
Einen Tag nach der Bundestagswahl 2025 saß ich mit Ronja von Wurmb-Seibel in ihrem Wohnzimmer in Bayern. Ronja, SPIEGEL-Bestseller-Autorin und eine der profiliertesten Stimmen des konstruktiven Journalismus in Deutschland, spricht über widersprüchliche Gefühle: Hoffnung und Sorge, Aktivismus und Erschöpfung. Wenige Monate später kandidiert sie im konservativen Landkreis Fürstenfeldbruck für die Grünen als Landrätin - ein Schritt, der die Grenze zwischen Beobachten und Gestalten endgültig auflöst.
Fast zwei Jahre lebte sie als Reporterin in Kabul. Dort lernte sie, umgeben von Krieg und Katastrophen, dass Geschichten mehr können, als nur Probleme zu beschreiben. Sie können zeigen, wie Menschen trotz allem Kraft finden, aktiv werden und Veränderung gestalten. Diese Erkenntnis prägt ihre Arbeit bis heute.
Mit ihrem Partner Niklas von Wurmb-Seibel hat sie eine radikal andere Form des Journalismus entwickelt. Ihre Produktionsfirma BROT + ZWIEBEL bringt Filme nicht ins Fernsehen, sondern in Polizeiakademien, Jobcenter, Ministerien. Der Film ist Ausgangspunkt für moderierte Gespräche, die oft zu konkreten Veränderungsprozessen führen. Mit ihrem Film "Wir sind jetzt hier" haben sie mittlerweile über 900 solcher Veranstaltungen durchgeführt - jede einzelne ein Raum, in dem Menschen zusammenkommen, die sonst nie miteinander sprechen würden.
In ihrem SPIEGEL-Bestseller "Zusammen" (2024) beschreibt Ronja, wie Einsamkeit zu Radikalisierung führt und warum Verbundenheit demokratische Gesellschaften stabilisiert. Ihre Analyse ist keine akademische Übung. Sie ist gelebte Praxis: Im bayerischen Dünzelbach haben sie und Niklas ein Gästehaus für Künstler*innen gegründet, einen Ort, an dem Gemeinschaft konkret wird.
Wir sprechen über die Balance zwischen Hoffnung und Realismus, über Journalismus als Intervention, über die Macht des Zuhörens und darüber, wie man ein Leben gestaltet, in dem Arbeit und Werte nicht auseinanderfallen.