Integration von Therapie in den Alltag
00:00:01
Speaker
In der Tageslinie taucht man ja für 8,5 Stunden schon in einen Schutzraum ein.
00:00:05
Speaker
Und dann hat man natürlich aber auch schon direkt wieder die nächste Schwellensituation, nämlich man fährt wieder zurück in sein häusliches Umfeld und kann dann schon versuchen, ausprobieren, vielleicht Dinge auch mal anders zu machen, anzusprechen.
00:00:17
Speaker
Das ist das Spannungsfeld.
00:00:18
Speaker
Man ist ja wirklich mit in dem gegenwärtigen Erleben und kann Unterstützung bieten.
Einführung 'Alles nur Psyche'
00:00:23
Speaker
Herzlich Willkommen zum Podcast Alles nur Psyche mit Dr. Dennis und Pelle, der Podcast zu Psychosomatik und Psychotherapie.
00:00:33
Speaker
Hallo lieber Pelle.
00:00:36
Speaker
Schön, dass du diese Folge wieder dabei bist.
00:00:39
Speaker
Ja, ich freue mich auch.
00:00:40
Speaker
Ich fand es richtig schade, dass ich krankheitsbedingt die letzte Folge nicht mitmachen konnte.
00:00:44
Speaker
Ich habe mir die natürlich auch angehört.
00:00:47
Speaker
Ein ganz spannendes und absolut relevantes Thema im Moment.
Herausforderungen bei EMDR-Therapie
00:00:51
Speaker
Wie geht man mit traumatischen Erlebnissen oder auch belastenden Lebensereignissen um?
00:00:56
Speaker
Ja, kann man nicht anders sagen.
00:00:57
Speaker
Jetzt sind ja viele Menschen, haben das vielleicht auch gehört und denken dann so, oh, das war mir gar nicht klar, EMDR-Therapie, jetzt habe ich da eine Idee von.
00:01:05
Speaker
Jetzt sind Menschen aber in ihrem Hamsterrad oder einfach auch ganz nett gesagt, einfach in ihrem Alltag organisiert und in einer Funktion als Mutter, als Arbeitnehmerin.
00:01:18
Speaker
Und für solche Menschen ist so eine Behandlung oft gar nicht vorstellbar.
00:01:22
Speaker
Dass man da mal so drei Monate einfach sich eine
00:01:25
Speaker
EMDR-Sitzung unterzieht oder auch einfach eine Nicht-EMDR-Traumatherapie oder seine Depressionen anzugehen.
00:01:33
Speaker
Und das ja manchmal auch nochmal mit Intervallen, das heißt man kommt nochmal wieder und nochmal wieder und man hat dann so einen Berg an Therapie vor sich stehen und sitzt da im Tal und denkt dann, dann bleibe ich doch lieber hier unten.
00:01:46
Speaker
funktioniert ja irgendwie auch noch alles häufig.
Tageskliniken als Therapieoption
00:01:49
Speaker
Jetzt ist die Frage dann, wenn ich mir jetzt Hilfe hole und dann in so eine Klinik gehe, dann lasse ich ja meine Familie im Stich.
00:01:56
Speaker
Vielleicht Kinder, die noch betreut werden müssen, die zur Schule müssen.
00:02:01
Speaker
Wie kann da eine Tagesklinik vielleicht helfen?
00:02:05
Speaker
Du bist ja Oberarzt in der Tagesklinik.
00:02:08
Speaker
Also wenn ein Klient, da gibt es ja verschiedene Bereiche, wo man darüber sprechen kann.
00:02:13
Speaker
Also wenn ich jetzt zum Beispiel in der Privatpraxis einen Klienten antreffe, der schwer belastet ist und genau sagt, ich kann jetzt aber gerade meine Familie nicht im Stich lassen.
00:02:22
Speaker
Oder es gibt natürlich auch das Thema Alleinerziehende.
00:02:25
Speaker
Das ist ja auch ein großes Versorgungsproblem für die betroffenen Elternteile.
00:02:31
Speaker
Dann finde ich das erstmal total sinnvoll,
00:02:34
Speaker
den Konflikt anzuerkennen und zu sagen, ja, da haben Sie ja auch ein Verpflichtungsgefühl, was ja sehr positiv ist.
00:02:40
Speaker
Und gleichzeitig merken wir, oder würde ich eben mal rückmelden, dass die Symptomatik schon so ausgeprägt ist, dass es im Moment vielleicht ambulant, einmal die Woche 50 Minuten psychotherapeutisch, vielleicht begleitend, alle vier bis sechs Wochen psychiatrischen Kontakt, vielleicht auch noch eine Körpertherapie oder vielleicht auch eine gruppentherapeutische Begleitbehandlung.
00:03:02
Speaker
Das sind so die verschiedenen...
00:03:04
Speaker
ambulanten Settings, die man mittlerweile ja gut etablieren kann.
00:03:08
Speaker
Wenn das nicht mehr ausreicht, dann macht tagesklinisch Sinn, weil man
00:03:15
Speaker
ähnlich wie im Job von 8 bis 17 Uhr in einer Behandlung ist, montags bis freitags, die Abende und die Wochenenden eben auch sozial eingebunden bleibt oder eben auch in der Versorgung weiter mitmachen kann.
00:03:32
Speaker
Ich glaube, das ist erstmal wichtig, dass der Konflikt
00:03:36
Speaker
verstehbar und auch validiert wird und dass man genau dann vielleicht guckt, wäre das nicht eine Alternative zu vollstationär.
00:03:44
Speaker
Letztlich ist das, finde ich, eine sehr gute Lösung, wenn man gewisse Bedürfnisse, die in Konflikt stehen, unter einen Hut bekommen möchte und trotzdem eine sehr intensive Behandlung haben möchte.
00:03:57
Speaker
Also wenn ich jetzt in so eine Behandlung gehe, kann ich dann auch noch meine Kinder morgens zur Schule geben und in die Behandlung gehen und dann wieder nach Hause kommen und sie sind dann da?
00:04:08
Speaker
Oder wie stelle ich mir das vor?
00:04:10
Speaker
Also kann das auch Hand in Hand gehen, dass das Leben außerhalb weiterläuft?
Therapie und familiäre Verpflichtungen
00:04:18
Speaker
Also das ist eine Absprachesache.
00:04:21
Speaker
Wenn ich jetzt Erstgespräche für Teilstationen mache, sage ich genau das.
00:04:25
Speaker
Viele kommen ja auch mit einer Erschöpfungssymptomatik im Hintergrund zu gucken, dass das nicht dann wieder nur...
00:04:32
Speaker
bei dem Patienten alleine landet, sondern dass man vielleicht auch schaut, gibt es da schon auch alternative Unterstützung.
00:04:38
Speaker
Also kann auch der Mann mal ein bisschen später zur Arbeit oder die Frau dann, wenn es da irgendwie auch im Nachmittagsbereich eine Erweiterung von Betreuung gibt, dass man vielleicht auch mit den Schulen nochmal spricht, das kann man auch unterstützen.
00:04:51
Speaker
Es waren ja schon Menschen in der Klinik und die hören uns ja vielleicht auch zu.
00:04:56
Speaker
Und da habe ich auch so ein kleines auf die Schulter klopfen nochmal für die Menschen, die sich so einer Therapie schon unterzogen, hört sich irgendwie so krass an, in der Therapie teilgenommen haben.
Scham und mentale Gesundheit
00:05:08
Speaker
Die haben tatsächlich auch für andere schon erste Schritte gemacht.
00:05:11
Speaker
Also das muss man auch einfach mal anerkennen, die da waren, die schon mal so eine Therapie gemacht haben, die sind
00:05:17
Speaker
Die haben das nicht nur für sich getan, sondern auch dadurch das Thema vorangebracht.
00:05:24
Speaker
Ich glaube, der Aspekt dahinter, den ich total wichtig finde, ist der, dass die meisten Klienten das sehr schambesetzt weiterhin erleben.
00:05:35
Speaker
Ich habe da ein Defizit, ich bin schwach, also eben auch nochmal im
00:05:39
Speaker
Kontrast zu dieser Leistungsgesellschaft.
00:05:41
Speaker
Wir müssen immer noch mehr machen und das ist alles so kapitalistisch ausgelegt und wir müssen noch produktiver, effizienter, was auch immer werden, dass da irgendwo natürliche Grenzen eigentlich permanent auch überschritten werden.
00:05:55
Speaker
Andersherum, die Person, die ohnehin vielleicht schon im Rahmen der Symptomatik Selbstzweifel, Insuffizienzgefühle, Schuldgefühle und dergleichen hat, neigt natürlich dazu, das nochmal mehr als Versagen zu erleben.
00:06:07
Speaker
Wenn man aus Scham heraus sich dann schon auch noch mal mehr nicht traut, das anzusprechen,
00:06:13
Speaker
führt es ja noch belastender für einen.
00:06:16
Speaker
Es gibt einen schönen Spruch von einer sehr bekannten Traumatherapeutin, die viel mit komplex traumatisierten Patientinnen und Patienten gearbeitet hat.
00:06:25
Speaker
Die sagt, dass Scham wie ein 300 Kilogramm schwerer Betonblock auf der Brust wiegt.
00:06:32
Speaker
Ich glaube, viele, die Scham haben, werden das sofort wiederfinden in sich und sagen, ja genau, so fühlt sich das an.
00:06:39
Speaker
Und die haben aber auch noch nicht die Erfahrung gemacht und deswegen...
00:06:43
Speaker
versuche ich da auch einen neuen Erfahrungsraum aufzumachen.
00:06:46
Speaker
Wenn man über Dinge...
00:06:48
Speaker
dann offener oder in Anführungsstrichen unverschämter spricht, kann das auch ganz andere Wege und Erfahrungen aufmachen.
00:06:59
Speaker
Also dass man auf einmal denkt, okay, plötzlich erzählt der andere, dem man das sagt, ja, kenne ich auch.
00:07:04
Speaker
Also ich habe ganz viele Lehrer, LehrerInnen, wenn die dann sich trauen, der Schulleitung mal zu sagen, also ich kann nicht mehr, ich bin ein Burnout, dass dann auch Schulleitungen zum Teil sagen, ja, ich kann das total gut nachvollziehen, habe ich auch schon gehabt.
00:07:18
Speaker
Und ich würde dich da jederzeit unterstützen, dass du dir die Zeit nimmst, die du brauchst.
00:07:23
Speaker
Und vielleicht eben auch mal in eine Klinik zu gehen oder ambulant sowieso.
00:07:28
Speaker
Das muss nicht immer so sein.
00:07:30
Speaker
Aber häufig ist, wenn man sich schämt, dass gar keine Option in den Gedanken, dass so eine Reaktion kommen könnte.
00:07:37
Speaker
Dann denkt man so, da werde ich bestimmt für verurteilt.
00:07:40
Speaker
Aber das ist nicht immer so.
00:07:42
Speaker
Kann auch mal sein.
00:07:43
Speaker
Okay, dann weiß man auch, mit wem man es da zu tun hat.
00:07:46
Speaker
Mit wem man es zu tun hat, ne.
00:07:47
Speaker
Das ist eine ganz, ganz spannende Dimension, die du da aufgemacht hast mit der Scham.
00:07:52
Speaker
Schamgefühl ist ja etwas, was kleine Kinder noch gar nicht so besitzen, ein- bis zweijährige.
00:07:58
Speaker
Das entsteht später, diese Entwicklung von Scham und die gehört ja zu unserer Entwicklung dazu.
00:08:04
Speaker
Und dass Kinder sich anfangen mit fünf, drei, vier, fünf plötzlich für irgendetwas zu schämen und vielleicht in der Pubertät nochmal ganz besonders dieses Schamsteig.
00:08:17
Speaker
Ich würde jetzt sagen, je mehr ich mich von meinen Bindungspersonen löse und in die Selbstständigkeit gehe, umso häufiger kann es zu Schamgefühlen kommen.
00:08:24
Speaker
Wenn wir das positiv sehen würden, ist Scham immer Schutz.
00:08:28
Speaker
Also es schützt mich davor, dass ich mich, wenn ich mich schamhaft verhalte, dann ziehe ich mich nach innen zurück, mache mich klein und will mich irgendwie schützen.
00:08:36
Speaker
Und wenn ich jetzt höre, dass Menschen, die unter Depressionen leiden, unter traumatischen Erinnerungen leiden,
00:08:44
Speaker
und die beschämt sind, dann ist das der letzte Schutz, den sie haben und vermuten vermutlich auch keinen Schutz, wenn sie diesen aufgeben.
00:08:52
Speaker
Und da kann man natürlich empowern, dass man sagt, sie sind nicht mehr ungeschützt.
00:08:56
Speaker
Sie können diese Form von Schutz jetzt mal, wenn man die versucht, ein bisschen mal zu öffnen, dass man vielleicht viel mehr Schutz erlebt, als man dachte.
00:09:05
Speaker
Wie du es gerade gesagt hast, Schutz vom Arbeitgeber, Schutz von Menschen, die schon vorangegangen sind, Schutz von Menschen, die sagen,
00:09:11
Speaker
Ey, nimm dir alle Zeit, die du brauchst, weil man muss es ja gar nicht, man redet ja gar nicht immer darüber, man kriegt dann plötzlich vielleicht den Schutz, den man nicht erwartet hat, wie du gesagt hast und dafür ist es eben gut, wenn Menschen in Bewegung kommen und selber über ihr Leid reden oder ihr Leid verarbeiten und da dann zu spüren, wenn ich mein Schamgefühl ablege, dann bekomme ich vielleicht Schutz, wo ich ihn gar nicht erwartet habe.
Soziale Verbindungen durch Therapie stärken
00:09:33
Speaker
Würdest du sagen, die Tagesklinik kann so eine Art Brücke sein in eine intensivere Therapie?
00:09:39
Speaker
Also ist die Tagesklinik vielleicht genau für diesen Spagat gedacht?
00:09:43
Speaker
Intensive Therapie und trotzdem noch im eigenen Leben bleiben?
00:09:50
Speaker
Das ist eigentlich genau das Spannungsfeld.
00:09:52
Speaker
Da würde man vielleicht so antworten, für wen ist das denn geeignet?
00:09:56
Speaker
Also wenn die Alltagsfähigkeit erheblich eingeschränkt ist,
00:10:01
Speaker
Und man dennoch sozusagen Stunden oder mehrere Stunden am Tag vielleicht dann doch auch noch, also jetzt nicht arbeitsfähig zu sein, aber trotzdem noch zu Hause teilnehmen kann und ein Stück weit auch die Tagesstruktur auch halten kann, auch am Wochenende.
00:10:20
Speaker
Das ist so ein bisschen der tagesstrukturierende Teil oder die Alltagsfähigkeit als einen Aspekt.
00:10:26
Speaker
Dann finde ich Tagesklinik sehr indiziert.
00:10:29
Speaker
Und, und das ist, glaube ich, ein sehr wichtiger Punkt, wenn ein stärkendes soziales Umfeld auch vorhanden ist oder viele, die sich ja zurückgezogen haben, das ist ja ein häufiges Symptom bei verschiedenen Erkrankungen, vor allem bei Depressionen, aber eben auch schambedingt häufig auch bei Trauma-Folgestörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen,
00:10:56
Speaker
dann eben in so einem Setting soziale Kontakte auch wieder aufzubauen.
00:11:00
Speaker
Das kann man vollstationär, so leidlich, das kann man vielleicht digital machen oder per Nachrichten.
00:11:06
Speaker
Aber häufig ist es ja auch wirklich in der Tagesdienung eine super Sache zu sagen, okay, passen Sie mal auf, Wochenende steht an.
00:11:14
Speaker
Welche Freunde haben Sie denn krankheitsbedingt schon ganz lange nicht mehr gesehen?
00:11:17
Speaker
Ja, ich schäme mich so, ich habe mich da gar nicht mehr gemeldet, was soll ich denn jetzt machen?
00:11:22
Speaker
Ja, vielleicht könnten wir das ja mal in einem Rollenspiel üben.
00:11:27
Speaker
und das ist eine wichtige Person für Sie, ja, was würden Sie denn sagen?
00:11:31
Speaker
Und ich kann Ihnen dann ja mal rückmelden, wie ich das empfinden würde, als eine Möglichkeit.
00:11:35
Speaker
Und dann kommt ja ganz häufig, ja, ich habe mich lange nicht mehr gemeldet, ich habe mich so schlecht gefühlt und dann habe ich irgendwann den Zug verpasst und so weiter.
00:11:42
Speaker
Und das kann man dann ja auch wieder fördern.
00:11:45
Speaker
Also ich würde sagen,
00:11:47
Speaker
Alltagsfähigkeit ist das eine und das soziale Eingebundensein, da geht es auch um Familie, soziale Kontakte, Bordanbindungen, das ist ja auch häufig etwas, was dann alles wegfallen würde, wenn man vollstationär ginge und das müsste man dann genau mit den Klienten oder Interessenten eruieren, wenn das wegfallen würde, wäre das eher
00:12:09
Speaker
Es kann ja auch sein, dass da Reize dabei sind, die gerade eben genau die Überforderung ausmachen.
00:12:14
Speaker
Oder wenn man sagt, eigentlich sind das die Dinge, die sie zu wenig in letzter Zeit auch gemacht haben zur eigenen Stärkung, dann kann man das eben auch da wieder einüben.
00:12:25
Speaker
In dem Spannungsfeld bewegt man sich und was ja auch ein wichtiger Aspekt ist, man kann die Sachen, die man dann tagsüber erarbeitet, auch direkt im Transfer üben und Rückmeldung mitbringen.
Therapie im Alltag umsetzen
00:12:38
Speaker
Also ich habe, wie du das gerade sagst, ich versuche das mal so ein bisschen für mich verständlicher auszudrücken nochmal, für mich persönlich, weil der Transfer dann in den Alltag ist mir jetzt ein bisschen zu abstrakt, ich stelle mir einfach vor, ich
00:12:53
Speaker
müsste in eine Klinik gehen, in eine Traumaklinik zum Beispiel wie bei uns und wäre stationär weg und dann wäre ich drei Monate aus meinen Bezügen raus, vielleicht am Wochenende darf ich mal nach Hause.
00:13:02
Speaker
Aber es dreht sich doch da relativ viel, meines Erachtens, um die Aufarbeitung vergangener Events.
00:13:10
Speaker
Also das erlebe ich auch so.
00:13:11
Speaker
Ich habe ja in beiden Abteilungen gearbeitet, sowohl bei dir in der Tagesklinik, damals in der Pflege, als jetzt auch im Nachtdienst der Traumaklinik.
00:13:18
Speaker
Und da erlebe ich sehr viel.
00:13:19
Speaker
Die Leute gehen intensiv in der stationären Behandlung, in der vollstationären Behandlung an ihre vergangenen Traumaerinnerungen und Erlebnisse ran.
00:13:28
Speaker
Und ich habe es schon in der Tageslinik, insbesondere bei Visiten mit dir und so, so erlebt, dass man so ein bisschen mehr fast schon Teil hat.
00:13:35
Speaker
an den Beziehungen der Klienten, die sie im Außen führen und dass man irgendwann die Namen kennt, das ist der Johnny, das ist so und so.
00:13:45
Speaker
Man dankbarerweise, muss ich wirklich sagen, so einen Einblick bekommt in das Leben anderer, der auch wirklich sehr schützenswert ist, an dieser Stelle auch gesagt, da will ich jetzt gar nicht drüber reden, aber dass man einfach so ein Mitgehen, so ein bisschen Shadowing, so ein bisschen wie so ein kleiner Schatten im Hintergrund dabei ist, wie die Leute
00:14:03
Speaker
ihre Aufgaben angehen, auch im privaten Umfeld und dann daran wachsen und man tatsächlich manchmal mitfiebert und sagt, boah, endlich, die hat es geschafft und so.
00:14:12
Speaker
Und man ist ja wirklich mit in dem gegenwärtigen Erleben so ein bisschen mehr mit drin und kann Unterstützung bieten.
00:14:18
Speaker
Das habe ich viel stärker in der Tagesklinik erlebt.
00:14:22
Speaker
Würdest du mir da zustimmen?
00:14:24
Speaker
Ja genau, weil die natürlich zwischen diesen beiden Welten wandeln.
00:14:28
Speaker
Also wenn du bis um halb acht, Beispiel, du hast irgendwie zwei Kinder, die sind...
00:14:36
Speaker
schulfähigen Alter, dann machst du die morgens fertig.
00:14:39
Speaker
Mit allem Stress, der dazu kommt.
00:14:41
Speaker
Jeder, der Kinder hat, selbst wenn man gut strukturiert ist, kommen manchmal Sachen dazwischen, die sind nicht planbar, ist man gestresst.
00:14:50
Speaker
Dann fährt man mit dem Auto oder mit der Bahn in eine Tageslinik und dann taucht man ja für acht Stunden, achteinhalb Stunden schon in einen Schutzraum ein.
00:15:00
Speaker
Der ist ja sehr ähnlich, fast identisch wie bei vollstationär.
00:15:04
Speaker
nur eben auf diese 8,5 Stunden und nicht auf 24 Stunden erweitert.
00:15:09
Speaker
Und dann hat man natürlich aber auch schon direkt wieder die nächste Schwellensituation, nämlich man fährt wieder mit dem Auto, mit der Bahn, Fahrrad wieder zurück in sein häusliches Umfeld, was manchmal auch noch gar nicht so richtig verstoffwechseln kann.
00:15:24
Speaker
Was machen denn Mama und Papa da gerade in der Klinik?
00:15:28
Speaker
Das heißt, die verändern sich ja tagsüber auch schon beginnend innerlich.
00:15:33
Speaker
Das System draußen ist erstmal so, wie es ist.
00:15:35
Speaker
Und dann muss man aber auch wieder in andere Rollen schlüpfen.
00:15:38
Speaker
Und vielleicht merkt man aber, jetzt habe ich das aber heute eigentlich ganz gut verstanden in der Gruppe oder im Einzel, dass ich mir eigentlich immer zu viel Verantwortung anziehe und eigentlich die anderen mal ein bisschen mehr auch machen könnten, dass ich die da begleiten kann.
00:15:53
Speaker
Und zack ist man dann am Abend, wo das System aber eigentlich ähnlich geblieben ist,
00:15:59
Speaker
schon in dem Spannungsfeld drin und kann dann schon versuchen, ausprobieren, vielleicht Dinge auch mal anders zu machen, anzusprechen oder zu sagen, mir ist folgendes aufgefallen und ich würde gerne mal hier und da Sachen jetzt auch mal ein bisschen verändern.
00:16:11
Speaker
Ich glaube, das ist das Spannungsfeld und da begleiten wir und ich finde das wirklich eine sehr fruchtbare, aber auch nicht so ganz unanstrengende Zeit.
00:16:20
Speaker
Ja, das ist, glaube ich, so der Punkt.
00:16:21
Speaker
Man darf das, glaube ich, auch nicht unterschätzen.
00:16:24
Speaker
Also Alltag ist Teil der Therapie.
00:16:29
Speaker
Jetzt gehört ja zum Alltag dazu, dass wir verschiedenen Stressoren begegnen.
00:16:32
Speaker
Das sind soziale Stressoren, das sind persönliche Stressverstärker, die wir in uns haben, die die Situationen bewerten, die wir erleben.
00:16:40
Speaker
Also jeder hat ja so seine eigenen Gedankenkonstrukte, die den Alltag verstärken.
00:16:45
Speaker
Es gibt aber auch Stressoren, die nicht so einfach auszuschalten sind und die auch nicht individuell sind.
00:16:50
Speaker
Das ist Lärm, Licht und
00:16:52
Speaker
Lautstärke, Zeit, Verspätungen, Krach und bauliche, infrastrukturelle Stressoren, dass ich mitten in der Innenstadt wohne.
00:17:01
Speaker
Und jetzt möchte ich in eine Tagesklinik gehen.
00:17:03
Speaker
Und jetzt mal ganz konkret, wie weit kann man jemandem das zumuten, jeden Tag in eine Tagesklinik zu fahren, wenn...
00:17:11
Speaker
derjenige schon maximal gestresst ist.
00:17:13
Speaker
Und ich habe jetzt mal eben so den Begriff, bevor wir auf die Frage eingehen, Alltagsfähigkeit gehört.
00:17:19
Speaker
Du bist nicht mehr alltagsfähig, meines Erachtens.
00:17:21
Speaker
Das gilt jetzt an alle, die zuhören, wenn du dich morgens so fühlst, wie du dich abends fühlen solltest.
00:17:27
Speaker
Und zwar erschöpft und müde und so weiter.
00:17:29
Speaker
Wenn du schon so jeden Morgen aufwachst, jeden Morgen, dass du eigentlich denkst, der Tag ist schon... Eigentlich fühle ich mich schon so, als hätte ich den ganzen Tag schon erlebt.
00:17:36
Speaker
Dann ist die Alltagsfähigkeit nicht mehr gegeben, meines Erachtens.
00:17:39
Speaker
Und wie soll ich dann durch so eine, sag ich mal, wenn ich dann das Gefühl habe, ich muss jetzt 60 Kilometer zum Beispiel in eine Tagesklinik fahren nach Oberhausen oder nach Wesseling oder sonst wohin.
00:17:50
Speaker
Das gilt natürlich auch für alle aus allen anderen Bereichen des Landes.
00:17:55
Speaker
Wie kann ich das dann schaffen?
00:17:57
Speaker
Wie weit sollte der Radius sein?
00:17:59
Speaker
Also es gibt von, wenn ich nicht in der Viertelstunde da bin, schaffe ich das nicht, bis hin zu Leuten, die aus der Koblenzer Gegend oder aus Aachen kommen, wo ich dann auch wirklich im Erstgespräch sage, am Telefon oder im persönlichen Gespräch und ich dann Google Maps rausholen und sage, okay, wo wohnen Sie, das ist die Klinik.
00:18:20
Speaker
Das sind eine Stunde 15 pro Strecke.
00:18:24
Speaker
Also das müssen Sie sich wirklich gut überlegen.
00:18:26
Speaker
Ich finde es eigentlich zu lang.
00:18:28
Speaker
Wie wäre das denn für Sie, wenn Sie sich vorstellen, Sie müssten jetzt jeden Tag zwei Stunden Auto fahren, um in diese Klinik zu kommen?
00:18:36
Speaker
Und das ist total spannend, was es da für unterschiedliche Anforderungen gibt.
00:18:39
Speaker
Manche sagen, mein Auto ist für mich so ein Safe Space und ich fahre so gerne Auto und ich höre dann gerne noch einen Podcast und ich kann mich dann genau, also ich brauche eigentlich nach so einer intensiven Behandlung auch mal noch eine Stunde für mich.
Reiseüberlegungen für Tageskliniken
00:18:53
Speaker
Ich muss jetzt nicht nach einer Viertelstunde zu Hause reinpurzeln und dann kommen alle mit ihren anderen Bedürfnissen auf mich zugestürmt.
00:19:02
Speaker
Und das würde ich tatsächlich immer genauso offenlegen.
00:19:04
Speaker
Ich würde sagen, ich sehe das kritisch, aber wie wäre das denn für Sie?
00:19:08
Speaker
Fühlen Sie sich da mal rein, Sie fahren jetzt eine Stunde.
00:19:12
Speaker
Das ist manchmal ganz erstaunlich und da muss man, glaube ich, auch seine eigene persönliche Meinung dazu.
00:19:17
Speaker
Ich würde jetzt nicht eineinhalb Stunden pro Strecke irgendwo hinfahren, es sei denn, das ist noch das andere Thema,
00:19:23
Speaker
dass das Setting genau das wäre, was ich aber trotzdem gerade brauche und ich treffe eine innerliche Entscheidung und ich kann dann mit der Fahrtstrecke gut zurechtkommen.
00:19:33
Speaker
Aber ich würde so grundsätzlich da erstmal alles offen lassen und aber auch schauen, wie erschöpft ist jemand, wie erschöpft.
00:19:39
Speaker
eingeschränkt ist die Konzentrationsfähigkeit.
00:19:42
Speaker
Wir haben auch viele Patienten, wo immer mehr natürlich auch ADHS ein Thema ist oder Konzentrationsaufmerksamkeitsstörungen aufgrund von vielen anderen Erkrankungen, wo man dann auch gucken muss, okay, schaffen Sie nach 8,5 Stunden hochintensiver Behandlung noch so eine Fahrt?
00:19:58
Speaker
Also das machen wir auch sehr häufig mittlerweile, dass wir das auf Probe machen.
00:20:02
Speaker
Dass wir sagen, okay, passen Sie auf, kommen Sie bitte einmal zum Erstgespräch hin, dann können Sie ja schon mal genau gucken, wie ist das gerade?
00:20:09
Speaker
mit der Hinfahrt und der Rückfahrt.
00:20:11
Speaker
Dann geben Sie nachher nochmal eine Rückmeldung, wenn Sie in den nächsten Tagen Zeit haben, schreiben Sie nochmal ein Mail, wie war das.
00:20:15
Speaker
Oder wir machen es eben auch auf Probe sowieso, dass wir gucken, okay, wie intensiv ist das, wie ausgeprägt ist die Alltagseinschränkung und sonst kann man auch nochmal das Tätigen wechseln.
00:20:25
Speaker
Aber ich glaube, da würde ich mittlerweile, da habe ich da die Erfahrung gemacht, dass Fragen sowieso immer hilft, aber an der Stelle auch besonders.
00:20:35
Speaker
Also da würdest du auch sagen, es gibt bestimmte Grundpfeiler, die dürfen nicht angegriffen werden, aber ihr seid ansonsten in der Tagesklinik relativ flexibel, zum Beispiel auch mit den Tagen.
00:20:45
Speaker
Wenn jetzt jemand von sehr weit herkommt, anderthalb Stunden fährt, der aber sagt, mittwochs ist ein Termin, da sehe ich meine Tochter, die ich zum Beispiel nur alle zwei Wochen sehen kann oder irgendwie sowas, können wir dann so machen, dass ich Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag in die Tagesklinik komme, Mittwoch frei habe.
00:21:00
Speaker
Also kann man sowas schon pauschal sagen, dass man
00:21:04
Speaker
dass man Menschen immer die Hand reicht?
00:21:06
Speaker
Oder ist das auch wieder individuell von der Persönlichkeitsstruktur des Klienten abhängig?
00:21:11
Speaker
Ja, da gibt es doch eine andere Ebene.
00:21:12
Speaker
Die hast du jetzt noch nicht erwähnt.
00:21:13
Speaker
Natürlich auch die Behandlung wird ja von der Krankenkasse bezahlt.
00:21:16
Speaker
Und da kann man leider ganze Tage nicht so komplett rausnehmen.
00:21:20
Speaker
Also das ist eher ein strukturelles Thema.
00:21:23
Speaker
Würde ich mir, glaube ich, auch etwas flexibler wünschen.
00:21:26
Speaker
Aber ich würde sagen, wenn jetzt zum Beispiel jemand mittwochs, nachmittags feststellt,
00:21:31
Speaker
wenn man einen ganz wichtigen Termin hat, eben seine Tochter sehen kann, die er sonst nicht sieht, dann ist das natürlich eine wichtige Notwendigkeit, die auch unterstützt wird.
00:21:40
Speaker
Ja, im Rahmen einer Ressource, die man nicht abschneidet, sondern fördert.
00:21:46
Speaker
Genau, oder es gibt auch Leute, die haben, weiß ich nicht, Familientherapien, die sind dann vielleicht auch nochmal am ursprünglichen Heimatort und da müssen die hinfahren.
00:21:55
Speaker
Und das ist dann auch wirklich eine, wir nennen das ja gerne Belastungserprobung,
00:21:59
Speaker
Dass Sie wirklich sagen, okay, Sie fahren da hin, was kann Sie da erwarten, was sind so Fantasien, die da aufkommen, die kann man ja im Vorfeld auch schon gut vorbereiten und bearbeiten, was wäre Ihnen da wichtig mitzuteilen, wie können Sie auch, wenn es schwierig läuft,
00:22:15
Speaker
aber auch gut wieder den Rest des Tages verbringen.
00:22:17
Speaker
Also da sind wir genau in dem, was du eben ja gut gesagt hast, in diesem, ich nenne das gerne Spannungsfeld zwischen Klinikswelt und der Welt da draußen drin und in der Bearbeitung von
Stressbewältigungstechniken
00:22:44
Speaker
Ich lade dich nun ein, eine kurze Ressourcenübung mit mir zu machen.
00:22:50
Speaker
Gerade wenn wir uns jetzt in diesem Spannungsfeld auch thematisch gerade zwischen der Welt draußen und einer tagesklinischen Welt bewegt haben, ist es ganz gut, gerade in diesen Schwellensituationen noch mal Ressourcen zu aktivieren.
00:23:08
Speaker
Ich lade dich ein, mit mir erstmal ein bisschen Box zu breathen.
00:23:13
Speaker
Das heißt, wir atmen vier Sekunden ein, halten den Atem für vier Sekunden, atmen vier Sekunden aus, halten den Atem für vier Sekunden.
00:23:30
Speaker
Einatmen, zwei, drei, vier, halten, zwei, drei, vier, ausatmen, zwei, drei, vier, einatmen, zwei, drei, vier, halten, zwei, drei, vier.
00:23:58
Speaker
Und dann gehen wir in einen normalen Atemrhythmus wieder über.
00:24:06
Speaker
Und ich lade dich jetzt ein, dir eine Situation, eine Begebenheit, eine Erinnerung aus den letzten Tagen oder Wochen gedanklich vorzustellen, wo du dich ganz wohlig gefühlt hast.
00:24:25
Speaker
Oder eine Situation mit jemand anders oder mit dir alleine, wo du dich richtig gut gefühlt hast.
00:24:33
Speaker
Und wenn dieses innere Bild, diese Erinnerung in dir auftaucht, würde ich dich mal einladen zu gucken, wo du das gerade in deinem Körper spürst.
00:24:45
Speaker
Vielleicht merkst du eine Weite in der Brust oder ein Wärmegefühl in der Brust, in der Herzgegend oder sogar ein freudiges Kribbeln in den Händen oder im Bauchbereich.
00:25:02
Speaker
Und nimm dir einen Augenblick Zeit, das für dich wahrzunehmen und auch zu genießen.
00:25:11
Speaker
Und wenn du magst, kannst du das sogar noch ein bisschen körperlich verstärken und verankern, indem du jetzt dich selber umarmst und damit vielleicht mit beiden Händen auf die Oberarme gelangst.
00:25:28
Speaker
und dann langsam in einem Rhythmus so 1, 2, also im Wechsel links und rechts sozusagen dir selber mehr oder weniger auf die Oberarme oder symbolisch gesprochen auf die Schultern klopft, dass du diese Situation erlebt hast und nimm einfach mal wahr, was auf der körperlichen Ebene da passiert.
00:26:02
Speaker
Das kannst du auch zu Hause selber in Eigenregie immer mal wieder machen.
00:26:08
Speaker
So 10 bis 15 mal langsam tappen, so nennen wir das.
00:26:14
Speaker
Und vielleicht merkst du auch, wenn du das regelmäßig machst, was ich dir empfehlen würde,
00:26:20
Speaker
Dass du gerade in diesen Zwischensituationen, in diesen Schwellensituationen, wenn du sagst, okay, ich tauche gleich nochmal ein, dass du dir erstmal nochmal einen guten Körperstate selber hervorrufen kannst und dann in die nächste Situation übergehst.
00:26:37
Speaker
Was würdest du jemandem sagen, Dennis, der jetzt gerade denkt, ich halte das noch aus, ich ziehe das alleine durch im Leben so.
00:26:45
Speaker
Was würdest du dem sagen?
00:26:46
Speaker
Der sagt, ja, klingt alles spannend, aber ich halte das aus.
00:26:50
Speaker
Ich würde es erstmal respektieren.
00:26:53
Speaker
Allerdings ist meine Erfahrung auch, und da sind wir ja, finde ich, schon in Deutschland auch ein bisschen hinterwäldlerisch unterwegs, würde ich sagen, naja, präventiv.
00:27:05
Speaker
Es gibt schon eine deutliche Belastung.
00:27:07
Speaker
Und Sie haben jetzt aber beschrieben, wir sind ja die nächsten Monate.
00:27:10
Speaker
Und das sind so viele Items, die ich jetzt schon als sehr stressig mit Ihnen zusammen einstufen würde.
00:27:18
Speaker
Dann wäre vielleicht präventiv sogar ganz gut, nicht jetzt noch mehr in eine Symptomatik potenziell zu rutschen, sondern vielleicht wirklich auch früher schon sich Hilfe zu holen.
00:27:28
Speaker
Das finde ich, glaube ich, wichtig.
00:27:29
Speaker
Wir machen ja sowieso Verlaufskontrollen.
00:27:31
Speaker
Also in der Praxis würde ich dann natürlich sagen, okay, dann sehen wir uns in vier Wochen nochmal und schauen mal, wie es bis dahin ist.
00:27:37
Speaker
Das haben wir in der Klinik ja jetzt regelhaft so nicht, wenn wir ein Erstgespräch haben.
00:27:42
Speaker
Aber da würde ich dann eben schon auch die Klienten einladen, wenn die draußen schon ambulante Betreuer haben.
00:27:48
Speaker
das mit denen dort dann im Blick zu behalten.
00:27:50
Speaker
Ja, ist doch gut beantwortet.
00:27:51
Speaker
Das heißt, du lässt es bei demjenigen.
00:27:53
Speaker
Das ist erstmal gut zu wertschätzen, dass derjenige sagt, ich halte das noch aus.
00:27:57
Speaker
Und dann kann man ins Gespräch gehen und dann, wenn man sich das dann erläutern lässt, macht es entweder Sinn oder
00:28:04
Speaker
Oder weniger Sinn.
00:28:06
Speaker
Ja, spannendes Thema.
00:28:07
Speaker
Kannst du mir vielleicht mal noch so sagen, aus deiner eigenen Erfahrung, du bist jetzt seit zwölf Jahren in der Tagesklinik und hast du eine eigene Idee oder schon Analysen durchgeführt, welche Diagnose, welche Erkrankung...
00:28:23
Speaker
Welche Beeinträchtigung hat den größten Erfolg bisher für dich in einem tagesklinischen Setting?
00:28:29
Speaker
Sind es Depressionen, Erschöpfungssyndrome, Burnout, traumatische Erlebnisse?
00:28:36
Speaker
Wo würdest du sagen, das ist unglaublich gut in der Tagesklinik zu behandeln?
Effektivität der Tagesklinikbehandlung
00:28:45
Speaker
Das kann ja auch vielleicht andere Tageskliniken betreffen und sowas wie Essstörungen oder Ähnliches sein.
00:28:52
Speaker
Das muss ja nicht immer das sein, was wir behandeln.
00:28:55
Speaker
Ich tue mich mit einer pauschalen Aussage schwer.
00:28:59
Speaker
Eigentlich sind es mehrere Störungsbilder, genau die, die du schon genannt hast.
00:29:07
Speaker
Also Depressionen, somatoforme Störungen, also die wirklich rein körperlich auch häufig sind.
00:29:14
Speaker
Sich nur darstellen, erstmal haben wir wirklich sehr gute Behandlungserfolge.
00:29:19
Speaker
Trauma-Folgestörung, PTBS, abhängig davon, ob eine Abstinenz oder eine Distanz zu potenziellen Täterkontakten draußen auch gewährleistet ist, kann man auch eine sehr gute Traumabehandlung teilstationär machen.
00:29:32
Speaker
eben auch, wenn ein ansonsten stärkendes soziales Umfeld da ist, finde ich das extrem wichtig.
00:29:38
Speaker
Und natürlich grundsätzlich bei Angsterkrankungen finde ich das schon ein sehr wichtiges Setting, vielleicht eben auch nicht immer direkt teilstationär, aber vielleicht auch in der Folge nach einer vollstationären Behandlung dann in die Tageslinik zu wechseln, um
00:29:57
Speaker
Mögliches Vermeidungsverhalten, was bei Angsterkrankungen ja ein Riesenthema ist.
00:30:01
Speaker
Wenn ich mich einem Reiz nicht aussetze, geht es mir subjektiv kurzfristig besser.
00:30:05
Speaker
Auf Dauer habe ich aber natürlich dann auch eine negative Lernerfahrung.
00:30:09
Speaker
Wenn ich vermeide, stelle ich mich natürlich dem eigentlichen Problem an.
00:30:13
Speaker
Ein defensives Stress-Coping.
00:30:16
Speaker
Und das ist natürlich in der Tagesklinik ganz häufig gar nicht möglich und eben auch nicht erwünscht.
00:30:24
Speaker
Und dadurch ist man sehr viel mehr nochmal in der Alltagserprobung, Alltagsexposition, hat aber eben auch fünf Tage in der Woche die Möglichkeit, darüber zu sprechen, was einen da gerade umtreibt, beschäftigt, was schwierig gelaufen ist und kann eigentlich super zeitnah dann auch auf solche Situationen reagieren.
00:30:44
Speaker
Ja, super, vielen lieben Dank.
00:30:46
Speaker
Hast du das Gefühl, wir haben einen kurzen Eindruck vermitteln können, was die tagesklinische Behandlung ist?
00:30:53
Speaker
Oder ist dir etwas in Aspekten übrig geblieben, der dir gar nicht erwähnt ist oder wo du sagst, das wollte ich unbedingt noch teilen, hatte ich mich darauf vorbereitet?
Zugang zu mentalen Gesundheitsdiensten
00:31:02
Speaker
Ein Aspekt, den ich sehr wichtig finde, der auch mit der aktuellen Versorgungslandschaft in Deutschland zu tun hat.
00:31:09
Speaker
Es gibt im Moment eigentlich, finde ich, zu wenig therapeutische Anlaufstellen für das Ausmaß der betroffenen Menschen.
00:31:17
Speaker
Also ich habe ganz viele Klienten oder auch Patienten, die mittlerweile auch ohne Vorbehandler in die Tagesdienung kommen, weil die tatsächlich keine Therapeuten finden.
00:31:27
Speaker
Die haben 50 Leute, 70 Leute angeschrieben, die kriegen überall ein Nein.
00:31:31
Speaker
Dann haben sie vielleicht eine Kasse, die dann aber mit Kostenerstattung das nicht mitmacht.
00:31:34
Speaker
Also Kostenerstattung heißt, je nach Kasse und Vorgabe, sie haben zehn Therapeuten, die einen Kassensitz haben, angeschrieben, die haben aber abgelehnt.
00:31:43
Speaker
Dann kann man auch sich an eine Privatpraxis wenden und über das Kostenerstattungsverfahren die Psychotherapiekosten von der Kasse erstattet bekommen.
00:31:53
Speaker
Das machen aber ganz viele gar nicht mit, weil auch die Kassen zum Teil sich da sehr unterschiedlich kompliziert zu verhalten.
00:32:02
Speaker
Insofern finde ich, ist Tagesklinik für Leute, die wirklich lange gewartet haben, das greift vielleicht deine Frage von vorher nochmal auf,
00:32:09
Speaker
Ab wann würde man das empfehlen?
00:32:11
Speaker
Aber es gibt eben auch Leute, die lange gewartet haben und dann wirklich so akut erkrankt sind, dass sie, also selbst wenn die jetzt einen ambulanten Therapeuten hätten, das eigentlich gerade nicht mehr ausreichend wäre.
00:32:23
Speaker
Und dann ist Teilstationär, vielleicht sogar auch als Akuteinweisung, wirklich eine sehr sinnvolle und jetzt mal aus Kassensicht auch im Vergleich zu vollstationär,
00:32:34
Speaker
sogar eine kostengünstigere Variante.
00:32:37
Speaker
Aber darum geht es mir jetzt nicht, dass man jetzt irgendwie nur Kosten spart, im Gegenteil.
00:32:42
Speaker
Aber wenn es dann passend ist für das Spannungsfeld oder für das soziale Umfeld, dass man da noch drin bleibt, dann ist Teilstation ja eben auch für akute Situationen, gerade bei der Versorgungslandschaft im Moment eine sehr, sehr gute Erstbehandlungsmöglichkeit.
00:32:59
Speaker
Damit hast du, glaube ich, den Bogen rund gemacht.
00:33:02
Speaker
Es gibt noch eine Sache, die mir wichtig wäre zu sagen.
Humor in der Therapie
00:33:05
Speaker
Und zwar, ich habe ja in der Tagesklinik gearbeitet, auch mit dem Herrn Dr. Dennis hier als Oberarzt schon.
00:33:11
Speaker
Und es gibt eine Sache, die verliert man immer wieder, wenn man in Depressionen rutscht, in Erschöpfungssyndrome, wenn man traumatisiert ist.
00:33:21
Speaker
Und zwar, das ist Humor.
00:33:23
Speaker
Und ich weiß einfach, dass in der Tagesklinik, das ist jetzt keine Klaunerie da, aber dass du einen guten Zugang zum Humor hast und Dinge mit Humor wieder zu sehen, heißt sie in einem anderen Licht zu sehen.
00:33:37
Speaker
Und in der Tagesklinik gelingt das gut.
00:33:40
Speaker
Warum ich das mit dem Humor erwähne, es ist einfach eine Sache, die die meisten Menschen eben verloren haben oder verloren zu haben glauben und
00:33:50
Speaker
Das ist eine Möglichkeit auch in der Tagessin, wieder mit Humor und damit meine ich nicht Zynismus oder Sarkasmus zu sehen, sondern einfach wieder zu lachen mit anderen Menschen und das erlebe ich immer wieder.
00:34:03
Speaker
Da entstehen Freundschaften, da entstehen Gruppen, die auch darüber hinaus nach der Behandlung vielleicht irgendwo noch Kontakt haben.
00:34:12
Speaker
Und ja, von daher, wenn das ein Hindernis ist, dass man sagt, ich habe eh den Humor verloren, aber der kommt dann da auch wieder.
00:34:23
Speaker
Also ich habe das auch deshalb nochmal erwähnt, vielleicht das noch als Ergänzung, dass die Sorge sein kann, wenn ich jetzt das Leid der anderen da auch noch mittrage, was ich da höre.
00:34:34
Speaker
dann wird es noch schwerer, aber das ist eben nicht so.
00:34:38
Speaker
Selbst wenn wir das Leid der anderen hören, wird unser eigenes Leid leichter, wenn wir es teilen und das der anderen da auch und man kann dem ganzen Humor voll begegnen.
00:34:48
Speaker
Vielen lieben Dank, Dennis, dass du dich hier so der Tageskliniken, der Struktur, dass du dich da so Rede und Antwort gestellt hast und ihr Lieben da draußen, bleibt gesund und munter, ob all der Dinge, die
00:35:02
Speaker
auf euch zukommen und die ihr in Medien hört und so weiter.
00:35:06
Speaker
Das Leben hat viele Aspekte, auch viele, viele gute.
00:35:09
Speaker
Vielleicht ist es an dieser Stelle auch ganz gut, die Medien danach mal kurz zu pausieren, mal vor die Tür zu gehen, mal an den See zu gehen, an den Baum zu gehen, in der Natur zu gehen, den Frühling zu genießen.
00:35:20
Speaker
Und wie Peter Lustig immer bei Löwenzahn gesagt hat, so jetzt abschalten, nicht zu lange werden sie gucken.
00:35:30
Speaker
Alles Gute, ihr Lieben da draußen.