Transcript
Speaker: Das ist T&Taktik, dein Podcast rund um wirksam Widerstand.
Speaker: Lea Bonazera, Dalila Schemia-Kökel und Monika Onken bringen wir Beispiele aus Forschung und Praxis.
Speaker: Guten Morgen und willkommen zu unserer mittlerweile 26.
Speaker: Folge von Tee und Taktik, unserem Podcast zu zivilem Widerstand, den Dalila, Moni und ich zusammen machen.
Speaker: In der letzten Folge haben die beiden über die Friedensbewegung der 80er Jahre gesprochen mit Ute Fink-Krämer, einer Mathematikerin, SPD-Politikerin und Pazifistin, die auch den Bund für Soziale Verteidigung mitgegründet hat.
Speaker: Und da lohnt es sich auf jeden Fall mal reinzuhören.
Speaker: Das Thema heute ist ein bisschen aktueller und zwar haben wir uns auf die Tagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung konzentriert, was in Deutschland, würde ich sagen, so der größte Zusammenschluss von Protestforschenden ist und wollen darüber sprechen, wie ist denn der Stand der Protestforschung, was wissen wir eigentlich wirklich über den Protest und was wissen wir auch nicht.
Speaker: Und auch wenn wir drei dieses Jahr nicht dabei sein konnten, hatten wir trotzdem unsere Ohren überall, denn wir durften der lieben Dammler vom IPB unsere Fragen mitgeben.
Speaker: Und sie hat sich umgehört auf der Tagung und mit verschiedenen Menschen gesprochen, die uns dann auch ihre Antworten geschickt haben.
Speaker: Also an dieser Stelle einen großen Dank an Dammler und alle, die die Schnipsel eingesprochen haben, auf die wir uns auch später beziehen werden.
Speaker: Und ich sitze auch hier heute nicht alleine, sondern habe das IPB quasi dabei, denn Lotte, Schwarz und Simon Teune sind hier.
Speaker: Und ich habe das Gefühl, wenn man sich in Deutschland mit Protest beschäftigt, dann kommt man an euch zwei nicht vorbei.
Speaker: Wollt ihr euch einmal kurz vorstellen und vielleicht auch etwas zum IPB sagen, worum es das gibt?
Speaker: Ja, hallo, mein Name ist Lotte Schwarz.
Speaker: Ich promoviere an der Skola Normale Superiore zu der deutschen Klimabewegung bzw.
Speaker: der Frage, wie die deutsche Klimabewegung den Kohleausstieg beeinflusst hat.
Speaker: Genau, und ich bin auch...
Speaker: im Vorstand des IPB tätig und ich freue mich heute hier zu sein.
Speaker: Hallo, ich bin Simon, Simon Teune und ich bin jemand, der schon sehr lange zu Protesten und sozialen Bewegungen forscht, also seit 2003.
Speaker: Da habe ich das erste Projekt mit Dieter Rucht gemacht und wir waren auch zwei derjenigen, die das Institut für Protesten und Bewegungsforschung gegründet haben vor 13 Jahren, 14 Jahren.
Speaker: Und genau die Idee war, dass wir da einfach Menschen zusammenbringen, die in diesem Themenfeld arbeiten und uns vernetzen, dass wir den Diskussionsraum schaffen, zusammen forschen und auch das, was wir erforschen, in die Öffentlichkeit tragen.
Speaker: Und das ist damals vor dem Hintergrund geschehen, dass es wenig Ressourcen gab für Protestforschung.
Speaker: Dieter hatte einen Job im WZB, im Wissenschaftszentrum Berlin und der ist in Rente gegangen und da sah es erstmal sehr schlecht aus mit der Nachfolge, dass da überhaupt irgendwas weiter passieren würde und mittlerweile hat sich die Situation ganz gut entwickelt.
Speaker: Also es gibt viele Kolleginnen, die weiter an dem Thema arbeiten und tatsächlich auch einige, die eine Professur haben, zum Teil sogar mit sozialen Bewegungen im Namen.
Speaker: Ich glaube, es sind ja mittlerweile über 200 Forschende auch im IPB.
Speaker: Also schon krass, was ihr aufgebaut habt.
Speaker: Und ich finde es richtig schön, dass ihr da seid.
Speaker: Die wichtigste Frage natürlich noch, welchen Tee trinkt ihr am liebsten?
Speaker: Lotte, wie ist es bei dir?
Speaker: Ich habe tatsächlich gar nicht meinen Lieblingstee dabei, sondern meinen Erkältungstee.
Speaker: Ich habe ganz ein bisschen Halsschmerzen.
Speaker: Ich habe es gerade schon in der Vorbesprechung gesagt.
Speaker: Und deswegen habe ich Kamillentee dabei.
Speaker: Und ich bin heute Morgen zu schnell aufgebrochen und habe meinen Lieblingstee vergessen.
Speaker: Das wäre ein Schweizer Bergkräutertee gewesen.
Speaker: Und deswegen musste ich jetzt hier im Büro gerade die Schublade durchsuchen und habe einen grünen Tee gefunden.
Speaker: Sehr ehrliche Antworten.
Speaker: Genau, also wir wollten ja die IPB-Tagung als aktuellen Anlass nehmen.
Speaker: Die hat ja Anfang Oktober stattgefunden, um darüber zu sprechen, wo steht eigentlich die Protestforschung, was wissen wir wirklich darüber.
Speaker: Könnt ihr nochmal kurz was dazu sagen, was so das Thema der IPB-Tagung dieses Jahr war und auch wie es war, wie lief es?
Speaker: Ja, wir machen die Jahrestagung jetzt auch schon eine ganze Weile und die Idee ist, dass wir da alle zusammenkommen, aber auch nochmal Leute von woanders einladen.
Speaker: Und die Jahrestagung ist sehr geprägt von den Leuten, die sozusagen relativ frisch im Feld sind.
Speaker: Also viele Leute, die an ihrer Doktorarbeit sitzen oder gerade mit dem Studium fertig sind.
Speaker: Und das war jetzt auch dieses Jahr
Speaker: Genauso, was wir dieses Mal machen wollten, war nicht zuzuhören, wie andere Leute ihre Arbeit vorstellen und deren Arbeit zu diskutieren, sondern die Konferenz mal ganz neu zu strukturieren und am Anfang zu überlegen, was sind eigentlich Fragen, die immer wieder auftauchen.
Speaker: in der Forschung zu Protesten und sozialen Bewegungen.
Speaker: Und was können wir eigentlich dazu sagen?
Speaker: Und sozusagen andersrum nicht zu hoffen, dass wir Gemeinsamkeiten zwischen unserer Forschung finden, sondern davon ausgehen, dass es die gibt und dann aus verschiedenen Perspektiven Beiträge dazu sammeln.
Speaker: Und das heißt, wir haben darüber gesprochen, was verstehen wir überhaupt unter einer sozialen Bewegung?
Speaker: Funktioniert Repression eigentlich?
Speaker: Unter welchen Bedingungen funktioniert die Zusammenarbeit zwischen sozialen Bewegungen im globalen Norden und Süden?
Speaker: Welche Rolle spielen Symbole und Bilder?
Speaker: Also ganz viele unterschiedliche Fragen.
Speaker: Und ich würde sagen, das hat gut geklappt insofern, dass wir sehr viele Positionen zusammenbringen konnten.
Speaker: Aber manchmal war es eben auch ein bisschen so, dass wir das Gefühl hatten, okay, und jetzt, also wir wissen, es gibt sehr viele unterschiedliche Perspektiven, aber was nehmen wir daraus mit oder was folgt daraus?
Speaker: Das hat mir am Ende ein bisschen gefehlt.
Speaker: Ich fand es auf jeden Fall sehr schade, dass ich nicht dabei sein konnte, aber wir sprechen jetzt ja gleich nochmal mehr über einzelne Themen im Detail.
Speaker: Vielleicht nochmal vorweg zur Transparenz.
Speaker: Also ihr seid ja auch auf uns zugekommen oder so ein bisschen von beiden Seiten und fördert ja jetzt auch diese Folge mit, das vielleicht nur vorweg gesagt wurde.
Speaker: Genau, und dann dachte ich mir, könnten wir ja erstmal, bevor wir jetzt auf so ein spezifisches Thema der Konferenz eingehen oder der Tagung, nochmal allgemein darüber sprechen.
Speaker: Also jeder hat ja in Deutschland gefühlt eine Meinung zu Protest.
Speaker: Und es gibt irgendwie so ganz viele Glaubenssätze, die sich da auch halten in der Gesellschaft.
Speaker: Von Protest nervt und bringt doch nichts zu Gewaltfreiheit.
Speaker: Also ja, Debatte zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit.
Speaker: Wie seht ihr das denn, also diese gesellschaftlichen Mythen, die es so gibt, welche davon konnte die Protestforschung widerlegen, welche konnte sie auch bestätigen?
Speaker: Ich würde sagen, das Wichtigste hast du schon genannt.
Speaker: Ich finde, der größte Mythos über Protest ist, dass es nichts bringt und vor allem, dass es naiv ist.
Speaker: Und ich finde, die Tagung konnte zeigen, aber eigentlich kann das ganze Feld zeigen, dass es unheimlich viele kleine und große Effekte von Protest gibt.
Speaker: Da würde uns die Geschichtswissenschaft bestimmt zustimmen.
Speaker: Also allein schon ein historischer Blick auf große Proteste wie antikoloniale Unabhängigkeitsbewegungen, die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die Friedensbewegungen in Deutschland zeigen, dass große politische Ereignisse mit Protesten einhergehen und dass die Proteste kümmern.
Speaker: quasi, man würde sagen, so kausale Faktoren sind, die diesen Wandel irgendwie teilweise herbeiführen.
Speaker: Und die Protestforschung hat ein sehr großes Interesse daran, man nennt das so Outcomes, Consequences und so weiter, von Protesten zu erforschen, natürlich auch teilweise kritisch in Frage zu stellen.
Speaker: Und dann gibt es immer wieder...
Speaker: Streitereien darum, wie diese Effekte
Speaker: zutage treten, ob das ja Begleiterscheinungen sind, ob das nicht eigentlich von anderen geopolitischen Faktoren verursacht wird etc.
Speaker: Aber es sind sich alle einig, dass es Effekte gibt und dass es sehr, sehr wichtig ist für unsere Gesellschaft.
Speaker: Und ich glaube, so diesen Punkt nochmal zu machen, das ist irgendwie Aufgabe der Forschung und das hat sich auch sehr stark in der Tagung widergespiegelt.
Speaker: Ich würde noch eine sehr langfristige Perspektive ergänzen.
Speaker: Ich würde sagen, dass tatsächlich die Forschung über Proteste und soziale Bewegung auch dazu beigetragen hat, dass sich das gesellschaftliche Bild von Protest verändert hat.
Speaker: Also jetzt wirklich in der langen Perspektive seit den 50er Jahren, wo so stark das Bild vorherrschte, dass Protest irgendwie was ist, was Leute machen, die sozusagen in der Masse ihre vernünftige Denken abgeben.
Speaker: Oder dass es eher als abweichendes Verhalten gesehen wurde und die Protestforschung konnte eben gut zeigen, dass das was ist, was von vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen erst mal gemacht wird.
Speaker: Also dass das eine normale Form ist, sich politisch zu engagieren und dass das auch wohl überlegt ist.
Speaker: Also dass die Menschen, die da auf die Straße gehen, das tun, weil sie sich da sehr bewusst für entschieden haben.
Speaker: Und ein anderer Punkt vielleicht, das ist vielleicht kein Mythos, sondern eher ein Vorurteil.
Speaker: Keine Ahnung, die Deutschen sind so protestfaul oder die Franzosen sind ja so protestfreudig.
Speaker: Da hat die vergleichende Protestforschung auch ein bisschen mehr Klarheit reingebracht, dass einfach unterschiedlich protestiert wird in den verschiedenen Ländern.
Speaker: dass es in Deutschland vielleicht eher so einen dauerhaften Strom von Protesten gibt und in Frankreich das stärker eruptiv stattfindet.
Speaker: Also da gibt es sozusagen größere Beulen in den Wellen von Protest, als das in Deutschland der Fall ist.
Speaker: Und noch ein Punkt, der mir eingefallen ist zu der Frage, dass ich glaube, wir auch ein bisschen dazu beitragen konnten, dass man nicht nur auf den Protest als ein spektakuläres Event guckt, sondern dass man sich auch damit beschäftigt, was steht denn dahinter?
Speaker: Also was sind die Forderungen, was ist die Organisation und auch die Dynamiken, zum Beispiel jetzt auch
Speaker: in Auseinandersetzung zwischen Polizei und Protestierenden.
Speaker: Also was passiert da eigentlich konkret, anstatt das irgendwie nur so als ein spektakuläres Ereignis zu beschreiben, wie das in der Medienberichterstattung häufig stattfindet?
Speaker: Woran denkt ihr liegt das?
Speaker: Weil für mich ist es manchmal so wie fast zwei verschiedene Welten, wenn wir uns in unserer Forschungsblase befinden, wo so ganz klar ist, okay, Protest und Demokratie gehen miteinander einher und es ist auch effektiv und
Speaker: Er hat zu so vielen Rechten beigetragen, die erkämpft werden konnten.
Speaker: Und gerade aktuell ja auch ist der Diskurs ja sehr kritisch dazu und Protest nicht als demokratiefeindlich, aber wird immer wieder gesehen als, ach, ist das nicht antidemokratisch, was da eigentlich passiert wurde, zum Beispiel in der Klimagerechtigkeitsbewegung und so.
Speaker: Und da schaffen wir es ja noch nicht als Protestforscher sozusagen, das ganze Wissen, was wir haben, wirklich auch in die Allgemeinheit zu tragen.
Speaker: Also was bräuchte es da noch, denkt ihr?
Speaker: Ja, ich würde sagen, es ist nicht ein Mangel an Wissen, sondern es ist eher eine politische Strategie, bestimmte Formen und Themen des Protestes an den Rand zu drängen und als nicht legitim einzuordnen.
Speaker: Und
Speaker: Ja, keine Ahnung, da finde ich irgendwie das eine Thema, was ganz offensichtlich ist, Protest, bei dem Gewalt stattfindet, ist etwas, was so sofort verdammt wird.
Speaker: Und
Speaker: Aber es muss ja gerade in Deutschland gar nicht so weit kommen.
Speaker: Also man muss ja gar nicht gewalttätig sein, um verdammt zu werden.
Speaker: Das habt ihr in der letzten Generation ja sehr deutlich gemerkt, dass sozusagen ein sehr überschaubarer Protest von der Eskalation her,
Speaker: dass der so heftige Reaktionen bekommt.
Speaker: Das liegt natürlich daran, dass der tatsächlich politisch wehgetan hat, weil er eben die Beständigkeit von fossilen Interessen in der Politik auf die Tagesordnung gesetzt hat.
Speaker: Und das sind Momente, die kann man auch nicht durch mehr Aufklärung infrage stellen, sondern die sind einfach beständig und da kann man nur politisch sozusagen gegen vorgehen.
Speaker: Ja, da kann ich mich nur anschließen.
Speaker: Also ich glaube, ich würde dieses in die Ecke stellen von Protest als irgendwie naiv und wirkungslos, vor allem als Demobilisierungsstrategie verstehen.
Speaker: Und in Bezug auf die Klimagerechtigkeitsbewegung ist ja eigentlich sehr gut,
Speaker: zu sehen gewesen, dass das zu bestimmten Öffnungen in einer politischen Möglichkeitsstruktur führen kann.
Speaker: Und ich glaube, dass es auch eine Gegenbewegung geben kann, je quasi realistischer eine bestimmte Bewegung etwas verändern kann, desto größer ist auch der Backlash.
Speaker: Vielleicht noch eine letzte Frage zu dem Punkt, aber seht ihr uns da auch als Forschende mehr in der Verantwortung, politischer zu werden zum Beispiel?
Speaker: Oder...
Speaker: sollten wir uns in unserer Blase weiter bewegen.
Speaker: Was meinst du mit politischer werden, ist vielleicht die Frage?
Speaker: Naja, wenn das Wissen da ist, aber es sozusagen daran scheitert, es weiterhin in die Gesellschaft zu tragen, weil, wie Simon meint, es eine politische Frage ist, dann müssten wir uns ja vielleicht als Forschende auch hinterfragen, geht unser Auftrag auch noch darüber hinaus.
Speaker: Wie das dann aussieht, das ist eine große Frage.
Speaker: Ja, also ich glaube, dass schon eine Aufgabe ist,
Speaker: die Forschungsergebnisse noch ein bisschen stärker an aktuelle Debatten zurückzubinden.
Speaker: Das war ja auch so ein bisschen ein Hintergedanke von der Tagungsorganisation.
Speaker: Aber, und ich könnte mir vorstellen, dass wir dann vielleicht auch später noch so darüber reden, auch die Art und Weise, wie man die Forschungsergebnisse vermittelt, einfach zugänglicher zu machen.
Speaker: Und ich glaube, das ist natürlich einfach eine
Speaker: ein Problem, was jetzt nicht die Social Movement Studies oder die Protestforschung im Allgemeinen hat, sondern vielleicht sich auch
Speaker: das Gros der Wissenschaft bezieht, dass der eigene Jargon, die eigene Sprache, eine bestimmte Art von Terminologie natürlich dazu führt, dass Forschungsergebnisse in dem Sinne nicht zugänglich sind und dass natürlich auch nicht genau die Fragen erforscht werden, die die Bewegungen interessieren.
Speaker: Teilweise schon, aber teilweise eben auch nicht.
Speaker: Ich glaube, das hat nicht nur negative Seiten.
Speaker: Ich glaube, es ist auch wichtig, dass die Forschung
Speaker: sich jetzt nicht als Dienstleister in dem Sinne versteht, aber das führt natürlich dazu, dass die Ergebnisse unzugänglicher bleiben.
Speaker: Wir haben ja genau diese Frage auch auf der Tagung diskutiert.
Speaker: Also was ist eigentlich die gesellschaftliche Verantwortung von uns als Protestforschenden?
Speaker: Ich war leider bei der Diskussion nicht dabei aus Orga-Gründen, weil wir andere Sachen gerade zu tun hatten.
Speaker: Aber also einen Punkt habe ich mitgenommen, als ich da drin saß.
Speaker: Und das ist, glaube ich, auch einer, wo sich alle einigen können, dass wenn sozusagen das Recht auf Protest eingeschränkt wird,
Speaker: dass die Protestforschung das klar markieren muss und sich da auch nicht sozusagen an der Seitenlinie aufhalten kann.
Speaker: Und gleichzeitig ist, glaube ich, eine Funktion von der Protestforschung auch, dass sie auch unangenehme Elemente im Protest ansprechen kann und sozusagen aus der Halbdistanz oder aus der Distanz darauf verweisen kann.
Speaker: Also das ist, glaube ich, eine Funktion, die die Forschung auch haben kann, dieses Reflexionspotenzial von Bewegung heraus zu fordern und zu sagen, guckt da mal genauer hin.
Speaker: Und ich hätte gerne das jetzt mal unabhängig, ich kann dazu nichts sagen, weil ich war wirklich in dieser Diskussion nicht drin.
Speaker: Ich weiß nicht, ob zum Beispiel da Wissenschaft gegen Faschismus diskutiert worden ist und wer da von uns dabei ist, da habe ich keine Ahnung.
Speaker: Das habe ich dummerweise verpasst.
Speaker: Aber das wäre so ein Beispiel, wo aus der Forschung heraus eine politische Intervention organisiert wird.
Speaker: Ja, also ich glaube, um in dieser Diskussion
Speaker: wie du gerade meintest, Simon, ging es viel auch um die pro-palästinensischen Proteste, insbesondere in Berlin.
Speaker: Aber da haben wir eigentlich eine ähnliche Gemengelage.
Speaker: Da würde ich sagen, kommt insbesondere die Rolle der Protestforschung aus, genau auf Verletzungen in der Versammlungsfreiheit, in der Meinungsfreiheit aufmerksam zu machen.
Speaker: Aber das finde ich ein gutes Beispiel.
Speaker: Genau da ist sozusagen auch die andere Verantwortung der Protestforschung gefragt, tatsächlich auch hinzugucken und zu fragen, okay,
Speaker: Wel ist denn eurer Meinung nach die Protestforschung?
Speaker: Also welche Stimmen werden da vor allen Dingen gehört?
Speaker: Welche übersehen wir da auch da vielleicht dabei?
Speaker: Sind die Forschungsfragen, kommen die auch von Aktivisten oder ist das eher jetzt von Menschen, die sich vor allen Dingen forschungsmäßig damit beschäftigen?
Speaker: Ich würde sagen, und Simon ergänzt mich da gerne, das würde mich auch interessieren, was du dazu denkst,
Speaker: Aktivistische Stimmen fehlen eigentlich eher.
Speaker: Also Protestforschung ist etwas, was sich in den letzten Jahren insbesondere sehr stark institutionalisiert hat, was natürlich gut ist, weil es für eine Etablierung des Feldes spricht.
Speaker: Aber ich glaube, es hat ein bisschen den Nachteil, dass es so sehr stark dann immer noch weiter in die akademische Institutionen so reingezogen wird und deswegen eben sehr stark umgekehrt.
Speaker: diesen Verwissenschaftlichungsprozess eben unterliegt.
Speaker: Und ich glaube, dass das noch zu einem anderen Problem führt.
Speaker: Und das ist nicht, wie gesagt, nur was, was nur die Protestforschung betrifft, sondern auch andere Felder, nämlich dass wir schon einen sehr starken Bias auf das jeweilige Heimatland haben.
Speaker: Also in Deutschland wird viel zu Deutschland geforscht, in Frankreich viel zu Frankreich etc.
Speaker: etc.
Speaker: Das hat natürlich auch ganz naheliebende Gründe insofern, als man häufig zu dem Bereich
Speaker: wo man eben auch die Erstsprache spricht, also jetzt als Deutsche dann in Deutschland etc.
Speaker: Aber ich glaube, es führt dazu, dass sich so die globale Ungleichheit dann in der Forschung widerspiegelt.
Speaker: Also dass wir einen sehr, sehr starken Fokus auf den globalen Norden haben und bestimmte Regionen der Welt extrem ausgeklammert werden.
Speaker: Also ich denke da insbesondere so an die Sub-Sahara-Region beispielsweise,
Speaker: Aber das betrifft natürlich auch noch andere Teile der Welt.
Speaker: Genau, ich glaube, eine Problematik, die ich trotzdem sehe, ist, dass bestimmte Proteste in Weltregionen des globalen Südens immer sehr stark innerhalb von so einer Ungleichheitslinse gesehen werden und weniger als
Speaker: Vorbilder-Proteste als Proteste, die quasi einen eigenständigen Wert haben.
Speaker: Würde ich genauso sehen.
Speaker: Also da gibt es sozusagen einen Missing Link zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden.
Speaker: Also es ist auch so, dass hier eher die Proteste in den USA oder in Frankreich, also die Länder, die traditionell näher an der eigenen Wahrnehmung dran sind, dass die auch sehr viel stärker beleuchtet werden und wahrgenommen werden.
Speaker: und ins Verhältnis gesetzt werden zu dem, was in Deutschland passiert.
Speaker: Ich glaube auch, dass es nach wie vor unterschiedliche Haltungen gibt innerhalb der Bewegungsforschung.
Speaker: In Deutschland ist aber, glaube ich, diese Halbdistanz sehr verbreitet, also dass man sich schon in erster Linie als Wissenschaftler, Wissenschaftlerin versteht und nicht in erster Linie als Aktivistin, die wissenschaftliche Methoden nutzt, um Wissen für soziale Bewegungen
Speaker: zu generieren.
Speaker: Also das ist in anderen Ländern anders.
Speaker: In UK zum Beispiel gibt es sozusagen diese Trennung gar nicht so deutlich, wie das in Deutschland der Fall ist.
Speaker: Aber hier würde ich sagen, ist das nach wie vor so.
Speaker: Das hat Vorteile und Nachteile.
Speaker: Ich glaube, sozusagen diese Zusammensetzung hat sich nicht wesentlich geändert.
Speaker: Oder es bedeutet einfach, dass Leute, die an der Uni sind und in sozialen Bewegungen aktiv sind,
Speaker: sozusagen diese Forschungsperspektive nicht in ihre Biografie weiterführen.
Speaker: Das ist weniger naheliegend, als es in anderen Ländern der Fall ist.
Speaker: Auch weil in Deutschland, das ist heute nicht mehr so stark wie früher vielleicht, aber das auch immer so ein bisschen Igitt war, wenn man in der Forschung zu nah dran war an seinem Gegenstand.
Speaker: Von daher es ja auch viele Methoden gibt, wie man damit dann umgehen kann.
Speaker: Also im Endeffekt ist es ja immer nur eine Frage, wie man dann sozusagen Forschung macht.
Speaker: Aber ich sehe auf jeden Fall, was ihr meint.
Speaker: Ja, eine spannende Frage ist vielleicht in dem Zuge auch, produziert die Protestforschung eigentlich das Wissen, was die Bewegungen brauchen?
Speaker: Weil oft ist es ja auch so, dass Aktivisten sehr skeptisch sind, sage ich mal, und auch gar nicht unbedingt mit Protestforschenden sprechen wollen, weil das viel Zeit kostet und ja auch Risiko birgt und dann doch selten was zurückgibt.
Speaker: Wie siehst du das oder wie seht ihr das?
Speaker: Ich würde sagen, es ist schon so, dass die Protestforschung in vielen Fällen nichts Neues ans Tageslicht bringt, sondern dass eher das Wissen oder die Intuition, das schon in sozialen Bewegungen vorhanden ist, bestätigen.
Speaker: Aber ich glaube schon, dass auch das akademisch produzierte Wissen eine Besonderheit hat gegenüber dem aktivistischen Wissen, weil es nämlich einfach kontrolliert erzeugt wird.
Speaker: Das heißt, der Weg, wie Fragen beantwortet werden, der muss von außen nachvollziehbar sein.
Speaker: Und das ist ein Punkt, wo Bewegungen von profitieren können.
Speaker: Es ist ja schlecht zu sagen, für mich fühlt sich das aber so an oder aus meiner Erfahrung heraus ist das so und so.
Speaker: Wenn man sozusagen das aus einer wissenschaftlichen Position bestätigt kriegt, dann kann das sehr wertvoll sein.
Speaker: Also keine Ahnung, bei Konfrontationen mit der Polizei macht das einen Unterschied, ob eine Sprecherin von einem Demonstrationsbündnis sagt, die Gewalt ging von der Polizei aus oder ob das eine wissenschaftliche Beobachterin im Nachhinein sagt.
Speaker: Also das ist, glaube ich, schon wichtig.
Speaker: Und auch das, was ich schon früher gesagt habe, dass die Forschung vielleicht auf Stellen guckt, wo Bewegungen nicht so gerne hingucken, ist, glaube ich, auch ein Potenzial und eine Möglichkeit, sich selbst zu reflexieren und Sachen auch besser und anders zu machen.
Speaker: Ich glaube auch, ein Problem ist teilweise, dass man,
Speaker: die Forschung sehr unklar umrissene Forschungsgegenstände hat, die dann zu unterschiedlichen Antworten führt.
Speaker: Und das führt manchmal zu Problemen in der Kommunikation,
Speaker: Ein Beispiel dafür ist die Frage, ob so disruptiver Protest, also zu vieler Ungehorsam, Streiks, Börkotte, was bringen, sage ich jetzt mal.
Speaker: Das ist so, würde ich sagen, eine der meist erforschtesten Fragen innerhalb der Protestforschung.
Speaker: Und es gibt sehr viele berühmte Werke, beispielsweise bei Gamsen oder sowas, die sagen, ja, das bringt auf jeden Fall was.
Speaker: Und ich war jetzt aber häufiger auf Konferenzen, wo ich gemerkt habe, dass die Leute zunehmend so, was man so als Backlash-These bezeichnet, vertreten.
Speaker: Also die Überlegung, dass dann dieser störende Prozess, wie beispielsweise von der letzten Generation eher dazu führt, dass die Leute verschreckt sind und eigentlich eher negative Konsequenzen hat.
Speaker: Und ich glaube, das lässt sich häufig so erklären, dass...
Speaker: unterschiedlich gemessen wird.
Speaker: Also dann die Leute, die die Backlash-These vertreten, sehr stark auf so Umfragewerte gehen und die anderen Leute, die das positiver sehen, ein bisschen mehrere Faktoren quasi mit einbeziehen, wenn es um so Erfolgsmessungen geht.
Speaker: Und ich denke, das so verdeutlicht, dass unterschiedliche Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen auf dieselbe Frage kommen und alle Studien
Speaker: in dem Sinne in Anführungszeichen richtig sind.
Speaker: Aber die Frage ist, was kommuniziert man dann letzten Endes?
Speaker: Und ich glaube, das weist vielleicht darauf hin, dass häufig ForscherInnen doch sehr stark politische Akteure sind, in dem Sinne, dass die Entscheidung, wie man was misst, welche Frage man stellt und so weiter, dass die sehr stark davon abhängt,
Speaker: wie man selber zu der Frage fühlt.
Speaker: Und ich glaube, das führt dazu, dass die Kommunikation vielleicht manchmal messy ist und dass die Fragen weniger klar beantwortet sind.
Speaker: Und ich glaube, man wünscht sich vielleicht manchmal als Person, die an einer Bewegung teilnimmt, dass man so ein Buch aufschlägt und sagt so, bringt das jetzt was oder bringt das nicht?
Speaker: Oder manchmal fragen mich auch Leute so, was ist denn jetzt die beste Strategie?
Speaker: Und
Speaker: Die Antworten sind halt häufig sehr unbefriedigend.
Speaker: Und ich glaube, dass deswegen vielleicht auch so, dass die Nachfrage vielleicht von aktivistischer Seite dadurch gedämpft wird.
Speaker: Wissenschaft ist halt in dem Fall...
Speaker: macht eine komplizierte Sache noch mal komplizierter, weil man die gleiche Frage stellen kann und zu unterschiedlichen Antworten kommen kann und das dann noch mal in einem Rahmen tut, wo ja auch das wissenschaftliche Wissen begierig aufgegriffen wird, wenn es eine bestimmte These bestätigt.
Speaker: Also dann haben die Leute, die genau diese Befragung machen,
Speaker: ist das nicht sozusagen von Nachteil, wenn man so protestiert.
Speaker: Die kriegen dann großes Medienecho, weil man dann am Ende beweisen kann oder einen Beweis dafür hat, dass diese Form zu demonstrieren falsch oder schlecht ist.
Speaker: Also das ist ja
Speaker: in der öffentlichen Diskussion etwas, was in den letzten Jahren total präsent geworden ist, dass das sofort beurteilt wird, wie ein Protest jetzt ist oder was der macht.
Speaker: Und das ist, glaube ich, auch ein Problem der schnellen Verfügbarkeit von Wissen.
Speaker: dass man sofort Belege aufgreift, die die eine Richtung untermauern.
Speaker: Aber wenn man dann genauer hinguckt, gibt es genauso Studien, die das Gegenteil zeigen oder andere Abstufungen oder so.
Speaker: Und ja, das macht es nicht einfacher, auch in der öffentlichen Kommunikation von akademischem Wissen.
Speaker: Jetzt haben wir schon viel darüber gesprochen, was macht Protestforschung eigentlich alles gut und was haben wir schon alles geleistet.
Speaker: Jetzt ist vielleicht die andere Seite auch ganz interessant, sich mal anzugucken.
Speaker: Und zwar, was wissen wir eigentlich noch nicht?
Speaker: Wo hören wir Bewegung vielleicht auch zu wenig zu?
Speaker: Was sind blinde Flecken in der Protestforschung?
Speaker: Was denkt ihr da?
Speaker: Was ich wichtig finde, die Bewegungsforschung ist ganz häufig so aufgestellt, dass sie Proteste noch weiter beleuchtet, die sowieso schon im Rampenlicht stehen.
Speaker: Also die Proteste, die erfolgreich sind, die wahrgenommen werden, die gerade debattiert werden, das sind die Proteste, über die dann Doktorarbeiten geschrieben werden.
Speaker: Und das kann sozusagen ganz extrem werden.
Speaker: Ich erinnere mich, als wir eine Befragung bei PEGIDA gemacht haben, da gab es ein riesen Medienecho.
Speaker: Und auf der einen Seite ist es gut, weil wir konnten eben auch auf problematische Aspekte von PEGIDA hinweisen, nachdem wir da die Forschung gemacht haben.
Speaker: Auf der anderen Seite hat aber PEGIDA auch den ganzen Sauerstoff gekriegt, durch den sie auch so erfolgreich
Speaker: gewesen sind.
Speaker: Also wir beschäftigen uns wenig mit dem Protest, der nicht abhebt.
Speaker: Also keine Ahnung, warum gibt es eigentlich gerade keine größeren Sozialproteste?
Speaker: Da haben wir keine guten Erklärungen für.
Speaker: Das ist natürlich wissenschaftlich auch schwerer zu bearbeiten.
Speaker: Aber keine Ahnung, auch was passiert, wenn Protest von der Bühne verschwindet.
Speaker: Welche Strategien entwickeln Bewegungen dann?
Speaker: Unter welchen Bedingungen sind Menschen eigentlich reaktivierbar für Proteste?
Speaker: Das würde ich sagen, ist eine große Lücke.
Speaker: Ja, und um noch ein Thema zu ergänzen, was mir persönlich am Herzen liegt.
Speaker: Ich glaube, das Problem ist auch immer, wenn man so fragt, ah, was sind quasi blinde Flecken, dann holt immer jede Forscherin, jeder Forscher so sein eigenes Thema raus und sagt so, ah ja, das, was ich mache, da gibt es noch zu wenig für.
Speaker: Ich glaube, das ist ein bisschen das Problem.
Speaker: Aber
Speaker: Ich finde, dass wir uns häufig sehr stark auf klassische Protestformen beziehen, insbesondere auf solche, die sich gegen staatliche Instanzen richten.
Speaker: Also wenn man zum Beispiel versucht, gegen oder für ein Gesetz zu protestieren beispielsweise,
Speaker: Und ich hatte auch mit Freude gesehen, dass ihr eine eigene Folge habt zur Mobilisierung gegen transnationale Unternehmen.
Speaker: Da habe ich auch mal reingehört.
Speaker: Und ich finde, dass generell wir ja auch in einer Welt leben, wo Unternehmen immer stärkeren Einfluss gewinnen, sei es jetzt mit dem Silicon Valley und AI, aber auch eben mit fossilen Energiekonzernen, genau.
Speaker: Und dass das
Speaker: insgesamt noch ein Feld ist, wo ich mir wünschen würde, dass es mehr Forschung gibt, weil es dann eben auch dazu kommt, dass die Strategien auch nochmal sehr stark abweichen, wenn es um Akteure geht, wo klassische Einflussmöglichkeiten wie beispielsweise durch Wahlen, durch Referenten eben ins Leere laufen, weil sie nicht in dem Sinne so demokratisch rückgebunden sind wie der Staat.
Speaker: Ja, KI finde ich sowieso, hast du jetzt als Stichwort genannt, auch ganz spannend nochmal aufzugreifen, weil das hatte auch einer der Teilnehmenden in den Schnipseln sozusagen uns geschickt, dass das ja auch jetzt gerade wie überall in der Gesellschaft aber ja eine große Frage ist, wie benutzen Bewegungen auch KI, was sind da die Vor- und Nachteile, weil auf der einen Seite ist es natürlich gut, wie jetzt auch bei der Arbeit, sage ich mal, wenn eine Bewegung muss, eine Pressemitteilung schreiben, das hat früher irgendwie den ganzen Abend gedauert und jetzt kann man das schnell machen, aber
Speaker: oder irgendwelche Redebeiträge vorbereiten, die natürlich dann vielleicht auch nicht so gut sind, wie wenn man sie selber geschrieben hätte.
Speaker: Und auf der anderen Seite ist es natürlich auch wieder eine Möglichkeit für den Staat oder große Konzerne natürlich Bewegung zu überwachen.
Speaker: Und ich habe auch das Gefühl, innerhalb von den Aktivisten,
Speaker: Aktivistinnenkreisen gibt es noch gar keine richtige Haltung dazu, wie jetzt mit KI umgegangen werden sollte.
Speaker: Also ist das etwas, was man viel nutzen will, was man wenig nutzen will.
Speaker: Also ich habe das Gefühl, dass das jetzt nochmal ein ganz neues Feld, was ja auch nochmal erforscht werden kann.
Speaker: Ein anderes großes Thema bei euch auf der Tagung, was ich sogar sagen würde, war ja einer der zwei Schwerpunkte, wenn ich das richtig gesehen habe, war die staatlichen Repressionen gegen Protest.
Speaker: Und da hatte ein Teilnehmender auch gesagt...
Speaker: Naja, ich glaube, es ist ja gerade schon eine Zeit, wo man auch befürchten muss, dass Repressionen in dem Bereich in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten vielleicht zunehmen werden, dass es neue Methodiken geben wird mit KI und Überwachung und so weiter.
Speaker: Und ich glaube, das besorgt mich und dann ist es...
Speaker: Ja, auch gut, sich darüber auszutauschen und Eindrücke zu gewinnen, auch wenn die dann nicht immer so positiv sind vielleicht.
Speaker: Was habt ihr denn genau zu diesem Thema besprochen auf der Tagung?
Speaker: Ja, mir fällt das schwer, das so zusammenzufassen.
Speaker: Ich glaube,
Speaker: Wenn man nochmal überlegt, warum nimmt das so viel Raum ein auf der Jahrestagung, dann hat das auch damit zu tun, dass es auch in der Protestforschung Konjunkturen gibt.
Speaker: Also das heißt, die aktuelle Forschung wird hauptsächlich in Abschlussarbeiten gemacht.
Speaker: Und die sind eben häufig nah am Geschehen dran.
Speaker: Die beschäftigen sich mit aktuellen Fragen.
Speaker: Und außerdem gibt es auch Überschneidungen von Wissenschaft und Aktivismus, die einen dazu bringen, sich damit auseinanderzusetzen.
Speaker: Und genau das ist das Thema, das gerade irgendwie einfach sehr viele Leute bewegt, weil es sehr präsent ist, weil wir einfach gerade eine deutliche Einschränkung von Protest sehen.
Speaker: wenn die letzte Generation als kriminelle Vereinigung verknackt werden soll, wenn wir zum Teil absurde Auflagen wie ein Sprachenverbot haben oder auch wiederkehrende Gewalt bei Palästina-Demonstrationen.
Speaker: Da ist es erst mal offensichtlich, dass sich da was verändert und verschoben hat.
Speaker: Also Repressionen hat es natürlich immer schon gegeben, aber das ist sozusagen sehr viel offensichtlicher geworden und es wird auch sehr viel weniger hinterfragt in den öffentlichen Debatten.
Speaker: Und es ist eben auch absehbar, dass mit der extremen Rechten an der Regierung noch eine stärkere Einschränkung zu erwarten ist.
Speaker: Das hat man in Sachsen schon gesehen, wo Pride-Parades nicht mehr als Demonstrationen anerkannt werden sollten und damit eben nicht mehr vom Grundgesetz geschützt sind als grundgesetzliche Meinungsäußerung.
Speaker: Und es ist genau, deswegen ist es ganz klar, dass man sich damit auseinandersetzen muss.
Speaker: Was bedeutet das eigentlich?
Speaker: Welche Strategien funktionieren und wo gibt es auch Momente, wo diese Strategien durchbrochen werden können?
Speaker: Ich glaube, das war sehr gut zusammengefasst.
Speaker: Vielleicht noch als Ergänzung.
Speaker: Du hattest ja auch gefragt so nach...
Speaker: Und ich glaube, dass ein Grund, warum wir uns viel mit Repression beschäftigen, genau die jetzigen aktuellen Entwicklungen sind.
Speaker: Also dass es eben verstärkte Repressionen gibt und dass Protest immer weiter entsteht.
Speaker: Stück für Stück Einschränkungen erfährt.
Speaker: Ich denke, das ist was, was ihr in der Klimabewegung ja auch quasi am eigenen Leib erfahren habt, dass es viele Sachen immer schwieriger geworden sind, sich auch beispielsweise so U-Haft ausgeweitet hat etc.
Speaker: Ich glaube aber auch, dass es nochmal wichtig ist zu betonen, dass diese Prozesse nicht unaufhaltsam sind und dass
Speaker: Ja, da würde ich gerne nochmal so zu diesen Mythen zurückkommen, weil ich glaube, eine, die ich sehr stark in den Medien lese und auch teilweise, wenn ich mich mit Leuten aus linken Bewegungen unterhalte, zu hören bekomme, ist diese Idee, dass der Rechtsruck quasi unaufhaltbar ist.
Speaker: Also die Rechten, die haben solche ausgefuchsten populistischen Kommunikationsstrategien, die zerstreiten sich nicht so häufig wie die Linken etc.
Speaker: Und eigentlich
Speaker: müssen wir uns entweder was bei denen abschauen oder wir haben denen eigentlich nichts entgegenzusetzen.
Speaker: Und das ist auch was, was die Forschung zeigt, dass das einfach nicht stimmt.
Speaker: Also rechte Gruppen und rechte Akteure sind genauso Gruppen, die, ich sage jetzt mal ganz platt, auch nur mit Wasser kochen.
Speaker: Die zerstreiten sich auch, die haben lange Pläne, die ergebnislos bleiben, die haben einzelne Randständige,
Speaker: Personen, die sie ausschließen müssen und um die sie sich dann zerstreiten.
Speaker: Da gibt es ganz gute Arbeiten von Michael Zeller auch zu.
Speaker: Und ich glaube, das heißt umgekehrt eben auch für linke Bewegungen vielleicht im Allgemeinen, dass so Demobilisierungsstrategien gegen rechte Bewegungen auch wirksam sein können und dass dieser antidemokratische Wandel nicht in Stein gemeißelt ist.
Speaker: Das kann man vielleicht auch für Repressionen sagen, weil ein wichtiger Punkt bei der Diskussion war, dass Repressionen einmal natürlich die staatlichen Maßnahmen sind, aber dass das auch immer begleitet ist von einer öffentlichen Repression in der Debatte über Protest.
Speaker: Und man kann nicht irgendwie darauf einwirken, wie die Polizei sich verhält.
Speaker: zumindest nicht direkt, aber man kann den öffentlichen Diskurs mitbestimmen oder auch in Frage stellen, wie über Protest geredet wird.
Speaker: Und das spielt eben auch eine wichtige Rolle in der Legitimierung auch von Repression.
Speaker: Ja, genau, das ist das, was wir uns auf jeden Fall hier auf dem Kalano nochmal in Zukunft genauer anschauen werden.
Speaker: Also was gibt es überhaupt an Repressionen?
Speaker: Wie und wo steigen sie gerade?
Speaker: Was gibt es da für absurde Beispiele auch vor dem
Speaker: Hintergrund, dass ich ja selber auch angeklagt bin, was Tuschelmann ist mit dem 129er-Verfahren gegen die letzte Generation, wo versucht wird, sie als kriminelle Vereinigung darzustellen.
Speaker: Ich war jetzt auch im September auf einer Konferenz in der Schweiz, wo sich auch gerade, habe ich das Gefühl, nicht nur in Deutschland, sondern in Europa ganz viele Forschende zusammentun, um eben diese ansteigenden Repressionen gegen Protest zu erforschen.
Speaker: Auch den Gerichtssaal sich anzuschauen, wie
Speaker: agieren da eigentlich die Angeklagten, also die Protestierenden, was sind Strategien von Staatsanwälten, wie verhalten sich Richterinnen und so weiter.
Speaker: Also da gibt es ja gerade echt einen Boom, würde ich sagen, an Wissen und den nochmal so ein bisschen mehr aufzudröseln.
Speaker: Das ist, glaube ich, was, was wir uns auch vornehmen wollen hier mit T- und Taktik.
Speaker: Lotte, du hast jetzt gerade nochmal was Interessantes gesagt zu dem Rechtsruck und auch rechten Bewegungen.
Speaker: Das ist auch immer eine spannende Frage.
Speaker: Wie viel weiß eigentlich die Protestforschung zum Beispiel jetzt auch über rechte Bewegungen?
Speaker: Und da wissen wir oder hatten wir schon mal in der Folge auch besprochen, dass die sich ja ähnlichen...
Speaker: Theorien auch bedienen, wie jetzt zum Beispiel der Klimabewegung oder anderen Bewegungen, also die gleichen Bücher lesen, die gleichen Beispiele sich sozusagen vornehmen.
Speaker: Wie viel wissen wir so zu diesen Bewegungen?
Speaker: Ich bin jetzt keine Expertin für die All-Right-Bewegung oder Neurichte-Bewegung im Speziellen.
Speaker: Ich würde sagen, dass wir ein bisschen weniger wissen über rechte Bewegung.
Speaker: Das ist ein Feld, das vielleicht ein bisschen stiefmütterlicher behandelt wird.
Speaker: Das liegt zu dem einen, würde ich sagen, daran, dass häufig Protestforschende zu Bewegungen forschen, die ihnen in irgendeiner Weise nahestehen.
Speaker: Und auf der anderen Seite daran, dass der Feldzugang ein bisschen schwieriger ist.
Speaker: Insbesondere, wenn wir über rechtsextreme Gruppen sprechen und natürlich auch stärker mit Gefahren und Datenverzerrung in der Interviewbefragung einhergehen.
Speaker: Ich würde schon sagen, dass das Thema viel Raum einnimmt in der Bewegungsforschung.
Speaker: Vielleicht sind die Leute, die in dem Feld arbeiten, dann stärker orientiert an der Rechtsextremismusforschung, die ja schon länger etabliert ist und
Speaker: Eine Besonderheit der letzten Welle von der extremen Rechten ist ja, dass Proteste da eine größere Rolle spielen.
Speaker: Also vor allen Dingen in Deutschland.
Speaker: Die AfD wird es in der Form nicht geben, wenn Pegida nicht so erfolgreich gewesen wäre.
Speaker: Und deswegen haben sich da schon ziemlich viele Leute drauf gestürzt, sind dann aber auch sehr schnell auf Probleme gestoßen.
Speaker: Also auch ganz einfach
Speaker: Probleme des Zugangs und auch des emotionalen Umgangs mit dem, was man da konfrontiert ist.
Speaker: Also wenn man biografische Interviews führt mit Rechtsextremen,
Speaker: dann nimmt man ganz schön viel mit nach Hause.
Speaker: Und das ist auch was, was man sozusagen in der Forschung berücksichtigen muss, dass man da nicht alleine ist, sondern dass man da auch eine Form von Austausch hat mit anderen und ein System, das einen auffängt in solchen Situationen.
Speaker: Aber was wir, glaube ich, ganz gut sagen können mittlerweile, ist sozusagen, mit welchen Strategien und
Speaker: welchen Logiken zu Protesten mobilisiert wird und wie das wiederum mit Parteien zusammenspielt oder mit den Wahlerfolgen von Parteien.
Speaker: Also da gibt es, glaube ich, schon relativ gute Forschung zu, die dann auch zeigen kann, wie verhält sich eigentlich das Aufkommen von Protesten zu Protesten.
Speaker: den Wahlergebnissen von Parteien.
Speaker: Auch andersrum, wenn es Gegenproteste gibt, sieht man, dass die AfD-Ergebnisse sozusagen signifikant niedriger sind in den Orten, wo das stattfindet.
Speaker: Also das
Speaker: Da passiert gerade eine ganze Menge und das ist aber auch ein Forschungsfeld, was sich so zwischen Protestforschung und der Rechtsextremismusforschung bewegt.
Speaker: Und deswegen weiß man vielleicht nicht sofort so viel darüber.
Speaker: Also oder geht mir genauso, dass ich irgendwie mit den, dass ich die Erkenntnisse nicht so parat habe wie in anderen Feldern.
Speaker: Ja, so viel in Bewegung, viel in Gang, höre ich heraus.
Speaker: Ja, danke euch auf jeden Fall.
Speaker: Unsere Tradition ist ja bei TheonTaktik auch, dass wir ein Abschlusszitat teilen und ich euch da noch eine Frage dazu stelle.
Speaker: Und ich habe so ein bisschen die IPB-Website durchforscht und mich einfach mal da nach Zitaten umguckt und sehr viele schöne gefunden.
Speaker: Also es lohnt sich auf jeden Fall, da auf die Seite auch mal zu gehen und zu gucken, was ihr alles da schon gemacht habt.
Speaker: Simon, ich habe eins von dir gefunden, das fand ich ganz schön.
Speaker: Proteste erzeugen Demokratinnen und Demokraten, indem Menschen Selbstwirksamkeit erfahren und sich selbst als Teil einer gestaltbaren Demokratie erleben.
Speaker: Das fand ich irgendwie einfach ganz schön zu sagen, ach, Protest erzeugt Demokratinnen und Demokratinnen.
Speaker: Was würdet ihr denn diesen Menschen jetzt mitgeben, die sich engagieren über Protest oder auch in der Allgemeinheit sich einsetzen für die Demokratie?
Speaker: Ja, vielleicht fange ich an, weil du gerade mich zitiert hast.
Speaker: Ich würde sagen, es gibt gerade einigen Grund zur Frustration, vielleicht auch zur Resignation.
Speaker: Und das merken wir alle buchstäblich am eigenen Leib.
Speaker: Also wir schlafen vielleicht schlecht, wir verkrampfen.
Speaker: chronische Beschwerden oder Krankheiten, die hauen jetzt gerade voll rein.
Speaker: Und gleichzeitig dürfen wir nicht aufgeben, weil Demokratie funktioniert nur, wenn alle mitmachen.
Speaker: Und das ist, glaube ich, das Einzige, was auch gegen die Hoffnungslosigkeit hilft, in Bewegung zu bleiben oder sich in Bewegung zu setzen.
Speaker: Und das muss ja nicht immer gleich die große Aktion sein.
Speaker: Vielleicht ist es auch gesund, sich aus dem Zusammenhang rauszuziehen und dafür an anderer Stelle einzusteigen.
Speaker: Wenn man das Gefühl hat, da bin ich irgendwie gerade in der Sackgasse oder das kostet mich zu viel Energie.
Speaker: Demokratie lebt jedenfalls davon, dass sich viele Menschen an ganz unterschiedlichen Orten zusammenschließen, sich gegenseitig stützen und füreinander einstehen.
Speaker: Und das kann sehr kleinteilig sein.
Speaker: Also ich steige bei einer SolarWie ein, bei einer solidarischen Landwirtschaft.
Speaker: Ich trete in eine Partei ein, wo ich das Gefühl habe, da geht gerade was oder ich vernetze mich mit NachbarInnen zum Thema, das uns alle angeht.
Speaker: Tempo 30 vor der Schule, Mietenerhöhungen, die kommt, obwohl das Haus immer noch im gleichen abhermlichen Zustand ist.
Speaker: Also ich glaube, wir brauchen jetzt gerade die kleinen Gewinne, damit wir nicht vergessen, dass Veränderung von unten kommt und das gerade jetzt, wo es irgendwie so anstrengend und so schwer ist.
Speaker: Und mein Ratschlag für Leute, die bereits in einer Gruppe sind und sich für ein Thema einsetzen, wäre, zusammenzuhalten.
Speaker: Eine Sache, mit der ich mich gerade viel beschäftige, auch insbesondere im Zuge der Doktorarbeit,
Speaker: ist, dass häufig Sachen dann am besten gelingen, wenn verschiedene Gruppen, die verschiedene Taktiken fahren, irgendwie miteinander kooperieren.
Speaker: Also beispielsweise moderate Flügel von Bewegungen, die sich stärker auf Klageverfahren konzentrieren mit Menschen.
Speaker: subversiveren Gruppen, die vielleicht eher direkte Aktionen machen etc.
Speaker: Und dass das nicht Sachen sind, die sich gegensätzlich ausschließen oder bestimmte Tendenzen haben, sich zu untergraben, sondern dass es eigentlich am Ende alles zusammenkommt.
Speaker: Und deswegen würde ich vielleicht zu mehr Verständnis und vielleicht auch zu mehr Solidarität aufrufen wollen.
Speaker: Ja, schöne Worte und schön, dass ihr da wart und dass wir auch die Türen so ein bisschen öffnen konnten in die Tagung und da nochmal Einblicke geben konnten.
Speaker: Auch vielen Dank an alle, die die Schnipsel eingesprochen haben und an Dammler, die sie eingesammelt hat.
Speaker: Wenn ihr den Podcast unterstützen wollt, dann freuen wir uns sehr über eine Spende oder auch wenn ihr jetzt auf unserer neuen Instagram-Seite vorbeischaut, die wir jetzt gerade erst angefangen haben,
Speaker: Und nächstes Mal wird es dann mit einem auch sehr spannenden Thema weitergehen, was auch auf der Tagung präsent war, nämlich den Chancen und Hürden der globalen Gerechtigkeitsbewegung.
Speaker: Deswegen nochmal vielen Dank, Lotte und Simon, dass ihr da wart und bis bald.
Speaker: Vielen Dank.
Speaker: Sehr gerne, danke für die Einladung.
Speaker: Diese Kampf ist eine, die man gewinnen kann.






