aus anderen Ländern und was wir auch jetzt hier hören, das wird ein Riesenthema möglicherweise werden.
01:05:38
Linny Geisler
Also wer da Erfahrung hat und Lust hat, die zu teilen, kann sich gern bei mir melden.
01:05:42
Linny Geisler
Aber ich werde es definitiv auch
01:05:44
Linny Geisler
Ich habe so die Idee, Menschen über ihre Lebensgeschichten zu befragen, wo vielleicht Sucht eine Rolle spielt.
01:05:49
Linny Geisler
Es muss natürlich eine Mediensucht sein oder auch andere Belastungen, weil ich glaube, diese Stimmen gibt es noch zu wenig, sondern es werden dann Menschen gefragt und die sind auch wichtig, also so wie wir das auch hier machen, die über die Menschen sprechen.
01:06:03
Linny Geisler
Und ich versuche es, mal sehen, es ist auch natürlich sehr, man macht sich sehr verletzlich, vielleicht so zu sprechen über sich.
01:06:09
Tobia Martinez
Also ich weiß schon, wer der erste Abonnent sein wird.
01:06:12
Linny Geisler
Mal schauen, das wäre meine Idee.
01:06:15
Linny Geisler
für einen Podcast.
01:06:15
Linny Geisler
Okay, einen habe ich schon, sehr gut.
01:06:17
Tobia Martinez
Ich freue mich drauf.
01:06:18
Tobia Martinez
Ja, Lini, danke für deine Offenheit, für deine Forschung und auch dafür, dass du das Thema Frauen- und Mediensucht so hartnäckig sichtbar machst.
01:06:28
Tobia Martinez
Mehr über Lini findet ihr, wie schon gesagt, auf linigeißler.de.
01:06:31
Tobia Martinez
Das ist linni-n-n-y.de Dort findet ihr auch eben ihre Praxis.
01:06:38
Tobia Martinez
Und ihr Buch ist auch erschienen, könnt ihr auch online nachschauen.
01:06:43
Tobia Martinez
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn euch diese Folge weitergeholfen hat, teilt sie gerne und abonniert aktiv gegen Mediensucht auf eurer Podcast-Plattform.
01:06:52
Tobia Martinez
Besucht auch aktiv-gegen-mediensucht.de für weitere Informationen, Ressourcen und alle bisherigen Folgen und auch Selbsthilfegruppen.
01:07:02
Tobia Martinez
Bis zur nächsten Folge und bleibt aktiv gegen Mediensucht.