Transcript
Speaker: Nachgefragt.
Speaker: Geschlechterforschung im Blick.
Speaker: Was sind so Geschlechtshierarchien, die entstehen und welche Folgen hat das?
Speaker: Und das findet man ja schon auch in Gewaltbeziehungen wieder.
Speaker: Es ist ja viel gelungen, bezogen auf Gewalt, dass sie öffentlich geworden ist, dass es Einrichtungen gibt, Hilfeeinrichtungen, dass es Unterstützung gibt.
Speaker: Aber gleichzeitig ist es ja nicht gelungen, soweit man das sagen kann, dass Gewalt abgebaut worden ist.
Speaker: Hallo und herzlich willkommen zu Nachgefragt, dem Podcast des Gender- und Frauenforschungszentrums der hessischen Hochschulen.
Speaker: Hanna Haag, die Koordinatorin des GFFZ und ich, Sabrina Schmidt von der Internationalen Hochschule Berlin, begrüßen euch sehr herzlich zur heutigen Folge.
Speaker: Wir beschäftigen uns heute mit einem sehr wichtigen Thema der Geschlechterforschung, nämlich der Frage von Gewalt und quasi Gewalt im Kontext von Geschlechterforschung.
Speaker: Und haben uns dazu spannende Gästinnen eingeladen, die schon sehr lange in dem Bereich forschen und lehren.
Speaker: Und zwar Daphne Hahn und Margret Brückner.
Speaker: Und Hannah wird sie euch jetzt vorstellen und dann geht es auch schon los.
Speaker: Genau, ja.
Speaker: Hallo auch von meiner Seite.
Speaker: Ich würde einfach mal beginnen mit dir, Margret.
Speaker: Margret Brückner ist Soziologin und vertrat bis zu ihrer Rente die Professur für Soziologie, Frauen, Geschlechterforschung und Supervision an der Frankfurt University of Applied Sciences.
Speaker: Sie forschte unter anderem zu Gewalterfahrungen von sexuellen DienstleisterInnen
Speaker: und zahlreichen anderen Themen und hat auch zum Thema Gewalt und Gender umfangreich publiziert, würde ich sagen.
Speaker: Jüngst erschien der Beitrag Care-Arbeit zwischen Fürsorglichkeit und Gewalt im Sammelband Gewaltfrei arbeiten und leben bei Nomos.
Speaker: Schön, dass du da bist, Margret.
Speaker: Danke für die Einladung.
Speaker: Zu dir, Daphne Hahn.
Speaker: Daphne ist Gesundheitswissenschaftlerin und Professorin für empirische Sozialforschung an der Hochschule Fulda.
Speaker: Sie führte auch
Speaker: oder führt immer noch, wie du, Margret, zahlreiche Forschungsprojekte im Kontext von Geschlecht und Gewalt durch.
Speaker: Zu nennen wären hier zum Beispiel die Projekte Gesicht zur Gesundheitsförderung für Frauen nach häuslicher sexualisierter Gewalt.
Speaker: Oder auch vage Wege aus der Beziehungsgewalt, beide gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.
Speaker: Im letzten Jahr erschien das Praxishandbuch Interpersonelle Gewalt und Public Health bei BELTS.
Speaker: Und ja, jetzt freuen wir uns auf eine spannende Diskussion mit euch.
Speaker: Ich würde auch gleich einsteigen mit der ersten Frage, die wir eigentlich immer allen stellen, und zwar...
Speaker: interessiert uns brennend, warum ihr eigentlich Geschlechterforschung macht.
Speaker: Also wie seid ihr dazu gekommen?
Speaker: Was begeistert euch daran?
Speaker: Was ist so das, wofür ihr brennt?
Speaker: Daphne, magst du anfangen?
Speaker: Ich fange gerne an.
Speaker: Das hat bei mir mit...
Speaker: der Wende vor nun 35 Jahren zu tun.
Speaker: Ich hatte damals schon ein bisschen studiert Soziologie an der Humboldt-Universität, also sozusagen in dieser Wendezeit.
Speaker: Und da ist unglaublich viel passiert.
Speaker: Also viele Sachen im Bereich von Arbeit, dass Frauen ihre Arbeit verlieren sollten.
Speaker: Andere Themen im Bereich der reproduktiven Gesundheit und der sexuellen, also das Thema Schwangerschaftsabbruch.
Speaker: Und das fand ich damals so extrem spannend, dass ich begann, mich damit zu beschäftigen und bin in einem Projekt gelandet zur neuen sozialen Bewegung, in dem ich dann auch meine Diplomarbeit geschrieben habe, also zur Frauenbewegung in der DDR.
Speaker: Und gleichzeitig habe ich in
Speaker: Demografie-Kurs und mich mit dem aktuellen Thema damals, das war so Anfang der 90er Jahre, so extrem virulent, Frauen aus dem Osten, also aus der ehemaligen DDR, die sich sterilisieren lassen mussten oder sollten.
Speaker: Es wurde damals extrem skandalisiert, das war so Anfang der 90er und das fand ich so interessant, dass ich erstmal so alle Presseartikel gesammelt habe, da gibt es auch einen Text dann zur Diskursanalyse mit meiner späteren Doktormutter und kam dann auf eine sehr verrückte
Speaker: Beziehungsweise zu einem Forschungsprojekt, bevor ich mein Studium abgeschlossen hatte, das hat Regine Hildebrandt, also damals Sozial- und Gesundheitsministerin von Brandenburg, machen wollen.
Speaker: Und das ist bei mir gelandet, weil ich gerade mit diesem Thema beschäftigt war und durfte dann eine empirische Untersuchung in Brandenburg durchführen, eben genau zu diesem Thema.
Speaker: Warum lassen sich Frauen sterilisieren?
Speaker: Und es stellte sich eben damals heraus,
Speaker: dass es ganz viel damit zu tun hatte, dass sie Angst hatten, dass das Thema Schwangerschaftsabbruch, also die Regelung, die es in der DDR damals gab, seit 1972, die Legalisierung dann für sie verschwindet und sie wollten nicht, dass jemand über ihren Körper bestimmt.
Speaker: Das hat sich damals irgendwie bei mir auch
Speaker: sozusagen sehr stark ausgeprägt, also diese Wahrnehmung dieser Situation und des Umgangs damit.
Speaker: Und dann ist auch meine Dissertation daraus entstanden.
Speaker: Und dann kam ich irgendwie auch, also weil ich dann auch in der Geschlechterforschung an der Universität Potsdam promoviert habe, kam ich sozusagen zu diesem Thema und zu diesen Debatten und bin dann auch relativ zügig dann nach meiner Dissertation in einem Projekt gelandet.
Speaker: Da kam ich in die Gesundheitswissenschaften, weil ich habe Soziologie studiert.
Speaker: und kam in die Gesundheitswissenschaften und wurde gefragt, ob ich nicht an einem Frauengesundheitsbericht mitmachen möchte und bin sozusagen mehr in diese Gesundheitsforschung geraten, wo ich jetzt auch schon ziemlich viele Jahre bin.
Speaker: Das sind jetzt ja auch schon 30 Jahre, also doch relativ lang.
Speaker: Und wenn man sich mit Gesundheitsforschung beschäftigt, dann landet man irgendwann auch bei diesem Gewaltthema, also unvermeidlich.
Speaker: Und wenn man Frauen- und Gesundheitsthemen betrachtet, gibt es natürlich viele Themen in diesem Bereich, beschäftige mich auch mit anderen.
Speaker: Aber das ist eben auch ein starker Forschungszweig geworden.
Speaker: Und der hat sich jetzt auch schon über die letzten 20 Jahre hingezogen mit unterschiedlichsten Projekten.
Speaker: Und die Bedeutung dieses Themas hat auch gar nicht aufgehört.
Speaker: Also von daher komme ich aus dieser gesundheitswissenschaftlichen Seite jetzt zum Thema Gewalt und Gesundheit und Gesundheitsversorgung und beschäftige mich eben auch in verschiedenen Forschungsprojekten damit.
Speaker: Danke dir für den Einblick.
Speaker: Margret, wie war das bei dir?
Speaker: Mein Ausgangspunkt war die Frauenbewegung.
Speaker: Als ich angefangen habe zu studieren, gab es so etwas wie Geschlechterforschung überhaupt nicht.
Speaker: Keiner wusste davon, es war einfach nicht vorhanden.
Speaker: Ich habe angefangen zu studieren mit der Studentenbewegung 1968 rum.
Speaker: Und es war eine Zeit des Aufbruchs, es war eine Zeit des Kampfes um Demokratisierung gegen Vietnamkrieg.
Speaker: Und es gab den SDS, wo ich auch Mitglied war, den Sozialistischen Deutschen Studentenverbund.
Speaker: Und wir haben uns verstanden als diejenigen, die die Gesellschaft ändern wollen, an vielen Punkten.
Speaker: Und gleichzeitig stellte sich im Laufe der
Speaker: der Aktionen und der theoretischen Diskurse heraus, dass es immer die Männer waren, die da aktiv waren.
Speaker: Und dass die Frauen hinten standen, sich auch nicht so getraut haben, es war nicht üblich als Frau aktiv zu werden, als junge Frau.
Speaker: Und so dass...
Speaker: sowohl im öffentlichen wie auch im privaten diese Männerdominanz da war.
Speaker: Aber das mussten wir auch erst mal begreifen.
Speaker: Wenn es keine Begriffe dafür gibt und keine Wahrnehmung dafür gibt, ist es erst mal ein erster Schritt, so allmählich dazu zu kommen, zu denken, hoppla, es geht hier zwar dauernd um Demokratisierung, aber wo bleiben wir eigentlich als Frauen?
Speaker: Und dann kam es zur ersten Gründung von Selbsterfahrungsgruppen, Consciousness Raising,
Speaker: Es gab dann die Gründung des ersten Weiberrates, den Tomatenwurf in Berlin gegen die Genossen aufgrund ihres Machismo.
Speaker: Und es gab dann Sprüche wie das Private ist politisch.
Speaker: Das war sehr relevant.
Speaker: Das Private ist politisch auch völlig neu.
Speaker: Und im Zuge dessen wurde immer deutlicher, dass es politisch,
Speaker: Gewalt in einem Geschlechterverhältnis gibt.
Speaker: Und dass viele Frauen Gewalterfahrungen in unterschiedlichsten Bereichen hatten.
Speaker: Und daraus entstand einer der Schwerpunkte der Frauenbewegung.
Speaker: Nicht nur in Deutschland, damals erst noch vor allem in Westdeutschland, sondern auch in den USA.
Speaker: Das war ein großes Vorbild für uns.
Speaker: Aber auch England, Australien, in vielen Ländern gingen Frauen auf die Straße erstmals um die
Speaker: auch innerhalb der linken Bewegung zu gucken, was ist unsere Position und unsere Position zu verbessern.
Speaker: Daraus entstanden dann erste Überlegungen, dass das auch erforscht werden muss.
Speaker: Ich bin ja auch Soziologin, es gab dann eine Frauensektion in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die wir aufgebaut haben und es gab keine Vorbilder eigentlich, weil durch den Nationalsozialismus alle Vorbilder umgebracht waren, weg waren.
Speaker: Es gab keine Kontinuität zur ersten Frauenbewegung.
Speaker: So gab es da viel aufzubauen.
Speaker: Und für mich war dann nochmal ein wichtiger Schritt, in die Fachhochschule zu gehen.
Speaker: Da war die Fachhochschule gerade ein Jahr alt, als ich an die Fachhochschulen kam, Anfang der 70er Jahre.
Speaker: Und das war die Zeit der Gründung der ersten Frauenhäuser.
Speaker: Und da habe ich gedacht, wie kann ich verbinden, mein Frauenbewegungsinteresse mit meinem Beruf verbinden.
Speaker: der Ausbildung Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen.
Speaker: Und da war der Aufbau der Frauenhäuser und überhaupt dieses Thema Gewalt im Geschlechterverhältnis, das so allmählich an Form gewandt, besonders bezogen auf sexuelle Gewalt, auf Vergewaltigung und eben auch auf häusliche Gewalt.
Speaker: Wie kann ich das verbinden?
Speaker: Und habe dann ein erstes Frauenprojekt,
Speaker: an der Fachhochschule gegründet, wo viele sehr aktive Studierende mitgemacht haben.
Speaker: Und wir haben dann in dem ersten autonomen Frauenhaus in Frankfurt, das war nicht das erste, das war ungefähr das dritte Frauenhaus insgesamt in der alten Bundesrepublik, haben wir angefangen, dort als
Speaker: studentisches Projekt zu arbeiten und daraus sind erste Forschungsfragen entstanden für mich.
Speaker: Und daraus hat sich dann schlussendlich meine Promotion entwickelt, die hieß Die Liebe der Frauen zum Verhältnis von Weiblichkeit und Misshandlung.
Speaker: Und das war damals aber auch mir nur möglich zu schreiben, weil ich zwischenzeitlich in die USA gegangen bin und zwei Jahre in den USA war.
Speaker: wo diese Fragen sehr viel virulenter waren, sehr viel mehr diskutiert wurden und wo es Forschungsansätze gab zu dem Thema Gewalt gegen Frauen und wichtige Forscherinnen, die auch schon in die Gesellschaft reinwirken konnten.
Speaker: Es gab mehr Frauenhäuser und Ähnliches.
Speaker: Und da mit dem Gepäck bin ich dann zurückgekommen und das war dann für mich eine Möglichkeit,
Speaker: Und das hat mich immer gereizt, unbequeme Fragen zu stellen, sodass ich auch nicht nur auf Gegenliebe gestoßen bin.
Speaker: mit meinen ersten Arbeiten, weil ich auch den Blick auf die Frauen selbst geworfen habe, was mir bis heute sehr wichtig ist.
Speaker: Und wo es mir auch immer darum ging, was gibt es an Verstrickungen in Liebesbeziehungen.
Speaker: Und das war ein Blick, der sehr schwierig war für die Frauenbewegung, weil da das Thema, was natürlich stimmte, dass Frauen die Opfer der Gewalt waren, aber den Blick auf diese Opfer und niemand ist ja nur Opfer,
Speaker: den zu werfen und sich damit auseinanderzusetzen, was bedeutet das für die Frauen selbst.
Speaker: Ich habe auch immer einen psychoanalytischen Schwerpunkt gehabt.
Speaker: Ich bin auch Supervisorin und arbeite heute noch in diesem Bereich, auch mit Frauenprojekten zusammen, heute inzwischen auch mit Transprojekten.
Speaker: Und wo mir das wichtig ist, neben dem gesellschaftlichen Blick als Soziologin immer auch den Blick auf die Individualität und die Beziehungsstrukturen zu werfen.
Speaker: Und das begleitet mich über viele Untersuchungen, über viele Fragen, die sich mir inzwischen gestellt haben, besonders auch hinsichtlich von Institutionalisierung.
Speaker: Was bedeutet das, wenn eine Bewegung zu Institutionen wird?
Speaker: Und was ist da der Gewinn und was geht verloren?
Speaker: Ja, vielleicht erst mal so weit.
Speaker: Darf ich gleich mal einhaken, was ich total interessant finde, Margret, ist, dass du sagst, du warst auch lange im Vorstand eines Frauenhauses.
Speaker: Das war ich auch.
Speaker: Und danach bin ich dann Profamia-Vorsitzende geworden und fand das immer so als wesentlichen Teil meines Wissenschaftsverständnisses.
Speaker: Nämlich also nicht nur Wissenschaft zu machen, Forschung zu machen, sondern...
Speaker: diese Dinge also auch sozusagen der Praxis auch in die Forschung zu nehmen als Forschungsfragen und andererseits dann eben auch als Forscherin zu wirken, also mit dem, was ich dann auch geforscht habe, was ich gesellschaftlich auch relevant finde.
Speaker: Ich war nämlich lange im Vorstand des vierten Frauenhauses in Berlin und bin dann, und danach dann, das war dann 2011, bin ich dann Vorsitzende von ProFamia geworden.
Speaker: Das waren dann sieben Jahre bis 2017.
Speaker: Und das waren immer auch Themen, wo mein Fokus darauf lag, wo gibt es eigentlich auch Benachteiligung in der Gesellschaft?
Speaker: Also wofür werden Frauen insbesondere benachteiligt?
Speaker: Wo spiegeln sich eben auch
Speaker: Weiblichkeitsvorstellung wieder.
Speaker: Und da ist ja die Geschlechterforschung sehr stark, das auch zu zeigen.
Speaker: Was sind so Hierarchien, Geschlechterhierarchien, die entstehen und welche Folgen hat das?
Speaker: Und das findet man ja schon auch in Gewaltbeziehungen wieder.
Speaker: Und von daher ist das ja auch ein Thema, das wir von sehr unterschiedlichen Perspektiven bearbeitet haben.
Speaker: Also ich dann aus dieser Public-Health-Perspektive oder gesundheitswissenschaftlichen Perspektive,
Speaker: wenn man es mal so synonym nimmt, und du eben auch aus deiner Perspektive.
Speaker: Und ich finde beide total wichtig und interessant, also diese unterschiedlichen Perspektiven auch zu haben.
Speaker: Du hast ja auch in deiner Forschung, also hast du ja jahrelang dieses Thema beforscht.
Speaker: Ja, das finde ich wichtig, dass du da nochmal drauf hinweist.
Speaker: Und ich kann mir auch bis heute Forschung nicht ohne Praxis beweisen,
Speaker: Weil das natürlich sehr wichtig ist, um zu sehen, wie kommt es im wirklichen Leben an.
Speaker: Wir haben ja Hypothesen, wir haben Theorien, wir haben Bilder von Opfersein, von männlichen Tätern.
Speaker: Wir haben Bilder von Hilfeprozessen.
Speaker: Und da aber dann mal zu gucken, wie ist das in der Praxis?
Speaker: Wie wirkt sich das aus?
Speaker: Und wie viel differenzierter müssen wir noch mal denken,
Speaker: um zu verstehen, was die Vielschichtigkeit dieser Themen ist.
Speaker: Und daher bin ich heute auch noch in diesem Bereich aktiv.
Speaker: Ich bin eine der beiden Vorsitzenden im Landespräventionsrat in der Arbeitsgruppe Häusliche Gewalt.
Speaker: Ja, also das war ja schon, ich finde das total spannend, weil vieles, was ihr jetzt so erzählt habt, auch heute noch sehr aktuell ist und auch aktueller denn je.
Speaker: Also auch die Fragen...
Speaker: Deswegen, wenn ihr das jetzt quasi nochmal auf heute bezieht, womit beschäftigt ihr euch aktuell stark in Bezug auf Geschlecht und Gewalt oder Geschlechterverhältnisse und Gewalt?
Speaker: Was sind euch da wichtige Themen?
Speaker: Und vielleicht auch gerne, Margret hat es ja auch schon so ein bisschen angesprochen, auch aus einer intersektionalen Perspektive.
Speaker: Also wo steht ihr jetzt gerade?
Speaker: Ich kann ja mal beginnen.
Speaker: Also die Forschung zu Gewalt, die ich gerade mache, beziehungsweise schon seit einigen Jahren mache, Hanna hat es ja vorgestellt, das sind ja alles so Fragen, die gesundheitliche Perspektive und die Gesundheitsversorgungsperspektive betreffen.
Speaker: Aber da gibt es eben auch Schnittpunkte mit dem, was Marget gerade gesagt hat.
Speaker: Wir haben gerade so eine Reihe von Projekten.
Speaker: Das ist das Dritte, was wir jetzt gerade führen.
Speaker: Das guckt sich verschiedene Perspektiven an auf die gesundheitliche Versorgung, die auch
Speaker: relevant sind, also um eine gute Versorgung abzusichern.
Speaker: Das Erste, was wir gemacht haben, Projekt, das ist jetzt schon ein bisschen her und eben auch ein hessisches Projekt, da ging es um Kooperation und Vernetzung in Hessen.
Speaker: Also wie sind verschiedene Versorgungsebenen miteinander verknüpft und wie kommunizieren die?
Speaker: Und haben zum Beispiel uns auch an die runden Tische gewandt, weil ja die Frage für uns war, wie wird denn in die Debatten für die runden Tische, also um auch eine gute Begleitung von gewaltbetroffenen Frauen sicherzustellen, auch das Thema Gesundheitsversorgung mitgedacht.
Speaker: Und ich erzähle dann gleich nochmals, warum das Thema Gesundheitsversorgung so wichtig ist, aber erst mal was zu diesem Projekt und stellten fest, dass die Gesundheitsversorgung, also Vertretende aus der Gesundheitsversorgung, da kaum vertreten sind.
Speaker: Und das ist ein interessantes Phänomen, weil das ja eigentlich auch so relevant ist, weil die, ich weiß jetzt erstmal von Frauen, bevor wir zu der intersektionalen Perspektive kommen, weil die, wenn es so, sagen wir mal, Verletzungen gibt und ein großer Teil der Verletzungen, das sind ja auch körperliche Verletzungen, die auch sichtbar sind, also man sagt so, ca.
Speaker: 90% der Verletzungen, der unmittelbaren Verletzungen, die befinden sich im Hals-Kopf-Bereich,
Speaker: dann ist das ein Anlass auch in die Gesundheitsversorgung zu gehen.
Speaker: Deshalb ist die Gesundheitsversorgung auch so relevant.
Speaker: Und insofern wäre es im Prinzip auch immer wichtig zu gucken, wie solche Kooperationen zur Gesundheitsversorgung auch gehen können.
Speaker: Also wie diese Vernetzung und Kooperationen geht, auch zum Beispiel bei den runden Tischen.
Speaker: Wir stellten aber fest, dass diese Vertretenden aus der Gesundheitsversorgung relativ wenig dort an den runden Tischen teilnehmen.
Speaker: Sie sagen, das liegt eben auch an ihren zeitlichen Ressourcen.
Speaker: Also das ist ein organisatorisches Problem.
Speaker: Und das ist natürlich bedauerlich, weil das ja so ein wichtiger Teil auch der Betreuung, Begleitung von gewaltbetroffenen Personen auch ist.
Speaker: Also das fand man erst mal so als grundsätzliches Problem und anderes, also jetzt nur auf diese Kooperation und Vernetzung zu kommen, ist,
Speaker: dass die ambulante und die stationäre Versorgung nicht gut vernetzt sind, was eigentlich auch ganz zentral wäre, weil wenn die Frauen in die Klinik gehen und versorgt werden, dann ist ja die Frage, wie geht es dann weiter?
Speaker: Und diese Schnittstelle, die funktioniert zum Beispiel nicht zwischen stationärer und ambulanter Versorgung, was auch ein Problem ist, weil eigentlich die Idee ist, die auch in der WHO-Leitlinie zur gesundheitlichen Versorgung von gewaltbetroffenen Frauen ist,
Speaker: verankert ist auch diese Weiterleitung, die beinhaltet das auch, um das gut zu machen.
Speaker: Also wir sozusagen finden diese problematischen Stellen heraus und formulieren die dann entsprechend auch.
Speaker: Also das ermöglicht uns eben auch die Forschung, diese Dinge nochmal aufzuzeigen und zu gucken, wie funktioniert das oder wie funktioniert das eben nicht.
Speaker: Und daran anschließend haben wir ein Projekt gemacht, das jetzt auch schon abgeschlossen ist.
Speaker: Da haben wir die Sicht der Frauen selbst erfragt.
Speaker: Also wie erleben die gesundheitliche Versorgung und welche Erfahrungen machen sie damit?
Speaker: Und das ist auch sehr interessant, weil wir eben feststellten, und das ist, finde ich, auch eine ganz, ganz zentrale Erkenntnis, dass die in der gesundheitlichen Versorgung, die wir alle kennen, die Erfahrungen erzeugen,
Speaker: auch machen, die sie in ihre Gewaltbeziehung gemacht haben, nämlich von Fremdbestimmung.
Speaker: Also sie können da sehr wenig entscheiden und merken, dass die gesundheitliche Versorgung nicht so funktioniert, wie sie es brauchen.
Speaker: Also wie auch die WHO das zum Beispiel funktioniert, die Frauen ernst zu nehmen, in ihren Aussagen sie zu fragen und dann auch ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen.
Speaker: Das funktioniert nicht.
Speaker: Und das ist erst die Frauen, die wir interviewt haben, es waren 15,
Speaker: alle so formuliert haben, also dass sie die Gesundheitsversorgung wenig nutzen oder schlechte Erfahrungen gemacht haben, weil das zu selten passiert, dass da ihre Bedürfnisse auch angemessen berücksichtigt werden.
Speaker: Und das sind schon Dinge, da ist großer Veränderungsbedarf, weil das ja auch ein Ort ist, deshalb ist das ja auch so wichtig, die Gesundheitsversorgung, also wo man nicht nur behandelt, also das, was man am Anfang gleich sieht, also so Verletzungen, eingerissene Ohren, eingeschlagene Zähne, Frakturen, Hämatome, also alle diese Dinge,
Speaker: die man sehen kann, sondern eben auch, um Möglichkeiten zu entdecken, dann aus einer Gewaltbeziehung rauszukommen, also wie auch immer das dann passiert.
Speaker: Und das sind eben auch Dinge, finde ich, für die es Forschung braucht und für die wir irgendwie auch wichtige Ergebnisse geliefert haben.
Speaker: Und jetzt sind wir gerade dabei, das ist das aktuelle Projekt, was wir auch in Hessen machen.
Speaker: Da schauen wir uns die Fort- und Weiterbildung an, weil ja die Grundlage, das überhaupt zu können, also mit solchen Personen sprechen zu können, das ansprechen zu können oder eben auch ein wichtiger Bestandteil, das Gerichtsverwert war, dokumentieren zu können, das muss man erst mal lernen und auswählen.
Speaker: Viele haben das Problem, wie spreche ich sowas an?
Speaker: Also wie frage ich, ob dahinter eine Gewalterfahrung steht?
Speaker: Und diese Fort- und Weiterbildung, also ob es die gibt, das fragen wir gerade.
Speaker: Die Pflegeschulen, also bezieht sich auch auf Hessen, die Pflegeschulen und medizinische Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen in diesem Bereich.
Speaker: Das ist gerade das dritte Projekt.
Speaker: Und wir haben jetzt das große Glück,
Speaker: dass wir einen Antrag, das ist ein Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses, auch sozusagen ein Projekt beantragt haben, das diese drei Aspekte betrifft und das sich aber auf Gesamtdeutschland bezieht, dass wir das jetzt bewilligt bekommen haben und dann das, was wir auf Hessen bezogen haben, dann auch nochmal auf die gesamtdeutsche Ebene beziehen können.
Speaker: Also das erstmal kurz dazu.
Speaker: Ja, da kann ich gut anknüpfen.
Speaker: Die Basis meiner Überlegungen in den letzten Jahren ist jetzt weniger empirische Forschung im ähnlichen Sinne,
Speaker: als die theoretische Auswertung meiner Praxiserfahrung, sei es als Supervisorin, sei es als vielfache Vortragende in Frauenprojekten.
Speaker: Und da ist dieses Thema, was ist Erfolg und was ist die Kehrseite des Erfolgs, nämlich der Erfolg, es gibt inzwischen eine
Speaker: viele Maßnahmen, wie Daphne gerade geschildert hat, auch inzwischen im Gesundheitsbereich, Gott sei Dank.
Speaker: Und es gibt sowas wie Interventionsketten gegen häusliche Gewalt.
Speaker: Wir beginnen häufig mit dem Polizeieinsatz und über Interventionsstellen, über Beratungsstellen, Einbindung von Täterarbeit und so weiter und so weiter.
Speaker: Und die Frage, das ist einerseits gut und es ist sehr hilfreich für die Frauen,
Speaker: Und wichtig für die Männer, dass sie auch Ansprechpartner haben und dass es Einrichtungen gibt, wo sie auch zur Verantwortung gezogen werden.
Speaker: Auch das ist sehr wichtig im Sinne des Schutzes der Frauen und der Kinder.
Speaker: Das Problem, was auftaucht, ist genau das, was Daphne genannt hat, das Thema Entscheidungsfreiheit.
Speaker: Und das ist eine moralische, eine ethische, eine politische und auch eine theoretische Frage.
Speaker: Es gibt einerseits dieses aufgebaute Netz, wo man sagen kann, das funktioniert nach dem Wenn-Dann-Mechanismus.
Speaker: Das heißt, wenn eine Frau Gewalt erlitten hat, dann häufig interveniert die Polizei, dann gibt es den Polizeieinsatz, dann gibt es Beratung, eventuell den Weg ins Frauenhaus und so weiter und so weiter.
Speaker: Und das sind vorgezeichnete Wege.
Speaker: Und in Anführungsstrichen gute Opfer gehen diese Wege.
Speaker: Und das führt in der Professionalität auch zu einem Bild von Opfern, was die zu tun haben.
Speaker: wenn sie Gewalt erfahren haben.
Speaker: Und Frauen, die denen nicht nachkommen wollen, aus verschiedensten Gründen, die es dann gilt, auf Beratungsebene und auch auf Forschungsebene anzuschauen, für die wird es ganz schwierig.
Speaker: Denn deren Thema ist ja, dass eine Beziehung gescheitert ist.
Speaker: Und das Scheitern von Beziehungen funktioniert nicht nach dem Wenn-Dann-Modell, sondern funktioniert nach dem Sowohl-als-Auch-Modell.
Speaker: Ich möchte mich trennen, aber vielleicht doch nicht wegen der Kinder, wegen dem Lebensstandard, wegen was auch immer.
Speaker: Oder ich liebe ihn noch oder ich versuche, er wird sich ändern, wenn ich das und das mache und so weiter.
Speaker: Und doch will ich mich ändern und dann entstehen.
Speaker: sozusagen eher Kreislaufe im Denken und im Handeln und im Fühlen.
Speaker: Und die werden häufig nicht eingefangen von den Interventionsketten und führen zu Frust auch bei Professionellen, die davon ausgehen, wir haben doch jetzt diese Hilfeangebote.
Speaker: Warum funktioniert das alles nicht?
Speaker: Oder funktioniert es nur für diesen einen Teil der Frauen?
Speaker: Und das finde ich sehr wichtige Fragen auf allen Ebenen, sowohl zu schauen nochmal vom individuell Unbewussten auf gesellschaftliche Kontexte, auf Fragen wie, wenn wir den Schichtfaktor mit einbeziehen, Fragen der Verarmung, wenn ich eine Beziehung verlasse oder wenn ich den Migrationsfaktor einschließe, wenn ich ein Aufenthaltsrecht habe über die Ehe, wird es nochmal richtig schwierig.
Speaker: Das heißt, auch das sind alles Faktoren, die natürlich eine Rolle spielen und die zusammengedacht werden müssen.
Speaker: Und das ist mir immer ein ganz zentrales Anliegen, zusammenzudenken.
Speaker: Diese gesellschaftlichen Faktoren und heute natürlich auch nochmal der Blick auf diese ganze Frage von Queer und Trans und wo gibt es überhaupt alles Gewalt.
Speaker: dass es ja inzwischen klar ist, dass es nicht nur Gewalt in heterosexuellen Beziehungen gibt.
Speaker: Da war es das ursprüngliche Thema, weil das war, was man denken konnte, was öffentlich gelebt wurde, Heterosexualität, als dieses ganze Thema Gewalt aufkam.
Speaker: Heute wissen wir, dass es auch natürlich in
Speaker: Homosexuellen, in lesbischen Beziehungen und auch in queeren Beziehungen aller Art und in Transbeziehungen auch Formen von Gewalt gibt, wo man nochmal genau hingucken muss, was sind denn da die Hintergründe und Ursachen und da nochmal ein sehr differenzierter Blick nötig ist.
Speaker: Dann die Frage natürlich auch nochmal bezogen auf die Intersektionalität, wer wird erreicht von welchen Einrichtungen und Maßnahmen und wer nicht?
Speaker: Und das stellt sich doch als rechtsschichtsspezifisch heraus.
Speaker: Und dann noch mal ein ganz eigenes Thema, was aber sehr wichtig ist und heute eine große Rolle spielt und sehr umgelöst ist, das Zusammendenken von Frauen und Kindern.
Speaker: Und teilweise unterschiedlichen Interessen und vor allen Dingen den gesellschaftlichen Fortschritt eigentlich.
Speaker: Väter sind wichtig für die Erziehung.
Speaker: Wenn ich das in den Vordergrund stelle,
Speaker: dann habe ich vielleicht das Gewaltthema nicht so im Blick.
Speaker: Und das kann dann dazu führen und führt häufig vor allen Dingen vor Familiengerichten dazu und manchmal auch bei Jugendämtern, dass wichtiger ist zu sehen, dass der Vater eine Rolle spielen soll für seine Kinder und nicht zu sehen, dass ein Vater, der Gewalt gegen die Mutter ausübt, ein Vater ist, der ein sehr schwieriges Vorbild für die Kinder ist.
Speaker: Also an diesen ganzen verschiedenen Stricken, die aber zusammenkommen, das beschäftigt mich nach wie vor und treibt mich seit Jahrzehnten um in unterschiedlichen Weisen.
Speaker: Darf ich da gleich nochmal anknüpfen?
Speaker: Ja.
Speaker: Also weil du auch gerade nochmal so diese Perspektive auf die Frauen hattest.
Speaker: Ich fand bemerkenswert und ehrlich gesagt auch total erschütternd, auch wenn ich das aus der Forschung und aus der Literatur weiß, als wir nach Interviewpartnerinnen gingen,
Speaker: gesucht haben, haben wir auch mal in der Hochschule einen Aufruf gemacht und ich war wirklich erschüttert, wie viele sich gemeldet haben, die diese Erfahrung von unseren Studierenden auch gemacht haben.
Speaker: Klar weiß man, es gibt da keinen Unterschied mit sozialen Schichten, also was diese Gewalterfahrung betrifft.
Speaker: Aber das hat mich doch sehr, sehr erschüttert.
Speaker: Und auch die Erfahrung, mit der ich mich dann begonnen habe, mehr zu beschäftigen, die Mühen dann auch ein Studium zu absolvieren, aufgrund eben der Bedingungen, die dann damit verbunden sind, das fand ich auch für mich sehr bedenklich.
Speaker: Andererseits eben auch als Anregung, dann auch so etwas als Thema immer überall eigentlich aufzunehmen, dass einige der Interviewpartnerinnen, die wir dann interviewt haben, auch gesagt haben,
Speaker: dass auch die Auseinandersetzung im Studium, also ich habe ja das ja auch ein Teil des Lehrportfolios, dann solche Themen mit zu beschreiben, auch dazu führte, die Dinge erst mal so zu verstehen, also Gewalt als Gewalt zu verstehen.
Speaker: Weil wenn man in so einer Beziehungsdynamik ist, Magde, das ist wahrscheinlich eher so dein Thema, also die Beziehungsdynamiken, über die du vorhin gesprochen hast, zu erkennen, also dass das keine normale oder gesunde Beziehung ist und
Speaker: sondern dass es eine Gewaltbeziehung ist und dass man das als Gewalt benennen kann, gegen die man sich auch zur Wehr setzen kann, also wo man irgendwas machen kann.
Speaker: Und das scheint mir doch noch relativ weit verbreitet zu sein, also dass bestimmte Dinge gar nicht als Gewalt bezeichnet werden.
Speaker: Also das finde ich auch nochmal, ist ja so dringend auch zu tun.
Speaker: Also die Klarheit, was ist Gewalt zu haben.
Speaker: Ja.
Speaker: Ja, das ist natürlich ein ganz wichtiger Punkt.
Speaker: Was ist Gewalt?
Speaker: Und in den letzten Interviews, die ich gemacht habe mit Frauen in Frauenhäusern,
Speaker: Da ging es mir weniger um die Gewalt als um die Frage, wie sie eine Liebesbeziehung sehen.
Speaker: Und natürlich haben sie dann auch über ihre Erfahrungen gesprochen, die Frauen.
Speaker: Und was da ein für mich wichtiger Punkt war, dass mehrere Frauen gesagt haben, es war gar nicht die Gewalt, die für sie das Schlimmste war.
Speaker: sondern dass sie nicht gesehen wurden, dass der Mann sie nicht beachtet hat, dass sie betrogen worden sind.
Speaker: Und nochmal ein anderer Aspekt, diese Unterschiede, was du angesprochen hast, Stephanie, bei Studierenden zum Beispiel oder auch Kollegen, Kolleginnen, überall kann es solche und zwar auch sehr schlimme Gewaltverhältnisse geben, die aber sehr unterschiedlich sichtbar sind.
Speaker: Und die auch nochmal so ein Paradox, mich interessieren immer solche Paradoxen, also Sachen, die wenig auf der Hand liegen, dass man ja erstmal denkt, am schwersten haben es die Frauen wegzugehen, die in der schwierigsten sozialen Situation sind.
Speaker: Das stimmt offenbar nicht, sondern Frauen in höheren Positionen.
Speaker: haben manchmal das Problem, sprechen auch davon, auch in Interviews, dass sie ihren Status nicht verlieren wollen, ihren Stand nicht verlieren wollen.
Speaker: Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Kinder.
Speaker: Was das bedeutet, wenn sie diese Beziehung verlassen und aufgeben, was das für ein Skandal ist, für ein gesellschaftlicher Skandal ist.
Speaker: Was es für sie bedeutet, für ihre gesellschaftliche Position.
Speaker: Und was es bedeutet, ein Charme.
Speaker: dass die Scham da manchmal noch schwerer zu überwinden ist.
Speaker: Jetzt bin ich
Speaker: Soziologin, Ärztin, Rechtsanwältin und trotzdem passiert mir das und trotzdem habe ich vielleicht fünf Jahre, zehn Jahre in dieser Beziehung gelebt.
Speaker: Wie das bewältigt werden kann, dass das manchmal nochmal sehr, sehr viel Kraft kostet und sehr schwierig ist für die Frauen und dass ich das auch wichtig finde, das nochmal mitzudenken und in die Forschung reinzunehmen, um es auch sichtbar zu machen.
Speaker: Ja, danke.
Speaker: Ich habe das Gefühl, dieses Thema Gewalt ist wirklich ein Thema, das in der Breite der Gesellschaft auf jeden Fall verortet ist.
Speaker: Also man kann es gar nicht in bestimmte Milieus oder Schichten hineindenken.
Speaker: Ich habe es so mitgenommen, es ist irgendwie sehr unterschiedlich auch in der Vulnerabilität und dann auch im Umgang damit.
Speaker: Das hat mich jetzt gerade nochmal so als zentrales Thema auch
Speaker: begleitet, das, was ihr gerade gesagt habt.
Speaker: Wir haben euch ja gebeten, wie auch alle Gäste vor euch, ein Zitat mitzubringen aus einem Text, den ihr für dieses Thema, das wir heute ausgesucht haben, besonders wichtig findet, der euch vielleicht schon länger begleitet oder aber auch erst vor kurzem zu euch gekommen ist.
Speaker: Und wir würden euch jetzt bitten, einfach mal den Kontext auch zu nennen.
Speaker: Was ist das für ein Text?
Speaker: Ihn dann kurz auch vorzulesen.
Speaker: Und auch zu sagen, warum habt ihr ihn ausgewählt?
Speaker: Ihr könnt auch gerne dann wechselseitig aufeinander Bezug nehmen.
Speaker: Ja, ich würde vielleicht jetzt einfach mal mit Margret beginnen.
Speaker: Was hast du uns mitgebracht?
Speaker: Ja, ich habe einen Satz mitgebracht von Carol Hagemann White.
Speaker: Carol Hagemann White ist mit Sicherheit die allererste, denke ich, in Deutschland, die
Speaker: sich mit dem Thema sowohl praktisch wie wissenschaftlich beschäftigt hat und im ersten Berliner Frauenhaus mitgearbeitet hat und die Forschung geleitet hat zum ersten Berliner Frauenhaus, wo das erste Werk zu dem Thema häusliche Gewalt, hieß damals noch Gewalt gegen Frauen, entstanden ist.
Speaker: Und sie war für mich immer und ist bis heute ein wichtiges Vorbild, gerade auch in dem Zusammenbringen von politischem und wissenschaftlichem
Speaker: Zu ihrem Satz, der stammt schon aus den 1990er Jahren.
Speaker: Gewalt im Geschlechterverhältnis ist jede Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität einer Person, welche mit der Geschlechtlichkeit des Opfers und des Täters zusammenhängt und unter Ausnutzung eines Machtverhältnisses durch die strukturell stärkere Person zugefügt wird.
Speaker: Soll ich gleich was dazu sagen zu dem Satz nochmal?
Speaker: Was mir daran wichtig ist, ist dieses Thema die strukturell stärkere Person.
Speaker: Also da ist die gesellschaftliche Ebene drin.
Speaker: Da hat es etwas zu tun mit den Geschlechterverhältnissen im Sinne von Machtverhältnissen, von Hierarchisierung zwischen den Geschlechtern.
Speaker: Auch innerhalb der Geschlechter, aber eben vor allen Dingen auch zwischen den Geschlechtern und dass das der Ausgangspunkt ist.
Speaker: Und das finde ich sehr wichtig für die ganze Debatte.
Speaker: die sich dann Anfang der 2000er eröffnet hat, gibt es eine Symmetrie der Gewalt im Geschlechterverhältnis.
Speaker: Da gab es ja lange viel Streit und eigentlich bis heute.
Speaker: Wenn das mitgedacht wird, was es bedeutet, zwei strukturell sehr unterschiedlich mächtige Personen, die eine Beziehung eingehen und wenn das dann noch gesellschaftlich legitimiert wird und kulturell legitimiert wird, dass da dann eine
Speaker: Situation von Gewalt entsteht, gegen die sich die schwächere Person so schwer wehren kann und wo das so schwer ist, da rauszukommen aus diesem
Speaker: Gewaltstrukturen, weil sie einhergehen mit dieser Macht.
Speaker: Also das war das, was mich daran beschäftigt hat und mir sehr wichtig ist.
Speaker: Ja, danke, Margret.
Speaker: Möchtest du jetzt dein Zitat vorlesen, Daphne?
Speaker: Gerne, mache ich das.
Speaker: Ich habe was aus dem gesundheitswissenschaftlichen Bereich mitgebracht.
Speaker: Und das ist ein Zitat aus dem Weltbericht für Gewalt und Gesundheit.
Speaker: Und der Weltbericht ist schon etwas älter.
Speaker: Der erste war aus dem Jahr 2002.
Speaker: Und ich kann zumindest für mich sagen, dass ich nie vergessen habe, was ich da gelesen habe und dachte, ja, dieses Zitat.
Speaker: hat mich schon immer auch in meinem Denken und Arbeiten begleitet.
Speaker: Und zwar steht da, Gewalt gegen Frauen betrifft alle Gesellschaftsschichten in allen Teilen der Welt.
Speaker: Also schon sozusagen dieser Teil, der deutlich macht, dass es keine Frage von sozialer Position ist und auch keine Frage, an welcher Stelle der Welt man lebt, fand ich da so interessant, weil man ja immer so gewisse Vorstellungen auch hat.
Speaker: Also die einen haben das mehr, die anderen weniger.
Speaker: Es ist aber überall vertreten, auch wenn es natürlich auch Unterschiede gibt.
Speaker: Und dann geht es weiter.
Speaker: Körperliche Verletzungen reichen von Knochenbrüchen bis hin zu chronischen Gesundheitsschäden.
Speaker: Zu den Folgen für die reproduktive Gesundheit zählen gynäkologische Erkrankungen, sexuell übertragbare Infektionen, ungewollte Schwangerschaften und Komplikationen bei der Geburt.
Speaker: Psychische Störungen, darunter Depressionen und soziale Funktionsstörungen sind häufige Folgen von körperlicher Gewalt und sexuellem Missbrauch.
Speaker: Also diese hier formulierten gesundheitlichen Folgen, also die nicht nur kurzfristige sind, von denen ich auch vorhin berichtet habe, also das, was man unmittelbar sieht, was dann aber verschwindet, sondern das, was sich wirklich auch mittel- und langfristig körperlich verankert,
Speaker: Und wo es auch wichtig ist für die Gesundheitsversorgung zu wissen, dass es Folgen von Gewalt sind und nicht gerade irgendwie was Akutes.
Speaker: Also es sind ja eben auch so Magen-, Darmbeschwerden, Rückenbeschwerden, die langfristig auch Menschen begleiten können.
Speaker: Und wenn man dann keine Idee hat, wie solche Zusammenhänge sind, dann kann eben auch eine gesundheitliche Versorgung nie gelingen.
Speaker: Der Bericht, der jetzt auch schon ein bisschen älter ist, schon länger vorliegt, also die Repräsentativstudie zu Gewalt, also die gegenüber Frauen, die herausgefunden hat, dass jede dritte Frau in ihrem Leben irgendwann mit Partnergewalt konfrontiert war, natürlich in unterschiedlicher Beziehung.
Speaker: Wenn man das bedenkt, sind solche Sachen eigentlich schon immer mit zu berücksichtigen.
Speaker: Und gerade bei den psychischen Erkrankungen, also wenn man sich die Zahlen anschaut, also von Frauen, die Gewalt erlebt haben und in welcher Ausprägung sie häufiger dann von Angst- und Panikstörungen, Depressionen betroffen sind.
Speaker: Also bei Depressionen ist es ungefähr elfmal so viel.
Speaker: und sich die Zusammenhänge betrachtet, dann ist das auch immer wieder als Teil der gesundheitlichen und auch psychologischen Versorgung zu betrachten, wird aber auch da selten thematisiert.
Speaker: Und mir erscheint es also grundsätzlich wichtig, und deshalb habe ich dieses Zitat auch genommen,
Speaker: auch deutlich zu machen, welche Relevanz das hat.
Speaker: Also auch nochmal diese kurz-, mittel- und langfristigen gesundheitlichen Folgen, die eben auch bis Suizidalität gehen können, also Ursache sind dafür, dass sich dann Menschen das Leben nehmen.
Speaker: Das ist auch nochmal ein wichtiger Punkt.
Speaker: Also wie das auch Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, auch eben Lernstörungen beeinflusst und dazu führen kann, dass solche Sachen auch die Arbeits- und Lernfähigkeit extrem beeinträchtigen.
Speaker: Also deshalb auch dieses Zitat, weil es mich wirklich auch begleitet und sich so eingebrannt hat in meinem Kopf.
Speaker: Ja, besonders beeindruckend ist da die Langfristigkeit und die...
Speaker: dass es auf allen Ebenen gesundheitliche Folgen hat und jetzt eine Ebene noch dazu, welche gesellschaftlichen Kosten das verursacht.
Speaker: mit denen wir einfach leben, als wäre nichts weiter.
Speaker: Da gibt es ja dann auch Untersuchungen über gesellschaftliche Kosten, jetzt rein monetär.
Speaker: Und das kann man sich ja vorstellen, weil dieser Breite von gesundheitlichen Problemen, die da drin enthalten sind und die Frauen erleiden, dass das nicht kostenlos ist.
Speaker: Genau, und das ist was, was ich, also das macht mich auch sehr, sehr ärgerlich, also wenn ich darüber nachdenke, wie wenig ernsthaft, also gesellschaftlich gegen solche Formen von Gewalt, also generell Formen von Gewalt tut.
Speaker: Also die individuellen, die familiären Folgen und die gesellschaftlichen Folgen sind so groß, aber trotzdem wird das immer noch als etwas,
Speaker: normales Verstanden, also nicht ernsthaft genug verfolgt, egal welche Form von Gewalt.
Speaker: Ich finde, da müsste man viel, viel mehr Prävention betreiben.
Speaker: Ja, ein zentrales Stichwort Prävention.
Speaker: Denn es ist ja viel gelungen, bezogen auf Gewalt, dass sie öffentlich geworden ist, dass es Einrichtungen gibt, Hilfeeinrichtungen, dass es Unterstützung gibt,
Speaker: Aber gleichzeitig ist es ja nicht gelungen, soweit man das sagen kann, dass Gewalt abgebaut worden ist.
Speaker: Man muss immer ein bisschen vordesslich sein mit den quantitativen Studien.
Speaker: Wie gesagt, mit den Schwedern sieht man, dass das nicht so ganz so einfach ist und dass heute es vielleicht mehr Meldungen gibt und ähnliches.
Speaker: Aber trotzdem, das Ausmaß von Gewalt ist nach wie vor so erschreckend groß, dass da der Bedarf, sich auseinanderzusetzen mit Geschlechterverhältnissen und mit gewaltfreien Beziehungen auf allen Ebenen,
Speaker: Ja, das führt jetzt auch sehr gut zur Schlussfrage.
Speaker: Wir kommen leider schon zum Ende, aber für uns auch immer wichtig, unsere InterviewpartnerInnen zu fragen, was wünscht ihr euch für die Zukunft in Bezug auf Geschlecht und Gewalt, also Geschlechterverhältnisse und Gewalt, in Bezug auf Forschung, aber gerne auch, ich finde das, was du, Margret, gesagt hast, aus der Bewegung denken, in Bezug auf politische Verhältnisse,
Speaker: Ja, was wünscht ihr euch da für die Zukunft?
Speaker: Vielleicht fängt nochmal Daphne an jetzt.
Speaker: Also es gibt ja auch eine Reihe von Vereinbaren, auch europaweit, die Istanbul-Konvention, die vereinbart wurde, um auch Gewaltprävention zu betreiben, auch in der Gesundheitsversorgung, die erst 2018 in Deutschland ratifiziert wurde und finde ich, wo viel...
Speaker: Potenzial ist, also auch auf politischer Ebene was umzusetzen.
Speaker: Ich finde, das muss man entsprechend ernst nehmen.
Speaker: Und ja, man könnte, finde ich, auch auf wirklich relevanter politischer Ebene dieses Thema verfolgen.
Speaker: Ich wünschte mir manchmal auch ein Gesundheitsziel.
Speaker: Wir haben ja verschiedene nationale Gesundheitsziele, zum Beispiel Rauchen aufzugeben, das ist auch wichtig.
Speaker: Aber ich finde, dieses Thema Gewalt muss auch ein nationales Gesundheitsziel sein mit unterschiedlichen Akteuren, Akteurinnen.
Speaker: muss das verfolgt werden.
Speaker: Das wäre ein Thema.
Speaker: Ich selber, also forsche ja weiter.
Speaker: Ich hatte gerade von diesem Innovationsfondsprojekt erzählt und das ist insofern auch ein besonderes Projekt, weil es sehr praxisorientiert ist.
Speaker: Also man muss auch Empfehlungen geben.
Speaker: Das ist nicht die reine Forschung, sondern das ist ein Projekt, das verlangt festzulegen, in welcher Form das dann umgesetzt wird.
Speaker: Und das tun wir natürlich auch gern.
Speaker: Also von daher verbindet sich Forschung und auch meine Vorstellung, wie das auf politischer Ebene passieren kann.
Speaker: Also dass das, was wir geforscht haben, auch dann umgesetzt wird in der Praxis und auf politischer Ebene ernst genommen wird.
Speaker: Mein zentrales Stichwort wäre die Demokratisierung der Geschlechter- und Generationenverhältnisse.
Speaker: Da steht viel Arbeit uns bevor.
Speaker: Und was wir ja auch wissen ist, dass sowohl Gewalterleiden wie Gewalttätigkeit etwas zu tun hat mit Generationserfahrungen.
Speaker: Dass Frauen, die in ihrer Kindheit Gewalt erlitten haben, sei es sexuelle Gewalt, sei es körperliche Gewalt,
Speaker: oder auch Jungs, dass die dann geschlechtsspezifisch häufig das weitertragen.
Speaker: Also diesen transgenerationellen Faktor nicht zu vergessen.
Speaker: Und deswegen finde ich es wichtig, Geschlechter und Generationen zusammenzudenken im Sinne von nicht gewalttätigen Verhältnissen.
Speaker: Und da glaube ich, dass Demokratisierung eine große Rolle spielt und das glaube ich nicht nur, sondern das haben auch Untersuchungen in den USA gezeigt, dass Paarbeziehungen, die tendenziell gleichberechtigt sind und gleichmächtig sind, weniger häufig in Gewalt ausgehen.
Speaker: Übung enden, als welche, die von Anfang an hierarchisch aufgebaut sind.
Speaker: Das ist auch nicht zwingend, nicht jede hierarchische Struktur führt zur Gewalt, aber es kommt häufiger vor.
Speaker: Das finde ich sehr, sehr wichtig und
Speaker: nicht Gewalt immer mitzudenken.
Speaker: Und da macht mich sehr besorgt, dass diese neue soldatische Männlichkeit aufgrund dieser vielen Kriege, neue Form von Machismo, von Incels bis sonst wohin.
Speaker: Und auf der anderen Seite gibt es aber sowas wie Initiativen für Caring Dads, wo ich dann denke, eine fürsorgliche Männlichkeit, dass das auch Thema heute ist.
Speaker: Also an diesen Punkten weiterzuarbeiten,
Speaker: Das scheint mir sehr, sehr wichtig.
Speaker: Im Moment sehe ich da eher so eine gesellschaftliche Spaltung, dass es auf der einen Seite ein Bemühen gibt um Gewaltfreiheit und auf der anderen Seite aber eher das Gegenteil wieder stärker wird, dass Gewalt nicht so delegitimiert wird.
Speaker: wird mehr, wie es auch schon mal war, sei es jetzt in politischen Kontexten von rechter Gewalt, aber die ist ja dann nie auch nur politische Gewalt, sondern da muss man auch gucken, was es an häuslicher Gewalt gibt.
Speaker: Und was wir wissen ist, dass Länder, die Krieg führen, dass da auch die häusliche Gewalt zunimmt.
Speaker: Also auch in diesem Kontext das Zusammendenken von gesellschaftlichen Frieden und Gewaltfreiheit in Geschlechter- und Generationenverhältnissen, das ist mir wichtig, begleitet mich und da will ich weiter daran arbeiten.
Speaker: jedenfalls auf der Ebene von Forschung und aber auch von Politik.
Speaker: Danke.
Speaker: Ja, ich würde sagen, das ist ein schönes Schlusswort, liebe Margret.
Speaker: Danke für die anregende und ich würde sagen auch zukunftsweisende Diskussion.
Speaker: Ich denke, wir haben viel mitgenommen, wir haben viel gelernt über Gewalt und Geschlechterverhältnisse und ich würde sagen, da ist auch noch viel zu tun.
Speaker: Ich danke euch, dass ihr bei uns zu Gast wart und den Zuhörenden danke, dass ihr wieder reingehört habt.
Speaker: Bis zum nächsten Mal.
Speaker: Macht's gut.
Speaker: Vielen Dank an euch.
Speaker: Ja, danke euch und allen.
Speaker: Tschüss.



